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„Resignationssyndrom“ Nauru – Eine Insel, auf der Kinder nur noch sterben wollen

Australien schiebt Asylsuchende und Flüchtlinge auf die Pazifikinsel Nauru ab – für Jahre. Ohne Hoffnung, je Schutz und Freiheit zu finden geben viele Kinder und Jugendliche auf.
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In einem von Stahlzäunen umgebenen Lager auf Nauru interniert Canberra etwa 600 sogenannte Bootsflüchtlinge, die meisten seit gut fünf Jahren. Quelle: dpa
Flüchtlinge auf der Insel Nauru

In einem von Stahlzäunen umgebenen Lager auf Nauru interniert Canberra etwa 600 sogenannte Bootsflüchtlinge, die meisten seit gut fünf Jahren.

(Foto: dpa)

SydneyDr. Barri Phatarfod spricht mit der Stimme einer Wissenschaftlerin, sachlich und verhalten, als sie die Diagnose stellt. Es sei eine Extremform von Depression, die in der Endphase zum Tod führen könne: das Resignationssyndrom.

Das Resignationssyndrom wurde 2009 in Schweden unter Asylsuchenden identifiziert, die ihre Hoffnung verloren hatten, je Schutz zu erhalten. Mitten im Pazifik, in der abgelegenen Inselnation Nauru, ist es zur Epidemie geworden. Phatarfod und tausende andere australische Ärzte fordern die sofortige Evakuierung von derzeit etwa 50 Flüchtlingskindern von Nauru nach Australien.

Denn das Syndrom führe dazu, dass die Kinder und Jugendlichen zunächst ihre Hygiene vernachlässigen, dann aufhören zu sprechen und zu lachen. „Und dann stellen sie keine Fragen mehr“, erzählt die australische Ärztin und Gründerin der Organisation „Ärzte für Flüchtlinge“.

Schließlich würden die Kinder kaum noch etwas essen, bis sie Essen letztlich komplett ablehnen. „Doch das ist kein Hungerstreik“, sagt sie. Sie seien viel zu jung, um einen Hungerstreik als Mittel des Protests zu verstehen. Für die Kinder sei die Welt einfach „ein zunehmend feindseliger Ort“ geworden.

Auch zur Toilette würden die Betroffenen nicht mehr gehen – und „in einen katatonischen Zustand“ verfallen. Sie wollten nicht mehr leben. „Ihr ganzes System bricht zusammen“, so Phatarfod.

In einem von Stahlzäunen umgebenen Lager auf Nauru interniert Canberra etwa 600 sogenannte Bootsflüchtlinge, die meisten seit gut fünf Jahren. Es sind vorwiegend Familien aus Afghanistan, Irak und Sri Lanka, die versucht hatten, mit dem Schiff von Indonesien oder Sri Lanka aus nach Australien zu gelangen, um dort um Asyl zu ersuchen und Schutz vor Verfolgung, Folter und Tod zu finden.

Asyl zu suchen ist ihr Recht: das Recht jedes Menschen. Dies schreibt die Uno-Flüchtlingskonvention vor. Doch wenn es um Bootsflüchtlinge geht, ignoriert Australien dieses grundlegende Prinzip seit Jahren, sowie eine Vielzahl anderer von Canberra unterzeichneter Abkommen. Allen voran jene zum Schutz des Kindes.

Eine historische Angst vor einer „Invasion aus dem Norden“, die Verletzung der Grenzen durch vermeintliche „gelbe Horden“, die in Booten aus Asien kommen und das Land überfallen, sitze tief in der australischen Seele, versucht der Autor David Marr die Situation zu erklären.

Eines von vier festgehaltenen Kindern und Jugendlichen sei „akut selbstmordgefährdet“

Denn für Menschen, die in Sydney mit dem Flugzeug landen und dann Asyl ersuchen, gilt die Regel der zeitlich unbegrenzten Zwangsinternierung nicht. Es gehe Australien bei der brutalen Behandlung von Bootsflüchtlingen nur um eines: die „Abschreckung“ von Nachahmern, sagen Flüchtlingsorganisationen. Diese Praxis habe „in den Augen der Vereinten Nationen und anderer Staaten Australiens moralische Autorität untergraben“, so Daniel Webb vom „Human Rights Law Centre“.

Nun droht den Kindern auf Nauru der Tod. Eines von vier festgehaltenen Kindern und Jugendlichen sei „akut selbstmordgefährdet“, meldet das „Asylum Seeker Resource Centre“. Die Kinderpsychiaterin Julie Stone analysierte für die Nichtregierungsorganisation die Situation und sieht „die dringende Notwendigkeit für medizinische Versorgung, spezialisierte Intervention und Behandlung“.

Doch solche Dienste gibt es auf Nauru nicht, einer Insel von 21 Quadratkilometern Größe, mit etwa 13.600 Einwohnern.

Nauru sei konzipiert, um Menschen zu bestrafen, sagen ehemalige Mitarbeiter es Internierungslagers wie die Schweizer Gründerin der Flüchtlingshilfeorganisation Same Skies, Julia Frei. Die Lebensbedingungen sind bewusst trostlos.

Nicht nur fehlt es an guter medizinischer Versorgung, die Flüchtlinge leben in menschenunwürdigen Unterkünften: In großen Zelten, in schimmligen Baracken, praktisch ohne Klimaschutz unter brütender tropischer Sonne. Der Mangel an Sicherheit sei eines der größten Probleme, warnen humanitäre Organisationen seit Jahren. Kindern drohe auf dem Weg zur Toilette die Belästigung durch Wärter.

Da die meisten der Schutzsuchenden längst als Flüchtlinge anerkannt sind, können sie das Lager verlassen – theoretisch. Vor allem Frauen verzichten aber auf dieses bisschen „Freiheit“: Sie fürchten sich vor sexuellen Übergriffen durch einheimische Männer.

Immer wieder kommt es auch zu blutigen Konflikten zwischen betrunkenen Einwohnern und männlichen Flüchtlingen. Patharfod meint, der Grund für den körperlichen und psychischen Kollaps der Kinder sei nicht nur die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation. „Die Kinder sind traumatisiert. Denn sie erleben mit, wie ihre Eltern von Wärtern gedemütigt werden, und wie Insassen versuchen, sich das Leben zu nehmen“.

„Langeweile ist ein weiteres, enormes Problem“, erzählt Julia Frei, die für verschiedene Organisationen als Betreuerin in Nauru gearbeitet hatte, „auch für die Mitarbeitenden“. Nach kurzer Zeit habe sie sich selbst als Internierte gefühlt und sei in eine Depression versunken. „Ich war nicht die einzige. Vielen Kollegen ging es so“.

Zustimmung von großen Teilen der Bevölkerung

Doch während die Mitarbeiter Nauru verlassen können, sind die Flüchtlinge zum Verbleiben verdammt. Denn Australien hat geschworen, sie „unter keinen Umständen“ ins Land zu lassen. Seit Jahren fängt die australische Marine in den Gewässern im Norden des Kontinents Boote mit Flüchtlingen ab.

Die Insassen werden nach Nauru deportiert oder in ein zweites Lager auf der Insel Manus in Papua-Neuguinea. An dieser Politik will die konservative Regierung eisern festhalten. Denn sie hat nicht nur die Unterstützung der Opposition, sondern auch großer Teile der Bevölkerung.

Obwohl die Kosten astronomisch sind: Rund eine halbe Million Franken bezahlt der australische Steuerzahler im Jahr pro Internierten an die Regierung von Nauru. So stimmen viele Australier Heimatminister Peter Dutton zu, wenn er sagt, dass ein „jegliches Zeichen von Mitleid“ gegenüber den Internierten als Signal für Nachahmer dienen würde, in ein Boot zu steigen.

Trotzdem evakuierte Canberra in den vergangenen Wochen mehrere dutzend Kinder stillschweigend nach Australien. Nicht immer freiwillig: In der Regel brauchte es einen Beschluss des obersten Gerichts. Anwälte von Flüchtlingsorganisationen arbeiten fieberhaft daran, auch für die restlichen Kinder und ihre Familien einen Entscheid zu erwirken.

Inzwischen hat Peter Dutton seine Anwälte darauf angesetzt, die Legitimität des Gerichtes anzufechten, in diesen Belangen überhaupt urteilen zu dürfen.

Ein Angebot von Neuseeland, einige der Flüchtlinge aufzunehmen, bleibt zwar bestehen. Doch der neue Premierminister Scott Morrison fürchtet, die Menschen aus Nauru könnten dann doch noch ins Land kommen – quasi durch die Hintertür.

Für die Kinder von Nauru läuft die Zeit ab. Betreuer vor Ort berichten, jene Kinder und Jugendlichen, die noch ihr Bett verlassen, jene, die noch etwas Kraft haben, würden im Internet immer wieder eine Frage „googeln“: „Wie kann ich mir am schnellsten das Leben nehmen?“

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