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Rotterdam Wie sich Europas größter Hafen auf den Brexit vorbereitet

Ein ungeordneter Brexit bedroht den Handel. Auch den Hafenbetrieb verändert das radikal. Rotterdam versucht, sich auf das Schlimmste vorzubereiten.
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Hohe Investitionen, hoher Aufwand: Die niederländischen Logistiker müssen mit einem harten Brexit kalkulieren. Quelle: AFP
Der Hafen von Rotterdam

Hohe Investitionen, hoher Aufwand: Die niederländischen Logistiker müssen mit einem harten Brexit kalkulieren.

(Foto: AFP)

RotterdamDie Waren stapeln sich bis zur Decke, Gabelstapler fahren hektisch hin und her. Volle Regale, so weit das Auge reicht: In der Lagerhalle von Neele-Vat Logistics herrscht Hochbetrieb. Der niederländische Logistikdienstleister ist bis zum Anschlag ausgelastet. „Wir sind voll“, sagt CEO Cuno Vat. Das Unternehmen musste schon viele Aufträge ablehnen. Geschäftsbeziehungen zu neuen Kunden geht es gar nicht mehr ein.

So etwas ist in der über 40-jährigen Firmengeschichte noch nie passiert. Den Nachfrageboom hat das Familienunternehmen mit 800 Mitarbeitern dem Vereinigten Königreich zu verdanken. Seitdem ein ungeregelter EU-Austritt droht, bunkern britische Unternehmen so viel Waren wie möglich auf dem Kontinent.

Am 12. April könnte es zum Schlimmsten kommen: Großbritannien verlässt die EU ohne Vertrag. Einfuhrzölle, Warenkontrollen und viel Bürokratie wären die unweigerliche Konsequenz. Dass es so kommt, wird immer wahrscheinlicher. Zweimal schon ist der britische EU-Scheidungsvertrag im Unterhaus durchgefallen.

Einen dritten Versuch wagt Premierministerin Theresa May momentan nicht, weil immer noch keine Mehrheit für das Abkommen in Sicht ist. Bei einem Abstimmungsmarathon über Alternativen zu dem Vertrag am gestrigen Mittwoch gab es wieder kein greifbares Ergebnis. Wenn es bis zum 12. April so weitergeht, dann fällt der Hammer: Großbritannien verlässt die europäische Staatengemeinschaft ohne Rechtsgrundlage.

Die Geduld der EU-27 mit der Regierung in London ist zu Ende. Dass ein weiterer Brexit-Aufschub bedingungslos gewährt wird, ist nicht zu erwarten. Es wird also ernst für die britischen Exporteure – und auch für ihre Geschäftspartner auf der anderen Seite des Ärmelkanals.

Nur 320 Kilometer Luftlinie von London entfernt liegt Rotterdam an einer der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Der Hafen ist mit seinen 100 Quadratkilometern Fläche so groß wie eine Stadt. Von einem Ende zum anderen ist man mit dem Auto fast eine Stunde unterwegs.

Es geht vorbei an Benzintanks, Ladekränen, qualmenden Schornsteinen, Lagerhäusern, bunten Containerstapeln und natürlich an Schiffen aller Art: Fähren, Kreuzfahrtdampfer, Containerschiffe, Öltanker, Segeljachten, Motorboote.

Viele Schiffe kommen aus Großbritannien

Die größten Ozeanriesen können hier anlegen – und viele kommen aus Großbritannien: Jährlich werden zwischen Rotterdam und dem Vereinigten Königreich 40 Millionen Tonnen Waren verschifft – rund neun Prozent des gesamten Warenumschlags. Wenn die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU aus der europäischen Zollunion und dem Binnenmarkt herausfällt, ändert sich vieles in dem Hafen mit seinen 60.000 Mitarbeitern.

Russland ist wegen der Energielieferungen das wichtigste Herkunftsland für in Rotterdam umgeschlagene Güter. Gleich danach kommt Großbritannien. Umgekehrt ist aus britischer Sicht Rotterdam sogar der weltweit wichtigste Empfängerhafen. Innerhalb des Binnenmarktes war das nie ein Problem: Container konnten ohne Zollformalitäten be- und entladen werden.

Europas größter Hafen

100

Quadratkilometer

beträgt die Fläche des Hafens von Rotterdam

Der Warenumschlag mit London funktionierte genauso wie mit Utrecht oder mit Amsterdam. Das wird sich radikal ändern, wenn der wilde Brexit kommt. Der Hafen muss dann überprüfen, ob britische Waren den EU-Produktstandards genügen – zumindest mit Stichproben. Und Einfuhrzölle fallen an.

10.500 Schiffe pro Jahr müssten in Rotterdam zusätzlich kontrolliert werden, erwartet die Hafengesellschaft. Hunderte zusätzliche Zöllner würden dafür benötigt. Nicht nur auf den Zoll kommt mehr Arbeit zu. Veterinärmediziner und -inspektoren sowie Lebensmittelkontrolleure müssen sicherstellen, dass Hygienestandards eingehalten werden.

100 Personen stellte die niederländische Behörde für Lebensmittelsicherheit dafür bereits ein. Auch neue Gebäude werden gebraucht. Die Ausschreibungen Bau und Betrieb laufen bereits. 1,5 Millionen Euro hat die Hafengesellschaft bisher in die Brexit-Vorbereitungen investiert, eine Million davon floss in die Entwicklung eines neuen digitalen Meldesystems: Portbase soll die schlimmsten Brexit-Folgen abfedern.

Alle Handelsfirmen, die mit Großbritannien Geschäfte machen, müssen sich bei Portbase registrieren und ihre Ladung dort anmelden. Informationen darüber finden die Unternehmen auf Flyern in acht Sprachen. Etwa 4200 Firmen, so die Schätzung der Hafengesellschaft, werden Portbase nutzen. Dafür müssen die IT-Systeme der Niederlande und des Vereinigten Königreichs gut aufeinander abgestimmt sein. Im Flyer steht in dicker Schrift der Satz: „Achtung! Wenn die Ladung nicht den Bedingungen entspricht, wird Ihnen die Zufahrt zum Fährterminal in den Niederlanden verwehrt.“

Geschäft wird zurückgehen

Trotzdem gehen die Planer davon aus, dass täglich etwa 400 Lkws nicht die nötigen Papiere haben und am Terminal zurückgewiesen werden. Für sie hat der Hafen zusammen mit dem zuständigen Ministerium provisorische Parkplätze gebaut: eine riesige Schotterfläche, eingerahmt von Öltanks, Windkrafträdern, einem Chemiewerk mit qualmenden Schornsteinen, der Autobahn und vorbeifahrenden Güterzügen.

Insgesamt finden 700 Lkws an der Nord- und Südseite des Hafens Platz. Die Verwaltung der Flächen kostet die Hafenverwaltung jährlich eine halbe Million Euro. Insgesamt erwartet der Hafen ein rückläufiges Handelsgeschäft zwischen der Insel und dem Kontinent. Das Handelsvolumen werde um 30 bis 40 Prozent sinken.

Zölle, Bürokratie, das durch den Brexit gedämpfte Wirtschaftswachstum und Wechselkursschwankungen würden sich negativ auswirken. „Kurzum, es wird nicht viele Gewinner geben“, sagt ein Hafenmanager.

An diesem Tag, der neblig beginnt und sich im Laufe der Stunden in einen sonnigen Tag wandelt, liegt im Rotterdamer Hafen eine Fähre der schwedischen Reederei Stena Line, auf der der Slogan „Connecting Europe“ steht. Europa verbinden – das wird nach dem Brexit so viel schwieriger sein. Denn dann trennt die britische Insel und das europäische Festland noch viel mehr als das Meer.

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