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Russland 1998 Sparauflagen ignoriert

Kurz nach seiner Abwertung verlor der Rubel ende der Neunziger binnen Stunden 60 Prozent seines Werts. Für die Russen war der Rubel-Crash eine nationale Katastrophe. Bis heute sind die Folgen sichtbar, etwa beim Blick auf die niedrige Sparquote. Dabei legte die Krise den Grundstein für den Aufschwung der Wirtschaft.
  • Florian Willershausen
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Kreml: Für die Russen war der Rubel-Crash eine nationale Katastrophe. Quelle: ap

Kreml: Für die Russen war der Rubel-Crash eine nationale Katastrophe.

(Foto: ap)

MOSKAU. Der 17. August 1998 ist ein schwarzer Tag in der jüngeren Geschichte Russlands. Damals ließ Expräsident Boris Jelzin die Abwertung des Rubels zu. Binnen weniger Stunden verlor die Landeswährung mehr als 60 Prozent an Wert. An den Finanzmärkten brach Panik aus, Privatleute plünderten ihre Bankkonten, Investoren zogen massenhaft Kapital ab. Kurz darauf erklärte sich Russland zahlungsunfähig. Die Rückzahlung von Auslandskrediten wurde für 90 Tage ausgesetzt.

Für die Russen war der Rubel-Crash eine nationale Katastrophe. Bis heute sind die Folgen sichtbar, etwa beim Blick auf die niedrige Sparquote. Die Russlandkrise markiert aber auch ein Debakel in der Chronik des IWF. Dessen Experten hatten den Default weder kommen sehen noch verhindern können. Dabei war der Rubel schon Wochen vor der Abwertung angezählt. Analysten rieten der russischen Regierung zu einer schleichenden Abwertung. Angesichts einer dramatischen Binnenverschuldung bei einem hochdefizitären Haushalt hatte die anhaltende Kapitalflucht die Währung täglich unter Druck gesetzt. Trotzdem stützte Präsident Boris Jelzin den Rubel-Kurs - und zwar auf Geheiß des IWF-Präsidenten Michel Camdessus.

In den neunziger Jahren pumpte Washington beinahe jährlich Milliardenkredite an die Moskwa. Jedes Mal wurde die Auszahlung der Tranchen an harte Sparauflagen gekoppelt. Insgesamt sollte der Staat zwischen 1997 und 1999 vier Prozent seiner Wirtschaftsleistung einsparen. Allerdings hat Moskau sich selten daran gehalten. Mal blockierten Abgeordnete eine dringend notwendige Steuerreform, tags darauf scheiterten Sparpläne an den parlamentarischen Hürden der Staatsduma, die unter Boris Jelzins ebenso mächtig war wie heterogen und zerstritten.

Zu allem Überfluss plagten Altlasten der Sowjetunion die russische Regierung: Auch IWF-Experten wussten keinen Rat, wie sich auf die Schnelle Tausende Sowjetbetriebe sanieren ließen, die vor Ort keine Löhne zahlen konnten. Unterm Strich konnte Washington in Russland keine nennenswerten Strukturreformen durchsetzen. Trotzdem flossen Kredite, denn Russland war politisch zu wichtig. Ein Staatsbankrott war keine Option.

Immerhin zog Boris Jelzin mit, als es um die Stützung der Währung ging. Doch das war der letzte Ratschlag, den er hätte befolgen sollen. Die plötzliche Freigabe des Rubels verzeihen ihm die Russen bis heute nicht - und den IWF-Experten aus Washington sowieso nicht. Dabei legte die Krise den Grundstein für den Aufschwung der Wirtschaft, die in den zehn folgenden Jahren um durchschnittlich sieben Prozent wuchs. Nicht dank der IWF-Auflagen, sondern ihnen zum Trotz. "Ich hatte die Illusion, ich könnte ein Architekt sein, doch ich war nur ein Feuerwehrmann", sagte Camdessus einmal mit Blick auf sein Krisenmanagement.

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