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Report Wie Unternehmerinnen in Saudi-Arabien das Patriarchat umkrempeln

Kaum ein Land betreibt eine so sexistische Politik wie Saudi-Arabien. Zugleich ist es auf Frauen als Fachkräfte und Gründerinnen angewiesen. Wie geht das zusammen? Ein Ortsbesuch.
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In Saudi-Arabien findet man moderne Wirtschaft neben vormodernem Sexismus. Quelle: Sheworks
Coworking-Space SheWorks in Riad

In Saudi-Arabien findet man moderne Wirtschaft neben vormodernem Sexismus.

(Foto: Sheworks)

Riad„Achtung: Mann!“, ruft Maha Shirah in den Raum. Das ist für die Frauen das Signal, ihr Gesicht hinter dem Schleier zu verstecken, den Kopf mit einem Tuch zu bedecken und sich das Abaya genannte Überkleid umzulegen.

Erst als sich Shirah, die 39-jährige Hausherrin, vergewissert hat, dass alle Frauen vorschriftsgemäß gekleidet sind, darf der männliche Gast in das 370 Quadratmeter große Büro treten. Rund 20 Unternehmerinnen sitzen da auf rosa Stühlen, tippen auf Tastaturen oder telefonieren.

Sie wolle saudischen Frauen bei der Gründung von Start-ups helfen, sagt Shirah. Sie hat einen Coworking-Space eingerichtet, wie bei ihrem Vorbild, dem globalen Büroanbieter WeWork aus New York. Bierzapfhähne wie bei dem großen Konkurrenten gibt es keine, dafür Kaffee und Fruchtsäfte.

An der langen Fensterfront stehen Blumenarrangements, am Rande der Büroflächen eine rosa Sitzgruppe mit weißen Beistelltischen und an der Wand die satt-grüne Flagge Saudi-Arabiens. Der wichtigste Unterschied von SheWorks ist aber: „Bei uns sind ausschließlich Frauen zugelassen“, sagt Shira, „denn Männern steht ja sonst alles offen.“

In Saudi-Arabien gilt das mehr als in fast jedem anderen Land der Welt. Auch wenn das Königreich am Persischen Golf Frauen inzwischen Autofahren und seit Kurzem sogar in der Armee dienen lässt: Im Global Gender Gap Report des World Economic Forum (WEF) rangiert Saudi-Arabien auf Platz 141 von 149 Ländern und ist in den vergangenen zehn Jahren von zahlreichen Staaten überholt worden. Frauen verdienen dort deutlich weniger als Männer, selbst für die gleiche Arbeit.

„Frauen sind in unserem Land besonders scheu“, sagt die Unternehmerin. Quelle: Handelsblatt
Maha Shirah

„Frauen sind in unserem Land besonders scheu“, sagt die Unternehmerin.

(Foto: Handelsblatt)

Sie leben – anders als in den meisten Teilen der Welt – kaum länger als die Männer und bekleiden fast nie wichtige öffentliche Ämter. Kleine Fortschritte für Saudi-Arabiens Frauen sehen die WEF-Forscher bei der Lohngleichheit und der Erwerbsquote. Im privaten Sektor ist die Zahl der arbeitenden Frauen um über sechs Prozent gestiegen.

Jede fünfte Stelle ist inzwischen von einer weiblichen Arbeitskraft besetzt, und bis ans Ende des Jahrzehnts sollen es 28 Prozent sein. Aber nach wie vor ist ein Drittel aller saudischen Bürgerinnen als arbeitslos gemeldet, fünfmal mehr als die entsprechende Quote bei Männern.

Frauen in Saudi-Arabien sind besser qualifiziert

Das steht im scharfen Kontrast zu ihren Fähigkeiten: Mehr Frauen haben einen Hochschulabschluss als Männer, eine Lücke, die in den nächsten Jahren noch wachsen wird. Die Folge: Die Gender-Apartheid, über die die herrschenden Wahhabiten lange wachten, kostet das Königreich viele Milliarden Euro Wirtschaftsleistung.

Weil mehr Frauen einem Beruf nachgehen können, soll alleine die Legalisierung des Autofahrens das BIP des Landes laut einer Berechnung von Bloomberg Economics um rund 80 Milliarden Euro bis 2030 steigern. Das ist ein wichtiges Zieljahr für das saudische Königshaus – der Entwicklungsplan „Saudi Vision 2030“ – ist darauf ausgerichtet, die vom Ölexport abhängige Wirtschaft auf weitere Säulen zu stellen. Ohne heimische Unternehmerinnen und Fachkräfte wird das nicht möglich sein.

Dass das neue Empowerment einem ökonomischen Kalkül folgt, sagt Kronprinz Mohammed bin Salman durchaus offen: „Frauen sind die Hälfte dieser Gesellschaft und wir wollen, dass es eine produktive Hälfte ist“, formulierte er 2017 in einem Interview mit amerikanischen Medien.

So herrscht in Saudi-Arabien eine seltsame Gleichzeitigkeit von modernem Unternehmerinnentum und vormodernem Sexismus: Für ihr Start-up hat sich Shirah eine Büroetage in dem aufstrebenden Stadtteil Al-Rabie gemietet.

Villen und Luxushotels grenzen an, es gibt ein Kempinski oder ein DoubleTree Hotel des Hilton-Konzerns, Delikatessengeschäfte und einen Starbucks, in dem sich die Immobilienunternehmerin ihren Kaffee im Becher zum Mitnehmen holt.

Das Viertel nördlich des Zentrums hat einen Hauch von einer amerikanischen Metropole – aber eben nur einen Hauch: In ihrem Coworking-Space hat Shirah einen separaten Eingang geschaffen, der vom Treppenhaus direkt in den Konferenzraum führt – wenn männliche Besucher zu Sitzungen vorbeikommen, müssen sie dann nicht die Büros betreten.

Shirah gründete ihre Bürovermietung für Unternehmerinnen vor vier Jahren. „Der Markt boomt“, sagt sie, bald soll ihre Firma in ein größeres Büro umziehen. Die Arbeitsplätze bei SheWorks sollen weibliche Wärme ausstrahlen. In diesem „sanften Klima“ seien bereits mehrere erfolgreiche Firmen gegründet worden, vor allem im Dienstleistungsbereich, sagt Shirah. Da ist Qamrah Alqahtani, die aus Sheworks heraus ihre Event-Management-Firma gegründet hat.

Majedha Alsomali mit ihrer Klinik für Familientherapie oder Reema Al-Khamies: Die 50-jährige hat früher in der Verwaltung gearbeitet, jetzt kämpft sie sich für ihre Kunden durch das Dickicht der Bürokratie und besorgt ihnen Bewilligungen, vor allem im Immobiliensektor. Zu sehen ist von ihr nur schwarzes Tuch und die dunklen Augen, die ein schmaler Schlitz freigibt. Doch sie spricht so resolut, dass man ihr Durchsetzungsfähigkeit im Umgang mit Beamten durchaus zutraut.

Frauenrechte auf dem Arbeitsmarkt gestärkt

Das sei ganz im Trend mit der Liberalisierung der saudischen Gesellschaft, schwärmt Shirah, die dem Gespräch zugehört hat. Der frühere König Abdullah, der von 2005 bis zu seinem Tod 2015 regierte, habe junge Saudis zu Studien im Ausland ermuntert. Shirah ging mit ihrem damaligen Ehemann nach Kanada, wo sie Betriebswirtschaft studierte. „Das hat bei uns die Mentalität verändert,“ sagt sie.

Unter Abdullahs Nachfolger, dem heutigen König Salman, bekamen Frauen nach 2015 etwas mehr Rechte auf dem Arbeitsmarkt. Sie durften fortan auch außerhalb des Gesundheitssektors, des Erziehungswesens und der Banken arbeiten.

Es gibt prominente Top-Managerinnen wie Lubna Olayan, die CEO der Olayan Financing Company, einer der größten Investorinnen im Königreich – oder Sarah Al-Suhaimi, die in Harvard Management studierte, und heute die saudischen Börse Tadawul führt.

Doch das sind wenige Einzelfälle: Laut WEF sind nicht einmal sechs Prozent der Machtpositionen in Politik und Wirtschaft von Frauen besetzt – kaum ein untersuchtes Land schneidet schlechter ab. Im Alltag sind Frauen in Saudi-Arabien noch immer auf absurde Weise benachteiligt: Männer dürfen sich weiterhin nach Belieben scheiden lassen, nur nicht mehr ohne ihre Ehefrau zu informieren. Ein Gericht informiert die Ex-Frau dann mit einer SMS über die Scheidung.

Frauen benötigen nach wie vor die Zustimmung ihres männlichen Guardians, wenn sie einen Pass beantragen, ins Ausland reisen oder ein Bankkonto eröffnen wollen. Unternehmerin Shirah hat Glück mit ihrem Mann und Vormund: Er erteilte ihr eine zeitlich unbegrenzte Ausreisebewilligung, die im Computersystem des Königreichs dokumentiert ist.

Frauen wie Shirah nutzen die kleinen Freiheitsfortschritte, die noch immer große Benachteiligung kommentieren sie lieber nicht. Über ihr Regime sprechen die meisten Saudis generell nicht, aus Angst vor Repressionen. Zuletzt war Hatoon al-Fassi verschwunden. Die Dozentin für Gender Studies an der King-Saud-Universität hatte nach Erhalt ihres Führerscheins verkündet, sich weiterhin für Frauenrechte einzusetzen, vor allem für die Abschaffung des Guardian-Systems.

Drei Tage später wurde sie von der Polizei abgeholt. Insgesamt zehn Frauenrechtlerinnen werden seit Monaten ohne Anklageschrift festgehalten, würden gefoltert und sexuell missbraucht, heißt es im jüngsten Bericht von Amnesty International. Selbst Frauen, die gegen das aufgehobene Autofahrverbot protestiert hatten, sind weiter in Haft.

Es ist nur ein scheinbarer Widerspruch, dass die Rechte von Frauen langsam ausgeweitet werden, während Regierungskritiker im Gefängnis versauern oder wie der Journalist und Regimekritiker Jamal Khashoggi grausam ermordet werden.

Mohamed bin Salman, der starke Mann im Königreich, muss die Wirtschaft vom Tropf der Ölförderung lösen und Unternehmerinnen ermutigen. Um gleichzeitig aber die absolute Macht des Königshauses zu verteidigen, muss er den Eindruck vermeiden, der Druck der Straße erzwinge die Reformen.

Selbstsicher und doch distanziert

In diesem Klima gründen Shirahs Mieterinnen ihre Firmen. Mit Büros und Managementkursen ist es für die SheWorks-Betreiberin nicht getan, sie versteht sich auch als Psychologie-Coach. Die Mutter von zwei Kindern will ihren Kundinnen auch Lebenserfahrung mit auf den Weg geben. „Frauen sind in unserem Land besonders scheu“, sagt Shirah, „und gegenüber fremden Männern fühlen wir uns nicht wohl.“

Deshalb wolle sie den Jungunternehmerinnen helfen, Männer zu verstehen. Sie bringe ihnen bei, wie sie sich ihnen gegenüber verhalten sollen: „Unverkrampft und selbstsicher, aber stets auf Distanz bedacht, so wie es sich in unserer Kultur ziemt.“

Das Interieur des Gemeinschaftsbüros soll „weibliche Wärme“ ausstrahlen, sagt Gründerin Maha Shirah. Quelle: Photothek/Getty Images
Schreibtisch im Coworking-Space SheWorks

Das Interieur des Gemeinschaftsbüros soll „weibliche Wärme“ ausstrahlen, sagt Gründerin Maha Shirah.

(Foto: Photothek/Getty Images)

Ghaida Al Mutairi will dagegen weibliche Arbeitskräfte den meist immer noch männlichen Arbeitgebern näherbringen. Für die Firma Glowork organisiert sie Stellenbörsen speziell für Frauen. Als sie vor einigen Jahren anfing, wurde ihr in sozialen Medien vorgeworfen, dass sie Frauen aus dem Haus locken würde. Inzwischen ist der Event, den sie managt, aber Teil der neuen Realität.

Im Faisaliah Center, einem Luxus-Einkaufszentrum mit Konferenzräumen, Büros und einem Edelrestaurant im Zentrum der Hauptstadt, hat Al Mutairi bereits sechsmal mehrere Tausend Frauen an saudische Firmen vermittelt. Im Herbst besuchten die dreitägige Jobbörse insgesamt 37.000 Arbeit suchende Frauen, die von über 90 Firmen umworben wurden.

Zehn Prozent der Kongressbesucherinnen fanden einen Job, sagt Al Mutairi, die ihr Gesicht hinter einem Nikab versteckt. In den vergangenen sieben Jahren habe ihre Firma 35.000 Frauen in Jobs vermittelt, dabei zahlreiche Stellen, die von zu Hause am Computer erledigt werden können.

So profitieren dann doch auch wieder die Traditionalisten: Sie können ihre freien Stellen mit weiblichen Fachkräfte besetzen – und trotzdem an der strikten Trennung der Geschlechter festhalten.

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