Roberto Azevêdo

Der WTO-Chef setzt auf einen offenen Dialog.

(Foto: Reuters)

Roberto Azevêdo im Interview „Die Weltwirtschaft ist in Gefahr“ – WTO-Chef sieht Anzeichen für globalen Abschwung

Der Chef der Welthandelsorganisation sieht die globale Wirtschaft am Rand eines Handelskriegs und fordert einen gemeinsamen Rettungsversuch.
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Seit Jahren trifft sich der WTO-Chef mit der deutschen Bundeskanzlerin, um über den Zustand des Welthandels zu beraten. Noch nie jedoch fiel die Bestandsaufnahme so trostlos aus. Die Feindseligkeiten zwischen den großen Handelsmächten seien enorm, konstatiert Roberto Azevêdo im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Herr Azevêdo, seit dem G7-Treffen in Kanada droht ein offener Handelskrieg. Wie beurteilen Sie die Lage?
Das Treffen der führenden sieben Wirtschaftsnationen hat bestätigt, dass es in der Handelspolitik große Meinungsunterschiede gibt. Es ist immer enttäuschend, wenn eine Möglichkeit vertan wird, die Unstimmigkeiten aus dem Weg zu räumen.

Wie können wir einen globalen Handelskrieg noch verhindern?
Wir müssen unbedingt den Dialog aufrechterhalten. Wenn wir nicht weiter miteinander sprechen, wird es unweigerlich zu einer Eskalation kommen.

Wie verhandelt man mit einem Partner, der gerade getroffene Vereinbarungen nach wenigen Stunden per Twitter wieder infrage stellt?
Die Animositäten sind in der Tat sehr groß. Wir müssen deshalb sehr darauf achten, dass das Umfeld für künftige Gespräche nicht beschädigt wird, sondern produktiv bleibt. Wenn die politischen Führer diesen konstruktiven Geist nicht aufbringen, dann werden die Weltwirtschaft und unsere Bürger darunter leiden.

Sie sehen eine Gefahr für die Weltwirtschaft?
Absolut. Wenn es zu einer Eskalation im Handelsstreit kommt, droht ein weltweiter Abschwung. Und wir sehen bereits Anzeichen, dass dieser Abwärtsprozess schon begonnen hat.

Welche Indikatoren meinen Sie?
Es gibt eine Zurückhaltung bei Investitionen und im Einkaufsverhalten der Unternehmen. Im Falle eines Handelskriegs wird sich dieser Prozess ohne Zweifel verstärken.

In der Kritik steht auch der deutsche Handelsüberschuss. Wie kann Deutschland dazu beitragen, die Spannungen zu verringern?
Deutschland würde unter einem Handelskrieg stark leiden. Es wird dann keine Insel geben, die davor geschützt ist. Die deutsche Regierung muss selbst entscheiden, ob ein Abbau des Handelsüberschusses die Lage verbessern würde und was sie dafür tun kann.

Die EU und Kanada haben die USA wegen deren Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte bei der WTO verklagt. Was wird jetzt geschehen?
Viel hängt davon ab, wie sich die EU und Kanada verhalten werden.

Sind die Vorwürfe der Kanadier und Europäer berechtigt?
Wenn WTO-Mitglieder anderen Ländern vorwerfen, sie hätten die vereinbarten Regeln im Welthandel gebrochen, dann wird darüber in einem Schiedsverfahren bei der WTO entschieden. Dem kann ich nicht vorgreifen.

Die USA begründen ihre Strafzölle mit einer Gefahr für ihre nationale Sicherheit. Ein Vorwand?
Der Verweis auf nationale Sicherheitsbedenken ist sehr ungewöhnlich. Das sollten die WTO-Mitglieder nicht für alles Mögliche benutzen.

Das heißt konkret?
Ein Land hat einen gewissen Spielraum, seine nationalen Sicherheitsinteressen zu definieren. Nur wenn ein Land sich im Schiedsverfahren bei der WTO auf den entsprechenden Artikel 21 des Gatt-Vertrags beruft, kann das Sicherheitsargument überprüft werden. Ich vermute, dass die USA im Fall der Strafzölle für Stahl- und Aluminiumimporte das tun werden.

US-Präsident Trump hat beim Gipfel in Kanada vorgeschlagen, alle Handelsbeschränkungen innerhalb der G7 abzuschaffen. Eine gute Idee?
Eine Liberalisierung des Handels ist immer eine gute Sache. Die Staats- und Regierungschefs sollten die Idee weiterverfolgen. Auch deshalb, weil die Verhandlungen über ein transatlantisches Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA zum Stillstand gekommen sind.

Trump begründet seinen ungewöhnlichen Vorschlag auch damit, dass die internationale Handelspolitik dringend einen Kurswechsel braucht. Ist das auch eine Kritik an der WTO?
Die USA haben auf verschiedene Probleme im internationalen Handel hingewiesen. Wir wissen, dass der globale Handel nicht perfekt ausbalanciert ist. Viele Länder sind der Meinung, sie müssten ihre Position verbessern. Wir bei der WTO glauben, dass alle Beteiligten am meisten profitieren, wenn es möglichst wenig Handelsbeschränkungen gibt.

Trump behauptet jedoch, die USA seien bei den Freihandelsabkommen von ihren Partnern über den Tisch gezogen worden, und verweist auf das Handelsdefizit der USA. Ein berechtigter Vorwurf?
Es gibt immer mehrere Ursachen dafür, wie die Handelsbilanz zwischen Ländern ausfällt. Es geht dabei nicht nur um Zölle, sondern auch um die Wettbewerbsfähigkeit, Wechselkurse oder die jeweilige nationale Wirtschaftspolitik. Die Handelspolitik sollte sich deshalb nicht allein an Handelsdefiziten ausrichten.

Würde das Handelsdefizit der USA durch den Abbau aller Handelsbarrieren geringer ausfallen?
Das ist offenbar die Analyse der Trump-Regierung. Ich habe keine Hinweise, die das unterstützen oder widerlegen.

Wird Amerika im Handel unfair behandelt?
Die USA werden so behandelt, wie es die WTO-Regeln vorsehen. Diese Regeln hat Amerika mit anderen Ländern selbst vereinbart. Die jetzige US-Regierung behauptet nun, die Regeln seien von früheren Administrationen schlecht ausgehandelt worden. Dazu kann ich nichts sagen.

Haben Sie mit US-Präsident Trump schon über den Freihandel gesprochen?
Nein, ich habe aber mit Vertretern seiner Regierung gesprochen.

Wäre ein direkter Meinungsaustausch nicht gerade jetzt nützlich?
Die WTO sollte unbedingt mit am Tisch sitzen, wenn ernsthaft darüber gesprochen wird, wie wir das gegenwärtige Dilemma im Welthandel auflösen wollen.

Herr Azevêdo, vielen Dank für das Interview.

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1 Kommentar zu "Roberto Azevêdo im Interview: „Die Weltwirtschaft ist in Gefahr“ – WTO-Chef sieht Anzeichen für globalen Abschwung"

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  • "Eine Liberalisierung des Handels ist immer eine gute Sache."
    Hier wäre eine Präzisierung angebracht: Für wen? Und inwiefern? Und wäre das tatsächlich immer - in jedem Fall und unter allen Bedingungen (für alle?) eine gute Sache?
    Ich meine, es ist ja klar, dass es für die Firmen, die davon profitieren können, eine gute Sache ist, aber wenn damit gemeint sein sollte, dass es auch in jedem Fall für die Gesamtgesellschaft gut ist, dann wäre das schon noch erforderlich, genauer auszuführen. Schließlich zahlt die ja auch immer einen Preis.

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