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Rezession Junge Griechen sind laut neuer Studie größte Verlierer der Schuldenkrise

Griechenland hat die achtjährige Rezession hinter sich gelassen. Die junge Generation steht aber vor einer langen Durststrecke.
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Bis 2016 verlor das Land ein Viertel seines Bruttoinlandsprodukts. Über 100.000 Unternehmen gaben auf oder gingen pleite. Quelle: dpa
Griechenland

Bis 2016 verlor das Land ein Viertel seines Bruttoinlandsprodukts. Über 100.000 Unternehmen gaben auf oder gingen pleite.

(Foto: dpa)

Athen Schuldenkrise und Sparauflagen haben in Griechenland tiefe Spuren hinterlassen. Die Wirtschaft stürzte in die längste Rezession, die ein europäisches Land in Friedenszeiten erlebte. Viele Menschen verloren mehr als ein Drittel ihrer Einkommen. Aber wer hat am meisten unter der Krise gelitten? Entgegen der landläufigen Annahme sind es nicht die Rentner – sondern junge Griechen.

Eine in dieser Woche veröffentlichte Studie der Athener Denkfabrik DiaNeosis dokumentiert, welche Einbußen die Rezession den Griechen beschert hat. Mitte 2008 setzte das griechische Wirtschaftswachstum aus. Aber die globale Finanzkrise war für die Griechen nur das Vorspiel zur eigenen Schuldenkrise, die Ende 2009 aufbrach.

Bis 2016 verlor das Land ein Viertel seines Bruttoinlandsprodukts (BIP). Über 100.000 Unternehmen gaben auf oder gingen pleite. Erst vergangenes Jahr kehrte Griechenland zum Wachstum zurück. Das BIP legte 2017 um 1,4 Prozent zu. Für dieses Jahr erwartet die Regierung ein Plus von 2,1 Prozent, 2018 soll das BIP um weitere 2,5 Prozent wachsen. Unabhängige Ökonomen sind skeptischer.

Die Volkswirte der Citigroup erwarten für 2019 nur ein Plus von 1,6 Prozent. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert Griechenland für die Jahre nach 2022 jährliche Wachstumsraten von lediglich 1,2 Prozent. In diesem Jahr wird Griechenlands BIP voraussichtlich 182 Milliarden Euro betragen. Bewahrheiten sich die gegenwärtigen Wachstumsprognosen, wird die Wirtschaftsleistung erst in der zweiten Hälfte der 2030er Jahre wieder das Vorkrisenniveau von 242 Milliarden Euro erreichen.

Die Menschen haben also noch eine lange Durststrecke vor sich. Den meisten dürfte es kaum gelingen, zu ihren Lebzeiten noch einmal das Einkommensniveau und den Lebensstandard von Mitte der 2000er Jahre zu erreichen. Das griechische Rentner-Netzwerk Vereinigte Pensionäre listet nicht weniger als 23 Rentenkürzungen seit Beginn der Sparprogramme im Jahr 2010 auf.

Die Rentner, so die Studie von DiaNeosis, haben während der Krise im Durchschnitt 32,5 Prozent ihrer Bezüge verloren – eine massive Einbuße. Noch härter trafen der Sparkurs und die Rezession die Erwerbstätigen mit Lohneinbußen von 38,6 Prozent. Die Selbständigen, deren Anteil in Griechenland höher ist als in jedem anderen EU-Staat, verloren im Schnitt sogar 40,3 Prozent ihrer Einkommen.

Die größten Einbußen mussten aber die Erwerbstätigen in der Altersgruppe der 18- bis 29-jährigen hinnehmen. Ihre Einkommen verringerten sich der Studie zufolge in den Jahren 2009 bis 2014 im Mittel um 44,8 Prozent. Der Hauptgrund dafür ist, dass gerade jüngere Arbeitnehmer immer häufiger schlecht bezahlte Teilzeitjobs annehmen müssen, um überhaupt eine Beschäftigung zu finden.

Rund ein Drittel aller Arbeitsverhältnisse sind Teilzeitjobs

Nach einer Statistik des griechischen Arbeitsministeriums entfielen in den ersten zehn Monaten dieses Jahres fast 54 Prozent aller neu vergebenen Arbeitsplätze auf Teilzeitjobs – Tendenz steigend. Im Oktober machten die Teilzeit-Arbeitsverhältnisse bereits über 62 Prozent der Einstellungen aus.

Während vor dem Ausbruch der Krise weniger als zehn Prozent der Beschäftigten in Teilzeit arbeiteten, entfällt nach Berechnungen der Sozialversicherungsanstalt Efka inzwischen rund ein Drittel aller Arbeitsverhältnisse auf Teilzeitjobs. Sie werden mit durchschnittlich 389,65 Euro brutto im Monat bezahlt.

Die Hälfte aller Teilzeit-Arbeitnehmer lebt unter der Armutsgrenze, das zeigt eine Erhebung des gewerkschaftsnahen Instituts für Arbeit (INE). Dass die jüngere Generation der große Verlierer der griechischen Krise ist, zeigt auch die Arbeitslosenstatistik. Auf dem Höhepunkt der Krise im Sommer 2013 erreichte die Arbeitslosenquote unter den 14- bis 25-Jährigen 55,1 Prozent.

Inzwischen ist die Quote zwar auf knapp 37 Prozent zurückgegangen, so der Stand vom August 2018. Neuere Daten hat die staatliche Statistikbehörde Elstat noch nicht vorgelegt. Die August-Quote war immer noch der höchste Wert aller EU-Staaten.

Die jungen Arbeitslosen und Teilzeitbeschäftigten können kaum nennenswerte Rentenansprüche erwirtschaften. Fachleute warnen deshalb von einer „tickenden Zeitbombe“. Savvas Robolis, Professor für Sozialpolitik an der Athener Panteios-Universität, fürchtet eine „Explosion der Armut“. Die un- und unterbeschäftigten jungen Griechen von heute seien die Altersarmen von Morgen, warnt Robolis.

Das ist nicht nur eine düstere Prognose für viele der heute 20- bis 30-Jährigen, sondern für das Land insgesamt und seine Schulden-Tragfähigkeit. Hilfskredite von 263 Milliarden Euro flossen in den Krisenjahren nach Athen. Die Tilgung der Darlehen soll bis 2060 laufen, so lautet die Vereinbarung mit den Gläubigern.

Doch diese Rechnung geht nur auf, wenn die jetzt heranwachsenden Generationen in den kommenden Jahrzehnten ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum erwirtschaften können. Und darüber schwebt ein großes Fragezeichen.

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