Report Treue Wählerinnen – Warum Frauen für Trump so wichtig sind

Ein harter Kern konservativer Frauen hält bedingungslos zu US-Präsident Donald Trump. Im aggressiven Wahlkampf spielen sie eine zentrale Rolle.
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Der US-Präsident wird auch vom weiblichen Lager unterstützt. Quelle: picture alliance/AP Images
Women for Trump

Der US-Präsident wird auch vom weiblichen Lager unterstützt.

(Foto: picture alliance/AP Images)

WashingtonBevor Patrice Onwuka ihren ungeborenen Sohn zum Kulturkämpfer erklärt, falten sich ihre Hände zum Morgengebet. Gemeinsam mit zweihundert anderen Frauen steht die junge, schwarze Aktivistin unter Ahornbäumen vor der Kuppel des US-Kongresses. Regen hat den Rasen aufgeweicht, ihre Pumps versinken im Matsch.

Die Frauen danken Gott für Donald Trump. Sie wünschen sich Sicherheit, Liebe und Erleuchtung „aller Menschen, die dich, den Allmächtigen, nicht kennen“. Und sie senden „viel Kraft“ an Brett Kavanaugh, Trumps Kandidaten für den Supreme Court, der Amerikas konservative Wertewende einleiten soll.

Kavanaugh wird einige Tage später ans Oberste Gericht berufen werden, doch an diesem Septembermorgen ist seine Ernennung noch ungewiss. Die Nation ist aufgewühlt, denn Kavanaugh wird von der Psychologie-Professorin Christine Blasey Ford beschuldigt, zu Highschool-Zeiten brutal über sie hergefallen zu sein. „Ich dachte, ich müsste sterben“, sagte Ford vor dem Justizausschuss. Onwuka und ihre Mitstreiterinnen glauben nicht an die schweren Vorwürfe. Sie sehen Kavanaugh als Ziel einer Hetzjagd, als Opfer eines linksliberalen Mobs.

Sie ist auf ein Podest geklettert, eine US-Flagge weht im Wind. „Ich bin Millennial, Karrierefrau, Einwanderin, Stiefmutter eines Erstklässlers und ab Dezember Mutter eines Jungen“, sagt Onwuka und streichelt ihren Babybauch. „Ich möchte, dass er in eine Welt geboren wird, in der Männer und Frauen fair behandelt werden.“

Vergewaltigung, Belästigung und sexuelle Gewalt müssten ernst genommen und bestraft werden, „aber wir dürfen nicht die Unschuldsvermutung aushebeln. Die Gefahr ist zu groß, für unsere Väter, Brüder, Onkel. Und für meinen Kleinen.“ Die 36-Jährige klingt jetzt fast wie der US-Präsident persönlich, der kurz vor dem Jahrestag der #MeToo-Bewegung feststellte: „Es ist eine sehr beängstigende Zeit für junge Männer in Amerika.“

„Wir dürfen die Unschuldsvermutung nicht aushebeln.“ Quelle:  Meiritz
Patrice Onwuka

„Wir dürfen die Unschuldsvermutung nicht aushebeln.“

(Foto:  Meiritz)

2016 besiegte Trump die erste weibliche Präsidentschaftskandidatin einer großen US-Partei, Hillary Clinton. Zwei Jahre später hat die Kontroverse um seinen Wunschkandidaten für den Supreme Court die Gräben in der Frauenbewegung entblößt. Denn die vergangenen Wochen haben bewiesen, dass Trump auf einen harten Kern konservativer Frauen zählen kann, die bedingungslos zu ihm halten.

Dabei ist sein Verhältnis zum weiblichen Geschlecht durchaus belastet. Insgesamt 17 Frauen haben dem Ex-Immobilienmagnaten in den vergangenen Jahren sexuelle Nötigung vorgeworfen. Tonbandaufnahmen offenbarten, dass Trump kein Problem damit hat, Objekte seiner Begierde anzutatschen („Grab them by the pussy“).

Er verteidigte den republikanischen Senatorenkandidaten Roy Moore in Alabama, der minderjährige Mädchen belästigt haben soll. Trumps früherer Anwalt Michael Cohen zahlte Schweigegeld an die Pornodarstellerin Stephanie Cliffords alias Stormy Daniels, die die Nation inzwischen ausführlich an den Details ihres mutmaßlichen Seitensprungs teilhaben lässt. Und First Lady Melania Trump bleibt zwar an der Seite ihres Mannes, vermeidet es aber, ihn öffentlich in Schutz zu nehmen.

„Viele Frauen lieben Trump“

Nichts davon wurde dem Präsidenten bislang ernsthaft gefährlich. Zwar hat das konstante Brodeln der Skandale leichte Spuren hinterlassen, Trumps Rückhalt in der weiblichen Zielgruppe schrumpft. 2016 stimmten 41 Prozent der US-Bürgerinnen für ihn, verglichen mit 54 Prozent, die sich für Clinton entschieden.

Inzwischen sympathisieren laut dem Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center nur noch 30 Prozent der Frauen mit Trump, während die Beliebtheitswerte unter Männern stabil bleiben. Trumps „Gender Gap“, sagt Wahlforscherin Bowman, „ist deutlich ausgeprägter als alle Unterschiede zwischen Altersgruppen oder Regionen“.

Brett Kavanaugh wurde mittlerweile ans Oberste Gericht berufen. Zuvor hatte ihn die Psychologie-Professorin Christine Blasey Ford beschuldigt, zu Highschool-Zeiten brutal über sie hergefallen zu sein. Quelle:  Meiritz
Confirm Kavanaugh

Brett Kavanaugh wurde mittlerweile ans Oberste Gericht berufen. Zuvor hatte ihn die Psychologie-Professorin Christine Blasey Ford beschuldigt, zu Highschool-Zeiten brutal über sie hergefallen zu sein.

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Trotzdem könnten Frauen als treibende Kraft hinter Trump und seinen Republikanern entscheidend sein. 84 Prozent der Anhängerinnen seiner Partei halten weiter zu Trump. Frauen sind zudem politisch aktiver als Männer und gehen häufiger zur Wahl, können also für die Midterms, die Zwischenwahlen Anfang November, den Ausschlag geben.

Am ehesten kann Trump bei Frauen ohne Hochschulabschluss auf Zustimmung hoffen. „Menschen ohne Uni-Abschluss sympathisieren stärker mit Trump als höher Gebildete“, sagt Carroll Doherty, Direktor für politische Forschung beim Pew Research Center, das gelte insbesondere für Männer, aber auch für Frauen. Aktuell befürworten 32 Prozent der Frauen ohne akademischen Hintergrund die Trump-Präsidentschaft, verglichen mit 26 Prozent der Frauen mit weiterführender Bildung. Die Begeisterung von weißen Arbeiterfrauen war 2016 der Schlüssel zu Trumps Sieg in den Rustbelt-Staaten. In den umkämpften Bezirken der Kongresswahlen zählt jetzt erneut jede Stimme.

Der Glaubenskampf um Privilegien, Machtmissbrauch, Moral, Wahrheit und Lügen ist mit Kavanaughs Berufung am vergangenen Samstag nicht vorbei. Ein FBI-Bericht lieferte keine Belege für Fords Geschichte, doch Zweifel an Kavanaughs Integrität sind geblieben, Proteste gegen Trumps Richter halten an.

Die Debatte schürt eine aufgeheizte Stimmung vor den wichtigen Zwischenwahlen im November, die über die Mehrheiten im US-Kongress entscheidet. „Der Streit hat das Potenzial, Kernwähler auf beiden Seiten zum Wählen zu motivieren“, sagt Karlyn Bowman von der Denkfabrik American Enterprise Institute.

„Familie, Glaube, viel Freiheit, wenig Staat“

Onwuka braucht nicht noch mehr Motivation, ihre Entscheidung ist klar. Ein paar Tage nach ihrer Rede auf dem Capitol Hill sitzt sie bei einem Eistee in der Innenstadt Washingtons, sie kommt gerade von einem Fernsehinterview. Sie hat Wirtschaft und Politik studiert, arbeitet als leitende Analystin für die Interessenvertretung „Independent Women’s Forum“. Ihr Hauptjob ist es, den öffentlichen Diskurs mit bürgerlich-traditionellen Positionen zu prägen: „Familie, Glaube, viel Freiheit, wenig Staat“, fasst sie zusammen.

Sie wird oft als Kommentatorin gebucht und schreibt mehrere Blogposts und Gastbeiträge pro Woche. Die Texte sind ein pointiertes Medley konservativer Forderungen. Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen? „Fiktion.“ Zugang zu Abtreibungen und Verhütungsmitteln? „Dafür sollte nicht der Steuerzahler aufkommen.“ Strukturelle Diskriminierung von Minderheiten? „Niemand muss ein Opfer sein.“

Schwarze Sportler, die sich aus Protest gegen Trumps Einwanderungspolitik der Nationalhymne verweigern? Wichtigtuer, die auf ein „Prime-Time-Spektakel“ hoffen. Schärfere Waffengesetze? „Kein Gesetz der Welt wird einen bösen Menschen aufhalten.“ Die „Time’s Up“-Initiative, die nach dem Harvey-Weinstein-Skandal von Hollywoodstars gegründet wurde? Schüre das Narrativ „von der Frau als hilfloses Opfer“.

Niemals würde ihr in den Sinn kommen, wie Fords Unterstützerinnen unter dem Schlachtruf „I believe her!“ ein Senatsgebäude zu stürmen. Die Polizei nahm Hunderte Menschen fest, darunter die Schauspielerin Amy Schumer und das Model Emily Ratajkowski.

Onwuka war stattdessen Teil eines gut organisierten Blocks, der eine lautstarke Allianz mit Trump und Kavanaugh schmiedete. Gruppen wie „Concerned Women for America“, „Tea Party Patriots“ oder „Faith and Action“ schlossen sich zusammen, mieteten einen blutroten Bus, ließen ihn mit gigantischen Buchstaben bekleben („Women for Kavanaugh“) und tourten durchs Land.

So sehr der Schulterschluss auch im ersten Moment verwundern mag – bei Trumps treuesten Unterstützerinnen kommt seine Mischung aus Provokationen und konsequentem Leugnen an. „Es gibt viele Frauen, die Trump lieben“, sagt Jeannette Werkmeister. Die Republikanerin wohnt in Bethel Park, einem Vorort von Pittsburgh in Pennsylvania.

In dem von Bergbau und Stahlindustrie geprägten Bundesstaat fuhr Trump 2016 einen seiner messerscharfen Vorsprünge ein, die ihm den Weg ins Amt sicherten. Werkmeister ist heimatverbunden und hat ihr Leben lang in und um Pittsburgh gewohnt. Sie selbst war als Kundenberaterin einer Bank nie vom Strukturwandel betroffen, der Freundeskreis hingegen schon. Auch deshalb hat sie 2016 Trump gewählt. „Er passt auf uns und unser Land auf. Und er nimmt nicht mal Geld dafür, er hat selbst genug davon“, schwärmt Werkmeister.

Geschlecht und Hautfarbe sind unwichtig

Die 61-Jährige macht Wahlkampf auf dem lokalen Stadtteilfest, im Gespräch lacht sie viel, ist herzlich. Doch beim Thema sexuelle Belästigung schwindet die Freude, da gerät sie in Rage. „Ich glaube nicht, dass Trump ein Womanizer ist. Und selbst wenn, na und?

Was er angeblich mal vor vielen Jahren gemacht haben soll, sagt nichts darüber aus, wie er sich als Präsident schlägt.“ Sie atmet tief ein und wieder aus, bloß nicht zu sehr aufregen – um dann zu fragen: „Woher wissen wir eigentlich, dass Obama niemanden angegrabscht hat?“ Die „Lefties“ würden nur „buddeln, buddeln, buddeln, bis sie auf irgendeinen Unsinn stoßen“, sagt sie. „Aber mich spornt das nur an. Ich unterstütze Trump zu hundert Prozent.“

Sie sei überzeugte Republikanerin, betont auch Patrice Onwuka, dazu gehöre die Loyalität zu Trump, „auch wenn ich nicht mit einer Make-America-Great-Again-Kappe rumlaufe“. Die Strafzölle seien eine Enttäuschung, alles andere aber, vor allem die Steuerreform und Deregulierung, unterstütze sie voll und ganz. Auch teile sie die Ablehnung von „Identity Politics“, die laut ihrer linksliberalen Verfechter darauf abzielt, gesellschaftliche Minderheiten zu stärken und sichtbar zu machen.

„Geschlecht und Hautfarbe sollten nicht definieren, wie man über Politik denkt“, kritisiert Onwuka. Barack Obamas Sieg etwa sei sicherlich „historisch bedeutsam“ gewesen, „aber habe ich für ihn gestimmt? Nein.“ Als sie drei Jahre alt war, seien ihre Eltern aus der Karibik „mit ein paar Koffern ins Land der Chancen“ eingewandert. Ihr Vater habe sich auf dem Bau, ihre Mutter als Sekretärin alles erarbeitet. „Jeder kann aufsteigen, wirklich jeder, wenn man sich anstrengt“, ist Onwuka vom amerikanischen Traum überzeugt.

„Donald Trump passt auf uns und unser Land auf.“ Quelle:  Meiritz
Jeanette Werkmeister

„Donald Trump passt auf uns und unser Land auf.“

(Foto:  Meiritz)

Dass so unterschiedliche Frauen wie Werkmeister und Onwuka zu Trump halten, sagt einiges über die Grenzen der modernen Frauenbewegung aus. Beide können mit progressivem Feminismus nichts anfangen, wollen keine Quoten, kein Empowerment, keine Unisex-Toiletten.

Stattdessen sehen sie Ehe und Familie, Gottesfurcht und Patriotismus in Gefahr. Ausgerechnet Trump, der Ehebrecher, gilt ihnen als Bewahrer dieser Werte – und wenn auch nur deshalb, weil er als Republikaner das Konservative eher vorantreibt als ein linker Demokrat. Ein Teil der Zuneigung dürfte auch mit simpler Bestätigung zu tun haben. So wie Trump den Kohlekumpeln im Mittleren Westen den Stolz zurückgegeben hat, fühlen sich deren Ehefrauen, Mütter und Schwestern in ihren Rollen, ihrem Selbstverständnis gestärkt.

Trumps Attacken kommen an

Trump weiß um die wichtige Rolle der Frauen und hofiert sie. Seine Gegnerinnen verwandeln die Straßen der USA in ein Meer aus pinkfarbenen Pussyhats – Trumps weibliche Fans schwenken in Mehrzweckhallen grellrosa „Women for Trump“-Plakate. Der Präsident ist bis zu vier Mal pro Woche auf Kundgebungen unterwegs, Live-Auftritte liegen ihm. Zu seinen Reden kommen ganze Familien im Partnerlook, mit Trump-Shirts und Basecaps, der Frauenanteil beträgt meist ungefähr die Hälfte.

Frauen halten „Finish the Wall“-Schilder hoch und wippen zu Rihanna-Rhythmen, als wären sie auf einer Brautparty. Sie jubeln fanatisch, wenn Trump die Demokraten als „Partei des Verbrechens“ beschimpft, und sie lachen, wenn er über die „zornige, scheußliche Dianne Feinstein“ lästert.

Viel Applaus bekommt Trump auch für seine Attacken gegen Planned Parenthood, die gemeinnützige Beratungsorganisation für Familienplanung. In rechtskonservativen Kreisen steht sie als Synonym für Abtreibungen, Schande und Mord. „Wer sie unterstützt, verrät die Werte unseres Lebens“, dröhnt er unter zustimmenden Rufen und Pfiffen.

Zuweilen aber können auch Trumps treueste Anhängerinnen den Schwachstellen seiner Präsidentschaft nicht entkommen. Auf die Frage, was ihr durch den Kopf gegangen sei, als Trump Herkunftsländer von Migranten rassistisch als „shithole countries“ bezeichnet haben soll, wird Onwuka wortkarg. „Das möchte ich gern überspringen“, sagt sie abrupt. „Es schwirrt so viel in den Medien herum. Ich konzentriere mich auf Fakten, auf Sachthemen.“

Es ist ein seltener Moment in einer ansonsten offenen und lebhaften Konversation, an dem man spürt, dass die Stimmung ins Kühle kippt. Und dass Trumps Unterstützerinnen im Zweifelsfall bereit sind, über seine Fehler und Widersprüche hinwegzusehen.

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