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Streiks in Hongkong

Die Proteste in Hongkong alarmieren nicht nur die Regierung in Peking.

(Foto: action press)

Report Lockruf der Freiheit: Wie Unternehmen in den Sog des Hongkong-Konflikts geraten

Trotz massiven Drucks aus Peking halten die Hongkongchinesen an ihren Forderungen fest. Die Wirtschaft gerät zunehmend zwischen die Fronten.
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Hongkong Nur rund dreieinhalb Stunden mit dem Flugzeug von Peking entfernt bietet sich eine andere Welt. Hunderte schillernde Wolkenkratzer ragen in die Höhe, ein feucht-tropisches Klima schlägt dem Besucher entgegen, der Verkehr fließt geordnet, Fußgänger beachten Ampelphasen, statt sich bei Rot zwischen knatternden Motorrädern und hupenden Autos hindurch auf die andere Straßenseite zu drängeln.

Doch nicht das wärmere Klima oder die Stadtarchitektur machen die Reise aus der Hauptstadt der Volksrepublik China in die chinesische Sonderverwaltungszone Hongkong so besonders. Es ist das Gefühl der Freiheit oder Meinungsfreiheit. Google, Facebook, Twitter, „New York Times“ – alle Seiten, die das Internet zu bieten hat, sind erreichbar – ohne sogenannten VPN-Tunnel wie in Festlandchina, mit dem man, mal mehr, mal weniger anfällig für Störungen, die chinesische Zensur umgehen kann.

Statt Parteipropaganda zu verbreiten, wird in den lokalen Zeitungen die Regierung kritisiert. In einer Einkaufsstraße im Zentrum rufen Menschen die Passanten zu Protesten auf – in Peking wäre das nie denkbar. Und noch etwas macht die Reise in diesen Tagen so speziell. Es ist der Widerstand, der in allen Ecken und Winkeln der ehemaligen britischen Kronkolonie zu spüren ist.

Widerstand gegen den Versuch des Pekinger Politbüros, aus den zwei Welten eine zu machen – eine, die sich ebenso wie Peking und der Rest Festlandchinas der Kommunistischen Partei unterwirft. Seit 13 Wochen manifestiert sich dieser Widerstand in regelmäßigen Demonstrationen – meistens friedlich, oft aber begleitet von Gewaltausbrüchen mit der örtlichen Polizei, wie am vergangenen Samstag.

Seit der Rückgabe Hongkongs durch die Briten ist die Stadt ganz im Süden von China eine Sonderverwaltungszone Pekings. Obwohl die Region formell zu China gehört, hat die Region umfassende Sonderrechte. Dazu gehören nicht nur die Meinungs- und Pressefreiheit, sondern auch liberale Wirtschaftsgesetze, freier Kapitalverkehr und ein funktionierendes Rechtssystem.

Gepaart mit einer hohen Lebensqualität macht Hongkong das zum Paradies für ausländische Unternehmen – sei es als Tor zu China oder als Finanzplatz. Allein 600 deutsche Unternehmen sind hier vertreten. Doch das Paradies ist gefährdet. Die Hongkonger fürchten, dass es mit den Sonderrechten für ihre Region bald vorbei sein könnte.

Deshalb gehen sie zu Hundertausenden auf die Straße. Auslöser für die Proteste war ein Gesetz, das es ermöglicht hätte, Verdächtige von Hongkong aus an Festlandchina auszuliefern. Auch die Wirtschaft protestierte dagegen. Das Gesetz wurde daraufhin zwar informell zurückgezogen, aber inzwischen geht es längst um viel mehr. Die Demonstrierenden haben fünf Forderungen aufgestellt.

Eine der brisantesten: Sie fordern freie Wahlen – was aus Sicht Pekings eine unerhörte Provokation darstellen muss: Mehr noch: Die Hongkongchinesen stellen offen die Systemfrage. Und das ist auch der Grund, warum der Westen gebannt auf Hongkong schaut und warum auch die Bundeskanzlerin, die am Freitag nach China reist und sich mit Staats- und Parteichef Xi Jinping trifft, das Thema Hongkong bei ihrer Staatsvisite kaum ignorieren kann.

Obwohl es zahlreiche sehr friedliche Protestmärsche gab, gehen vor allem die Szenen der gewalttätigen Proteste um die Welt. Viele schreckt das ab – und das bekommt auch die lokale Wirtschaft zu spüren. Vor allem die Hotel- und Restaurantbetreiber und die Einzelhändler vor Ort spüren deshalb bislang die Auswirkungen der Demonstrationen, ihre Verkaufszahlen sind eingebrochen.

Die Belegung der Hotels ist niedrig, obwohl die Hoteliers ihre Preise extrem gesenkt haben. Allein im Juni fielen die Verkäufe im Einzelhandel um 6,7 Prozent. Reden mögen die wenigsten Vertreter der lokalen Wirtschaft darüber. Eine Schuhhändlerin nahe des Southorn Playground, wo am Wochenende wieder Proteste stattfanden, will auf Nachfrage zunächst nichts sagen, dann bricht es doch aus ihr heraus: 50 Prozent Umsatzeinbruch habe sie gehabt durch die Proteste, klagt die dunkelhaarige schmale Frau.

Die Gewaltexzesse schaden dem Image der Stadt

Etwa einen Kilometer Luftlinie entfernt blickt eine Kleidungsverkäuferin mit ernstem Gesicht auf die vorbeiziehenden Demonstranten, die sich an diesem Samstag versammelt haben und „Mach weiter Hongkong!“ und „Freiheit für Hongkong!“ rufen. „Kein Umsatz in den vergangenen drei Monaten“, sagt die Verkäuferin.

Auch ausländische Firmen geraten zunehmend in den Sog dieses Konflikts – und sie sind zahlreich in Hongkong vertreten. Die Einzelhändler Aldi, Lidl und Rewe managen von hier aus ihren Einkauf für Asien, der Chemieriese BASF hat sein Hauptquartier für die Region in Hongkong, und der zuständige Asienvorstand der Deutschen Bank arbeitet von Hongkong aus.

Auch Wolfgang Niedermark ist besorgt. Der Chef der hiesigen deutschen Außenhandelskammer sitzt in einem kleinen Café gegenüber des Southorn Playground und nimmt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Nur wenige Stunden später werden 20 Meter entfernt Zehntausende zu einem Protestmarsch aufbrechen.

„Hongkong war bislang der perfekte Ort für ausländische Unternehmen als Tor zu China“, sagt Niedermark. „Das Rechtssystem funktioniert, es herrscht Presse- und Meinungsfreiheit, die Infrastruktur ist hervorragend, und es gibt insgesamt eine hohe Stabilität und Sicherheit“, schwärmt er. Doch er sieht all diese Vorzüge gefährdet: Hongkong müsse aufpassen, dass es diese Merkmale, die den Standort ausmachen, nicht verliere, warnt er. „Es muss wieder so werden, wie es immer war“, fordert er.

Fakt ist: Die Bilder von den Gewaltexzessen schaden dem Image der Stadt als Finanz- und Wirtschaftsstandort. Davide de Rosa, Präsident der EU-Handelskammer in Hongkong, zu der sich 16 europäische Handelskammern zusammengefunden haben, ärgert sich darüber. „Von Montag bis Freitag ist hier business as usual“, betont er.

Die Demonstrationen gehen in die 14. Woche. Quelle: Bloomberg/Getty Images
Proteste in Hongkong

Die Demonstrationen gehen in die 14. Woche.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Diesen Eindruck bestätigen auch andere, die hier leben. Man bemerke unter der Woche von den Protesten, die meist am Wochenende stattfanden, abgesehen von gelegentlichen Ausfällen beim öffentlichen Nahverkehr in der Stadt kaum etwas, sagt einer, der seit 16 Jahren in Hongkong lebt und in der Finanzbranche arbeitet. Allenfalls die Restaurants seien etwas leerer als sonst.

Dennoch ist der Konflikt mit Peking Thema Nummer eins in der Business-Community. „Die meisten deutschen Unternehmen in unserem Netzwerk sind von Störungen bei ihren Geschäften in Verbindung mit den Protesten betroffen“, heißt es in einer Einschätzung der deutschen Außenhandelskammer in Hongkong. Einige Unternehmen verlagern ihr Backoffice weg von Hongkong oder bauen sich in Singapur eine Ausfalloption aus.

Aber viele ausländische Firmen sind auch entschlossen durchzuhalten. „Hongkong ist einzigartig und kann nicht ersetzt werden – auch nicht mit Singapur“, sagt De Rosa. „Es gibt derzeit keinen alternativen Standort zu Hongkong als Tor zu China“, glaubt auch AHK-Chef Niedermark. Alle anderen Standorte seien entweder geografisch zu weit weg, wie Singapur, oder haben weniger gute Rahmenbedingungen.

Weitaus brisanter noch als die Proteste selbst allerdings ist Pekings Druck auf die Unternehmen vor Ort. So hat die Regierung in Festlandchina massiv bei der Hongkonger Fluggesellschaft Cathay eingegriffen. Die chinesische Flugsicherheitsbehörde teilte Anfang August mit, Mitarbeitern von Cathay würde verboten, nach oder von Festlandchina zu fliegen, wenn Mitarbeiter an „illegalen Protesten“ teilnehmen.

In den folgenden Wochen verließen mehrere Mitarbeiter im Zusammenhang mit den Protesten das Unternehmen, der Chef der Airline, Rupert Hogg, trat von seinem Posten zurück. Ende vergangener Woche warnte das Unternehmen seine Mitarbeiter dann in einer internen Notiz davor, an einem geplanten Streik teilzunehmen – sie könnten gefeuert werden. 

Wie weit wird Peking gehen?

Auch die britische Großbank HSBC, die stark in Hongkong investiert ist, musste sich bereits dem Willen Pekings beugen. Erst trat der Chef der Bank zurück, dann schaltete das Finanzinstitut großflächige Anzeigen, die ein Ende der Proteste in Hongkong forderten.

Gravierend auch der Fall der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften KPMG, PwC, EY und Deloitte, die sich nach heftiger Kritik in chinesischen Staatsmedien wegen Aussagen ihrer Mitarbeiter zu den Protesten in Hongkong von den Mitarbeitern öffentlich distanzierten. In einer internen Mitteilung an ihre Mitarbeiter in Hongkong warnten PwC und KPMG ihre Angestellten zudem davor, im Namen ihres Arbeitgebers in der Öffentlichkeit zu sprechen.

Seit diesen Vorfällen fragen sich viele, wie weit Peking in diesem Konflikt zu gehen bereit ist. Hongkong ist für China nach wie vor ein wichtiger Standort, deswegen halten es Experten derzeit auch für unwahrscheinlich, dass Peking seine Armee schicken wird, um die Proteste gewaltsam niederzuschlagen. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt, ist die Bedeutung der Sonderverwaltungszone zwar gering.

Das Bruttoninlandsprodukt Hongkongs macht inzwischen nur noch drei Prozent der gesamten chinesischen Wirtschaftsleistung aus. Die wahre Bedeutung Hongkongs erschließt sich dem Besucher bei einem Gang durch die Stadt. Auf den schmalen Bürgersteigen schieben sich die Menschen aneinander vorbei. Neben Läden europäischer Luxusmarken reiht sich hier eine Bank an die andere.

Auf den Wolkenkratzer leuchten die Namen der großen Finanzinstitute: Meryll Lynch, Bank of China, HSBC, UBS. Der Finanzplatz Hongkong ist für China sehr wichtig. „Hongkongs Rolle als Chinas Finanzarm für den Rest der Welt hat Festlandchina dabei geholfen, seinen Finanzsektor geschlossen zu halten, ohne dabei unter den negativen Konsequenzen zu leiden, die aus so einer Isolation resultieren“, so Alicia García-Herreres, Chefökonomin für die Region Asien bei der französischen Investmentbank Natixis.

Ganze 73 Prozent der Börsengänge von Unternehmen aus der Volksrepublik zwischen 2010 und 2018 fanden in Hongkong statt. Und 60 Prozent der Anleiheemissionen chinesischer Unternehmen im Ausland erfolgten in Hongkong. Auch chinesische Unternehmen brauchen ausländisches Kapital. Und dass Kapital flüchtig ist, das wissen inzwischen auch die Kommunisten in Peking. Das dürfte wohl der Hauptgrund dafür sein, dass Xi vor einem Einsatz des Militärs zurückschreckt.

Mehr: Die beiden Aktivisten Joshua Wong und Agnes Chow sind auf Kaution wieder freigekommen. Am Freitagmorgen waren sie von der Polizei festgenommen worden.

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