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Rohstoffförderung Saudi-Arabien gegen Russland: Preiskampf am Ölmarkt geht in die nächste Runde

Nach dem Preiskrieg hat der Ölpreis etwas aufgeholt. Aber Riad will mehr als den erzielten Kompromiss und trifft Moskau nun an einem wunden Punkt.
16.05.2020 - 07:54 Uhr Kommentieren
Russlands Ölquellen sind oftmals so veraltet, dass sie nach dem jetzt erzwungenen Herunterfahren nicht wieder produzieren können. Quelle: dpa
Ölförderung in Westsibirien

Russlands Ölquellen sind oftmals so veraltet, dass sie nach dem jetzt erzwungenen Herunterfahren nicht wieder produzieren können.

(Foto: dpa)

Berlin, Frankfurt Igor Setschin, der mit Russlands Präsident Wladimir Putin bestens verdrahtete Chef des Ölkonzerns Rosneft, hatte einen guten Grund, warum er Anfang März Saudi-Arabien abblitzen ließ. Sein „Njet“ verhinderte ein Abkommen zwischen dem Ölkartell Opec, Russland und anderen großen Förderern, woraufhin Riad seine Pumpen auf Volllast laufen ließ und den Ölmarkt flutete.

Das Ergebnis ist bekannt: Der Ölpreis kollabierte, das Opec-plus genannte Kartell traf sich zu einer Sondersitzung, um dann doch drastische Förderkürzungen zu vereinbaren und den Rohstoffpreis aus dem Keller zu holen.

Seit 1. Mai gilt das Opec-plus-Abkommen mit deutlich reduzierten Fördermengen. Saudi-Arabiens Energieministerium kündigte am Montag sogar an, seine Ölförderung von Juni an freiwillig um eine weitere Million Barrel auf nur noch 7,5 Millionen Barrel täglich zu senken. Das wäre auf dem Niveau des Jahres 2002. Und die saudische Regierung in Riad forderte Russland auf, es dem weltgrößten Ölexporteur gleich zu tun.

Damit ist Igor Setschin wieder zum Zug. Der Chef des staatlich kontrollierten und nach Saudi Aramco weltweit zweitgrößten Ölkonzerns Rosneft wehrt sich gegen Förderkürzungen. Die westsibirischen Ölfelder, auf denen die Hälfte der russischen Produktion gefördert wird, sind stark ausgelaugt. Sie sind zumeist noch tief in Sowjetzeiten hochgefahren worden, mit zwar robusten, aber nicht hochtechnologischen Anlagen.

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    Schon seit Jahren wird mit Wasserdampf und Chemikalien versucht, den Ausstoß hoch zu halten. Benötigte Import-Chemikalien sind seit der erheblichen Rubelabwertung teuer. Vor einem Jahr kam zu einem Skandal, mit Chemikalien gepanschtes Rohöl wurde bis zur Raffinerie in Leuna gepumpt. Polnische und weißrussische Anlagen wurden massiv beschädigt.

    Wie schlecht die Lage russischer Ölfelder ist, zeigt ein Blick ins wichtigste Fördergebiet: Im westsibirischen Chanty-Manssijsk wurde die Zahl der Bohrungen nach neuen Zugängen zu Ölfeldern um zwei Drittel hochgefahren. Die geförderte Menge sank dennoch von 2008 bis zum vorigen Jahr um 15 Prozent.

    Russlands Strategie war über Jahrzehnte, aus den etwa 200.000 Bohrlöchern so viel Rohöl wie möglich zu pumpen. Bis 2016 hat sich der Kreml nie auf Verhandlungen mit der Opec eingelassen, sondern immer ausgenutzt, wenn vor allem der für den Ausgleich der Ölnachfrage wichtige Produzent Saudi Aramco die Förderung kürzte.

    Später hielt sich Moskau oftmals nicht an die der Opec gegebene Förderkürzungs-Versprechen, heißt es in Riad. Aramco drehte Förderpumpen ab, Lukoil, Rosneft, Gazprom Neft und andere öffneten ihre Rohre weiter.

    Rache veralteter Technik

    Damit ist nun Schluss: „Wir werden die Abmachung zu 100 Prozent umsetzen und alle Unternehmen haben die Verantwortung dafür übernommen“, verkündete Russlands Energieminister Alexander Nowak zum Opec-plus-Abkommen. Russland fährt derzeit zum ersten Mal seit dem Rubel-Crash von 1998 seine Förderung herunter. Moskau hatte sich zum 1. Mai wie die Saudis verpflichtet, den Großteil der vereinbarten Kürzungen von 9,7 Millionen Barrel (etwa zehn Produzent des täglichen Ölverbrauchs) zu schultern.

    Damit hatte sich Nowak den Zorn des Putin-Intimus Setschin zugezogen. Denn Russlands zugesagte Kürzung um 18 Prozent auf 8,5 Millionen Barrel täglich, sei eine „Revolution in der russischen Ölindustrie“, meint Michail Krutichin. Denn um den Effekt einer abgedrehten Förderpumpe in Saudi-Arabien zu erzielen, „muss man in Russland bis zu 150 abdrehen“, sagt der Partner der renommierten Moskauer Beratungsfirma RusEnergy. 

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    Doch sogar für die Post-Corona-Zeit warnt Marcel Salichow vom Moskauer Carnegie Center: „Das Hauptrisiko besteht darin, dass die Ölquellen nach einer vorübergehenden Stilllegung nicht mehr zu ihrer früheren Betriebskapazität zurückkehren können.“

    Der Druckabfall nach Schließung der Quelle könne zu groß sein und es drohten „irreversible Verluste bei der Produktionskapazität“. Zudem seien „einige Vorkommen zu den derzeitigen Preisen einfach nicht rentabel“, meint Salichow.

    Es könnte noch schlimmer kommen

    Nun räche sich, ergänzt Jekaterina Gruschewenko, Expertin des Energiezentrums der Management-Hochschule Skolkowo, dass russische Ölkonzerne jahrelang zu hoch besteuert worden und ihnen keine steuerlichen Anreize für massive Investitionen in moderne Fördertechniken gewährt worden seien.

    Der Dreiklang aus veralteter Technik, erzwungener Mengenkürzung und Preisverfall führe als Folge der Conora-Pandamie, dass Russland fünf bis 13 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts allein im Energiesektor verliere, hat Gruschewenko errechnet. Russlands Zentralbank geht bisher für das laufende Jahr von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um vier bis sechs Prozent aus.

    Es könnte noch schlimmer kommen: Russland hat Förderkosten von etwa 13 Dollar, Saudi Aramco von nur drei Dollar pro Barrel (je 159 Liter). Die saudischen Ölfelder sind zudem deutlich jünger, nicht bis zu mehrere Kilometer tief gelegen und nicht so nah an ihrem Förderende wie die russischen. Deshalb seien sie laut Experten flexibler auf- und zuzudrehen.

    Zudem fördere ein saudisches Bohrloch deutlich mehr Rohöl als eine neue Bohrung in einem alten sibirischen Feld. Damit kann Saudi-Arabien deutlich besser Niedrigpreisphasen durchstehen.

    Putin vs. Kronprinz

    Zudem entscheiden im Königreich nur der Energieminister und Aramco – beide faktisch angewiesen vom mächtigen Kronprinzen Mohammed bin Salman – im Ölsektor. In Putins Reich dagegen muss Energieminister Nowak nicht nur den eigensinnigen Setschin mit dessen Kontakten zum Kremlchef einfangen, sondern auch Gazprom und private Ölmilliardäre, die Lukoil und Surgutneftegas kontrollieren.

    Experte Krutichin hatte vor der Coronakrise mit einer Maximalförderung von 570 Millionen Tonnen jährlich 2021 als historischem Höhepunkt der russischen Ölförderung gerechnet und dann einem Abfallen um 44 Prozent bis 2035.

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    Dann werde sich seine Heimat von seiner bisherigen Rolle als Ölexportland verabschieden und nur noch den Eigenbedarf bedienen können. Ob der Niedergang nun noch schneller geht, wenn nach einem Ende der Pandemie das Hochfahren veralteter Ölquellen scheitere, ist offen.

    Neue große Vorkommen hat Russland zwar auch, aber sie liegen in der Tiefsee weit hinter dem Polarkreis. Dort bräuchte das Land modernste Bohr- und Fördertechnik, die wegen der westlichen Russland-Sanktionen nicht geliefert werden dürfen. Auch Kredite oder Anleiheplatzierungen für russische Ölkonzern sind im Westen verboten.

    Saudi-Arabiens Probleme

    Doch auch in Saudi-Arabiens Ölindustrie ist die Lage dramatisch. Aramco musste in dieser Woche einen Einbruch seines Gewinns um ein Viertel auf 16,7 Milliarden Dollar für das – noch nicht voll von Corona erfasste – erste Quartal bekannt geben.

    Auch Finanzminister Mohammed Al-Jadaan nahm im Haushalt drastische Kürzungen im Umfang von 26 Milliarden Dollar vor, um die etwa 500 Milliarden Dollar umfassenden Währungsreserven abschmelzen zu lassen. Das hatte die US-Großbank Goldman Sachs für 2023 vorausgesehen, wenn nicht massiv gegengesteuert würde. Um den Ölpreis nicht wieder einbrechen zu lassen, hat Aramco eine weitere Kürzung seiner Produktion um eine Million Barrel täglich angekündigt.

    Zudem berichten Händler, dass der weltgrößte Ölkonzern seine Exporte von Juni an für europäische, amerikanischen und mindestens ein Dutzend asiatischer Kunden kürzen wird. „Es ist politisch wichtig für die USA und für Donald Trump“, dass die Saudis weniger Öl in das Atlantikbecken schicken, sagte Olivier Jakob von der Beratungsfirma Petromatrix. „Es ist auch eine Geste gegenüber den Russen, dass die Saudis nicht darauf aus sind, den europäischen Markt zu zerstören“, ergänzte der Experte.

    „Das Königreich hat klare fiskalische Zwänge, höhere Preise zu erhalten“, meint auch Helima Croft, Rohstoffstrategin bei RBC Capital Markets. Schon jetzt sei das Land zu schmerzhaften Sparmaßnahmen genötigt worden.

    Nachfrageprognose steigt

    Auch Russlands Führung habe mit starkem ökonomischen Gegenwind zu kämpfen – zusätzlich zum im Land grassierenden Coronavirus. „Präsident Putins Beliebtheit ist auf den tiefsten Stand seit zwei Jahrzehnten gesunken“, sagt Croft. Der jüngste Anstieg der Ölpreise verschaffe beiden Ländern daher zumindest etwas Luft.

    Aber auch Russland solle, so der Wille Riads, weitere Förderkürzungen vornehmen. Setschin sagt bisher wieder einmal „Njet“. Doch dass Saudi-Arabien die Reduzierung freiwillig vornehme, bezweifelt Michael Hiley vom Energiehändler LPS Futures. Dass Aramco dazu bereit sei, eine weitere Million Barrel zu kürzen, „bedeutet, dass sie keine Käufer für diese Million haben, so dass das, was bullish erscheint, in Wirklichkeit bearish ist“.

    Allerdings hat die Internationale Energieagentur (IEA) ihre zuletzt extrem pessimistische Prognose zur Ölnachfrage nach oben korrigiert. Sie erwartet für das zweite Quartal einen Einbruch der Ölnachfrage um 20 Prozent, zuvor war die Agentur von 23 bis 25 Prozent ausgegangen. „Das Bild ist immer noch sehr trostlos“, sagte IEA-Chef Fatih Birol.

    „Aber das Schlimmste dürfte hinter uns liegen.“ Davon sind auch die Investoren überzeugt: Seit Monatsbeginn hat sich die US-Ölsorte WTI um knapp 50 Prozent verteuert. Der Preis für Nordsee-Öl der Sorte Brent stiegt im gleichen Zeitraum um 17 Prozent.

    Mehr: Fragile Rallye an den Ölmärkten.

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