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Russischer Oppositionspolitiker Charité: Hinweise auf Vergiftung Nawalnys

Der prominente Kremlkritiker wird in der Berliner Charité behandelt. Klinische Befunde weisen nun auf eine Vergiftung hin. Die Bundesregierung drängt auf Aufklärung.
24.08.2020 Update: 25.08.2020 - 12:23 Uhr Kommentieren

Befunde der Berliner Charité deuten auf Vergiftung von Alexej Nawalny hin

Berlin Im Fall des russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny weisen klinische Befunde nach Angaben der Berliner Charité auf eine Vergiftung hin. Das teilte eine Sprecherin der Klinik am Montag mit. Nawalny befinde sich weiterhin im künstlichen Koma. „Sein Gesundheitszustand ist ernst, derzeit besteht jedoch keine akute Lebensgefahr“, hieß es in der Mitteilung.

Nach seiner Ankunft am Samstagmorgen sei Nawalny eingehend untersucht worden. Die klinischen Befunde wiesen auf eine Vergiftung „durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer hin“. Die konkrete Substanz sei aber bislang nicht bekannt.

Nun werde Nawalny ein Gegenmittel verabreicht, hieß es weiter. „Der Ausgang der Erkrankung bleibt unsicher und Spätfolgen, insbesondere im Bereich des Nervensystems, können zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden.“

Nawalny, einer der prominentesten Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin, war am Donnerstag auf einem Flug von Sibirien nach Moskau zusammengebrochen. Nach einer Notlandung in Omsk wurde er zunächst in einer Klinik dort behandelt, ehe er am Wochenende nach Berlin geflogen wurde. Die Ärzte seien mit Nawalnys Ehefrau in engem Austausch, teilte die Charité weiter mit. Im Einvernehmen mit ihr gehe die Klinik davon aus, „dass die öffentliche Mitteilung zum Gesundheitszustand in seinem Sinne ist“.

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    Merkel und Maas drängen auf Aufklärung

    Angesichts der Erkenntnisse der Charité fordern Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Heiko Maas von russischen Behörden eine umfassende Aufklärung des mutmaßlichen Anschlags. „Nach Aussage des Ärzteteams an der Charité weisen die klinischen Befunde auf eine Vergiftung von Nawalny hin“, teilten beide Politiker am Montagabend in einer Erklärung mit.

    Angesichts der herausgehobenen Rolle Nawalnys in der politischen Opposition in Russland seien die dortigen Behörden nun „dringlich“ aufgerufen, diese Tat bis ins letzte und transparent aufzuklären. „Die Verantwortlichen müssen ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden“, fordern die Kanzlerin und der Außenminister. Sie hofften, dass Nawalny wieder völlig genese.

    Die Bundesregierung hatte zuvor bereits den Verdacht geäußert, dass es sich um einen Giftanschlag handelt, und von Russland eine vollständige Aufklärung gefordert. „Weil man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit von einem Giftanschlag ausgehen kann, ist Schutz notwendig“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittag in Berlin.

    „Der Verdacht ist, dass Herr Nawalny vergiftet wurde, wofür es in der jüngeren russischen Geschichte leider einige Verdachtsfälle gab“, sagte Seibert.

    Russland sieht in Befunden der Charité keine Beweise

    Russland sieht trotz der ersten Erkenntnisse der Charité bislang keine Beweise für einen Giftanschlag auf den führenden Oppositionspolitiker Alexej Nawalny. Die Diagnose der Berliner Universitätsklinik sei kein definitiver Beleg dafür, sagte ein Sprecher des Präsidialamtes in Moskau am Dienstag. Es sei für die russische Regierung unklar, warum die Ärzte in Deutschland so rasch von einer Vergiftung gesprochen hätten.

    Forderungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Heiko Maas, wonach die russischen Behörden den Vorfall untersuchen sollten, wies der Sprecher zurück. Erst wenn die Charité die Substanz festgestellt habe, die für die Erkrankung Nawalnys verantwortlich sei, und es sich dabei um eine Vergiftung handele, gebe es einen Grund, Ermittlungen einzuleiten. Derzeit wisse man nur, dass Nawalny im Koma liege.

    „Wir haben sein Leben gerettet“

    Nach den Worten russischer Ärzte wurde Nawalny nicht vergiftet. „Wir haben sein Leben mit großer Mühe und Arbeit gerettet“, sagte Chefarzt Alexander Murachowski auf einer Pressekonferenz in der sibirischen Stadt Omsk. „Wenn wir eine Art Gift gefunden hätten, das sich irgendwie bestätigt hätte, wäre es für uns viel einfacher gewesen. Es wäre eine klare Diagnose, ein klarer Zustand und eine bekannte Behandlungsweise gewesen“, fügte Anatoli Kalinitschenko, ein leitender Arzt des Krankenhauses, hinzu. Die behandelnden Ärzte wiesen Vorwürfe zurück, die Ausreise Nawalnys auf Druck der Behörden verzögert zu haben.

    Der Filmproduzent Jaka Bizilj geht davon aus, dass Nawalny noch Wochen bis zu einer Genesung braucht. Im Politik-Talk „Die richtigen Fragen“ auf „Bild live“ sagte Bizilj am Sonntagabend: „Aus meiner Sicht ist die entscheidende Frage, ob er das unbeschadet übersteht und seine Rolle weiter einnehmen kann.“

    Bizilj, der den Transport Nawalnys aus Sibirien nach Berlin zur Behandlung in der Charite mit seiner Organisation „Cinema for Peace“ organisiert hatte, fügte hinzu: „Wenn er das unbeschadet übersteht, was wir alle hoffen, dann ist er sicherlich trotzdem mindestens ein, zwei Monate aus dem politischen Gefecht weg.“

    Mehr: Kremlkritiker Alexej Nawalny wird in der Charité offenbar schwer bewacht.

    • rtr
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