Reportage Wie die Bundeswehr in Litauen für Abschreckung sorgt – zur Freude der Bevölkerung

In Litauen trainieren Nato-Soldaten, wie sich der baltische Staat gegen eine Invasion aus dem Osten wehren kann. Dort fürchtet jeder Fünfte einen russischen Angriff.
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Auf einem Testgelände außerhalb von Pabrade übt das Militär des baltischen Staats regelmäßig den Ernstfall. Quelle: AP
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Auf einem Testgelände außerhalb von Pabrade übt das Militär des baltischen Staats regelmäßig den Ernstfall.

(Foto: AP)

VilniusRauch steigt auf zwischen den weißen Backsteinhäusern des kleinen Dörfchens. Noch ist alles still, doch die Ruhe hält nicht lange. Bald zieht das Geräusch von Maschinengewehren aus dem nahegelegenen Nadelwäldern herüber – dann knallt es richtig.

Panzerwagen fahren am Ortsrand auf, schließlich zischen Kampfjets knapp über dem Boden vorbei. Immer wieder explodieren Sprengsätze, während Soldaten in die Gebäude stürmen. Die ganze Zeit fallen Schüsse. Doch dann ist es plötzlich wieder still. Nur das Brummen der Motoren und der Geruch des Panzerdiesels erinnern daran, was sich gerade abgespielt hat.

Hier, auf einem Testgelände wenige Kilometer außerhalb des Städtchens Pabrade im Osten Litauens, eine gute Autostunde von der Hauptstadt Vilnius entfernt, übt das Militär des baltischen Staats regelmäßig den Ernstfall. Insgesamt zwei Wochen proben mehr als 9000 litauische Soldaten, wie sie auf eine mögliche Invasion in ihr Staatsgebiet reagieren könnten. Unterstützt werden sie dabei von mehr als 1600 Nato-Soldaten, die ebenfalls im Land stationiert sind – den Großteil stellt die deutsche Bundeswehr.

„Thunder Storm“ ist der martialische Name der Übung. Seit 2010 findet sie jedes Jahr statt – so groß wie diesmal war der Aufmarsch noch nie. „Wir bereiten uns auf einen großangelegten Angriff auf die Ostgrenze unserer großartigen Allianz vor“, so ein General der litauischen Armee. Das Projekt sei „ein Symbol für die Abschreckungsmacht der Nato“.

Wer hier abgeschreckt werden soll, sagt er nicht. Offiziell geht es gegen den fiktiven Feind Griseus, einen Staat, dessen Territorium sich über das nahegelegene Weißrussland östlich und die russische Enklave Kaliningrad im Süden Litauens erstreckt. Doch nicht nur aufgrund dieser geografischen Lage ist klar, wer hier wirklich gemeint ist. Die Übung soll vor allem Russland zeigen, dass die Nato bereit und in der Lage ist, das Baltikum zu verteidigen.

Für die litauische Bevölkerung ist die Demonstration ein wichtiges Symbol. Die Beziehungen zu Russland sind traditionell schwierig. Das Land an der Ostsee war die erste Teilrepublik der Sowjetunion, die sich 1990, 40 Jahre nach ihrer Einverleibung, unabhängig erklärte und damit den Zerfall der ehemaligen Supermacht einleitete.

Das Misstrauen sitzt tief

Nationalistische Kreise in Moskau haben das Vilnius bis heute nicht verziehen – zumal sich Litauen bald nach der Loslösung konsequent nach Westen orientierte. 2004 trat das Land EU und Nato bei. Beide Organisationen genießen hohes Ansehen in der Bevölkerung. In manchen Staaten Mittel- und Osteuropas mag es wieder einen Drift in Richtung Russland geben, in Litauen ist das undenkbar.

Der Blick auf Moskau im Land ist vielmehr geprägt von einem tiefsitzenden Misstrauen. Laut einer Umfrage des Außenministeriums sehen fast zwei Drittel der Bevölkerung Russland als die bedrohlichste und unfreundlichste Nation in ihrer Nachbarschaft an. Fast jeder Fünfte fürchtet gar eine russische Invasion.

Nicht immer war das Verhältnis so schlecht. „In den frühen 1990ern wurde Russland als enger Verbündeter betrachtet“, sagt Ramūnas Vilpišauskas, Direktor des Instituts für Internationale Beziehungen und Politikwissenschaften an der Universität Vilnius. In den Jelzin-Jahren hätten sich die Staaten noch eng miteinander abgestimmt und versucht, einen gemeinsamen Weg hin zur Demokratie zu finden.

Mit dem Amtsantritt Wladimir Putins habe sich das geändert. „Seitdem wird Russland zunehmend autokratisch“, so Vilpišauskas. Spätestens seit dem Krieg in Georgien im Jahr 2008 überwiege in Litauen wieder das Misstrauen. Vollends im Alarmzustand befindet es sich seit der Ukraine-Krise und der Krim-Annektion im Jahr 2014.

Unter dem Namen „Thunder Storm“ findet die Übung seit 2010 außerhalb von Pabrade statt. Das Projekt sei „ein Symbol für die Abschreckungsmacht der Nato“. Quelle: AP
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Unter dem Namen „Thunder Storm“ findet die Übung seit 2010 außerhalb von Pabrade statt. Das Projekt sei „ein Symbol für die Abschreckungsmacht der Nato“.

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Das haben auch die Nato-Partner gespürt. Hatten sie die Sorgen des Baltikums vor russischer Einmischung zuvor noch für übertrieben gehalten, sorgte die Krim-Krise zu einem Umdenken. Seit vergangenem Jahr sind nun Kampfverbände des Bündnisses in den drei baltischen Staaten und Polen stationiert – in Litauen rund 1200 Soldaten unter Führung der Bundeswehr, die selbst 500 Mann stellt.

Oberstleutnant Wolf Rüdiger Otto sitzt in seinem Besprechungszimmer, nicht weit vom Truppenübungsplatz in Pabrade entfernt. Einzig die vier Eimer zur Mülltrennung bringen Farbe in den kargen Raum. Erst vor wenigen Wochen wurde hier ein provisorisches Lager hochgezogen, in dem die deutschen Soldaten während des Manövers untergebracht sind.

Eigentlich haben sie ihr Quartier bei Rukla, gut 130 Kilometer weiter westlich. Doch während der Übung sind sie hier untergebracht, in einem Miniaturdorf, das ein wenig an eine Containerstadt erinnert. Die Soldaten sind trotzdem zufrieden. Die Kantine bietet deutsches Essen anstatt der schweren litauischen Küche. Außerdem müssen es sich die Kameraden aus anderen Nationen gerade in riesigen Zeltlagern bequem machen.

Litauen ist nicht der erste Auslandseinsatz für Otto. Vor elf Jahren diente er als Kompaniechef in Afghanistan. Damit, sagt er, sei die Zeit hier im Baltikum überhaupt nicht zu vergleichen. „Eine Gastfreundschaft wie hier habe ich noch nirgendwo sonst erlebt“, so Otto.

Otto ist der Kommandeur der deutschen Truppen. Viel Zeit hat er hier nicht. Alle sechs Monate werden die Nato-Soldaten abgelöst – eine Maßnahme, um nicht gegen die Nato-Russland-Grundakte zu verstoßen, die eine dauerhafte Stationierung an der Ostflanke des Bündnisgebiets verbietet.

Der Rückhalt für die Nato-Präsenz ist riesig

„Unser Auftrag ist es, eine Battlegroup unter deutscher Führung gemeinsam mit unseren internationalen Partnern aufzustellen und gemeinsam auszubilden. Wir wollen damit unserem litauischen Partner Sicherheit geben“, sagt Otto. So ist die offizielle Sprachregelung. Wie schon bei der gemeinsamen Übung ist von Russland nicht die Rede. Doch trotzdem schwingt auch etwas anderes mit. Die Präsenz der Allianz soll die Litauer auch beruhigen, „zeigen, dass wir da sind“, nennt Otto das. Das kleine Land soll keinen Zweifel daran haben, dass die Allianz sie unterstützt.

Es ist eine Versicherung, die in Litauen dankend angenommen wird. Hier erinnern sich viele noch gut an Aussagen von Nato-Generälen, das Baltikum sei im Ernstfall überhaupt nicht zu verteidigen. Auch verunsicherte Donald Trump die Bevölkerung, als er das Bündnis als „veraltet“ bezeichnete. Die jüngsten Reibereien im transatlantischen Verhältnis, etwa im Zuge des G7-Gipfels in Kanada, werden hier ebenfalls sehr genau registriert.

Der Rückhalt in der Bevölkerung für die Nato-Präsenz im Land ist riesig. Es gebe einen überparteilichen Konsens, an dem Bündnis festzuhalten, so Politikwissenschaftler Vilpišauskas. Auch hätte die Stationierung amerikanischer Truppen in Polen die Zweifler hier zunächst beruhigt. „Handlungen gelten mehr als Worte“, sagt er.

Die Russen sind hingegen alles andere als begeistert von der verstärkten Nato-Präsenz. Von einer „Provokation“ war in Moskau die Rede, nachdem die ersten Einheiten ihre Marschbefehle bekommen hatten. Schnell gab es Versuche, die Bevölkerung gegen die Bündnis-Soldaten aufzubringen.

So tauchte kurz nach der Verlegung der ersten Truppen nach Litauen die Falschmeldung auf, deutsche Soldaten hätten ein junges Mädchen vergewaltigt. Der Fall erinnerte Beobachter an den Fall Lisa, der in Deutschland einige Zeit zuvor für Aufregung gesorgt hatte. In Litauen jedoch schlug der Versuch fehl. Die Geschichte verfing nicht.

Sowohl die Nato als auch die litauische Regierung gaben Russland die Schuld für die Fake-News-Attacke. Der Kreml wies die Anschuldigung zurück. Die Litauer beeindruckte das wenig. Man habe so etwas schon erwartet, teilte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums mit. Schließlich habe man Erfahrung mit solchen Dingen.

Angst vor Russlands wachsendem Einfluss

Tatsächlich kam es in Litauen in den vergangenen Jahren immer wieder zu Vorkommnissen, die heute unter dem Oberbegriff „hybride Bedrohung“ zusammengefasst werden. Hackerangriffe auf Regierungsnetzwerke, Cyberattacken auf den Energie- und Bankensektor, Fake News. Dass die Urheber in Russland sitzen, daran haben die Sicherheitsbehörden keinen Zweifel – auch wenn die Regierung in Moskau jede Verantwortung abstreitet. In den vergangenen Monaten jedoch blieb es auffällig ruhig.

Dass es so bleibt, kann sich Rasa Jukneviciene nicht vorstellen. Die 60-Jährige sitzt in ihrem schmucklosen Büro im brutalistischen Sowjetbau der Seimas, dem litauischen Parlament. „Zuletzt ist wegen der russischen Präsidentschaftswahl und jetzt wegen der Fußballweltmeisterschaft nicht viel passiert“, sagt sie. Moskau habe im Moment kein Interesse an Negativschlagzeilen in der internationalen Presse. „Ich mache mir allerdings Sorgen, was danach kommt.“

Man tut Jukneviciene nicht unrecht, wenn man sie als Hardlinerin bezeichnet. Von 2008 bis 2012 diente sie als litauische Verteidigungsministerin. Schon damals warnte sie vor Russlands wachsendem Einfluss und der Einmischung des Landes in die internen Angelegenheiten seiner Nachbarn. „Damals wurde nicht auf uns gehört – aber wir hatten Recht“, sagt sie.

Besonders unwohl wird ihr, wenn sie auf das kommende Jahr schaut. Litauen wählt dann einen neuen Präsidenten – eine gute Gelegenheit für Russland, wieder einmal Verwirrung und Unruhe zu schüren, glaubt sie. „Wir befinden uns gerade in einer relativen Ruhephase, aber das ist kein Grund, sich zu entspannen“, sagt sie. Zu groß sei die Gefahr, die von Putin ausgehe.

Nur Stärke könne den russischen Präsidenten in Zaum halten, glaubt Jukneviciene. Im Gespräch kommt sie immer wieder auf 1938 zurück – das Jahr, in dem die Westmächte Hitler erlaubten, die Tschechoslowakei zu zerschlagen und teilweise zu annektieren. Ein heftiger Vergleich – doch die Ex-Verteidigungsministerin hält ihn für angemessen. „Vielleicht nähern wir uns gerade wieder einer solchen Situation an“, sagt sie.

Ob die Gefahr wirklich schon so groß ist, daran hat zumindest Professor Vilpišauskas seine Zweifel. Allerdings kann er verstehen, dass das Bedrohungsgefühl innerhalb Litauens so enorm ist. „Die Angst ist eng verknüpft mit den traumatischen Erfahrungen der Geschichte und dem, was wir in unserer östlichen Nachbarschaft sehen“, sagt er. Dass sich die Beziehungen zu Russland in absehbarer Zeit verbessern, glaubt er hingegen nicht. „Der Antagonismus wird bleiben – zumindest solange Putin im Amt ist“, sagt er.

Die Recherchereise nach Litauen wurde durch das Transatlantic Media Fellowship der Heinrich-Böll-Stiftung Nordamerika mit Sitz in Washington, D.C. unterstützt.

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