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Russland Der Fall Nawalny gibt viele Rätsel auf

Beim Anschlag auf den russischen Oppositionellen Nawalny bleibt vieles im Dunkeln. Ein Überblick über die Argumente von russischer und deutscher Seite.
07.09.2020 - 18:48 Uhr 3 Kommentare
Polizisten und Sicherheitsmitarbeiter stehen vor dem Eingang der Zentralen Notaufnahme der Berliner Charité. Quelle: dpa
Künstliches Koma bei Kremlkritiker Nawalny beendet

Polizisten und Sicherheitsmitarbeiter stehen vor dem Eingang der Zentralen Notaufnahme der Berliner Charité.

(Foto: dpa)

Moskau Zwischen Komasaufen und Verdauungsstörungen, Nowitschok-Vergiftung und sogar einer nachträglichen Provokation bewegen sich die Thesen in der Nawalny-Affäre. Der Oppositionelle ist am 20. August in einem Flugzeug zusammengebrochen und wurde mit Vergiftungserscheinungen in ein sibirisches Krankenhaus gebracht. Zwei Tage später kam er dann nach Berlin in die Charité. An diesem Montag beendeten die Ärzte das künstliche Koma, Nawalny reagierte auf erste Kontaktversuche.

Moskau und Berlin liefern sich ein Hickhack um die Deutungshoheit des Falls. Doch vollends schlüssig ist bislang nicht eine der genannten Versionen. Schwachstellen in der Argumentation und unbeantwortete Fragen in der Causa, die zum endgültigen Bruch zwischen Russland und dem Westen führen kann und aktuell das auch Nord-Stream-2-Projekt bedroht, gibt es sowohl in Berlin als auch in Moskau. Ein Überblick der Argumente:

Die Schwachstellen der russischen Version im Fall Nawalny

  • Russlands Argumentation in der Nawalny-Affäre erinnert in vielem an die Nebelkerzen in der Ukrainekrise: Da gab es scheinbar auf der Krim keine russischen Soldaten, die malaysische Boeing sei durch eine Bombe an Bord oder ein ukrainisches Kampfflugzeug zerstört worden, und die Buk gehörte sowieso entweder der ukrainischen Armee oder einem nationalistischen Freiwilligenbataillon.
    Im Fall Nawalny schwirren wieder mehrere offizielle und halboffizielle Versionen des Geschehens durch den Äther. Wurde zunächst die Version einer Alkoholvergiftung gestreut, diagnostizierten die Ärzte später eine Stoffwechselstörung. Das erklärt aber gar nichts, da die Ursache der Stoffwechselstörung im Dunkeln bleibt.
  • Die Fakten: Nawalny ist erst 44 Jahre alt. Er ist kein Diabetiker. Größere gesundheitliche Probleme sind aus der Vergangenheit nicht bekannt. Alkoholprobleme übrigens auch nicht. Sonst wären sie garantiert schon vorher dankbar von der Kremlpropaganda aufgegriffen worden.
  • Nawalny wurde fast lückenlos überwacht. Immer wieder bekamen in der Vergangenheit die TV-Kanäle des Kremls NTW (gehört zur Holding Gazprom Media) und Ren TV (gehört der Kreml-nahen „Nationalen Mediengruppe) Material vom Geheimdienst zugespielt – seien es Videos von Überwachungskameras, Telefonmitschnitte oder Daten des gehackten E-Mail-Accounts, um Nawalny zu kompromittieren. Ein unsauberer Lebenswandel war aber nicht dabei.
    Zuletzt ließ Moskau öffentlich Ärzte über eine falsche Diät Nawalnys als mögliche Ursache für sein Koma spekulieren. Dagegen spricht allerdings die Behandlungsmethode der sibirischen Ärzte, die Nawalny das Leben gerettet haben. Sie verabreichten Atropin, was bei Vergiftungen zum Einsatz kommt.
  • Dass Kremlsprecher Dmitri Peskow eine Vergiftung kategorisch ausschließt beziehungsweise süffisant hinzusetzt, zumindest auf russischem Boden sei er nicht vergiftet worden, um damit Laborberichte aus Deutschland zu diskreditieren, ist daher so verdächtig wie der Verzicht Moskaus auf strafrechtliche Untersuchungen.
  • Das vom weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko als Amtshilfe präsentierte angeblich abgefangene Telefonat zwischen „Nick“ aus Berlin und „Mike“ aus Warschau, das die Fälschung der Vergiftungsvorwürfe beweisen soll, ist selbst eine schwache Fälschung, die eher den Verdacht einer Beteiligung staatlicher Stellen erhärtet als entkräftet.
  • Nawalny ist nicht der erste Oppositionelle, der vergiftet, verprügelt oder erschossen wurde. Immer wieder trifft es Kremlkritiker. Mal werden sie im eigenen Hauseingang oder vor der Kremlmauer erschossen wie Anna Politkowskaja oder Boris Nemzow, mal in London mit Polonium vergiftet. Oder es geht ihnen wie dem Journalisten Oleg Kaschin, der mit einer Eisenstange halbtot geprügelt wurde. Andere, wie der Journalist Juri Schtschekotschichin (54), sterben unter
    ungeklärten Umständen.
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    Berliner Charité: Nawalny aus Koma erwacht und ansprechbar

    Fragen an die deutsche Seite im Fall Nawalny

    Unklarheiten im Fall des russischen Oppositionellen gibt es auch auf der anderen Seite: Ein „chemischer Nervenkampfstoff der Nowitschok-Gruppe“ soll es sein. So hat es Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Vorwurf formuliert. Nähere Infos zum Stoff gibt es leider nicht, daher bleiben viele Fragen offen. Ein Überblick:

    • Nowitschok ist kein Gift wie Arsen, Blausäure oder Rizin, das sich individuell verabreichen lässt. So hat etwa der sowjetische Geheimdienst KGB den ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera in München mit einer Blausäure-Giftspritze erschießen lassen. Und beim Regenschirmattentat auf den georgischen Dissidenten kam Rizin zum Einsatz. Das Gift Nowitschok wurde jedoch als Massenvernichtungswaffe konzipiert. Es ist schwer zu dosieren und hat schon in geringsten Mengen eine große Streuwirkung. Das war auch bei der Skripal-Affäre sehr ersichtlich, als Spuren des Gifts nach dem Angriff auf den übergelaufenen russischen Agenten überall in Salisbury auftauchten. Während Sergej Skripal und seine Tochter Julia den Anschlag 2018 überlebten, starb eine Unbeteiligte später an der Vergiftung.
    • Nawalny traf sich in Sibirien mit lokalen Oppositionsaktivisten und wurde von seinem Team begleitet. Übel wurde ihm im Flugzeug auf dem Rückweg nach Moskau. Doch weder einer seiner Mitreisenden im Flugzeug noch einer seiner Begleiter hat bisher über Vergiftungserscheinungen geklagt. Zudem wandte der sowjetische Chemiker Wladimir Ugljow, einer der Entwickler von Nowitschok, ein, dass damals Atropin als Gegenmittel kategorisch ausgeschlossen wurde. Nawalny jedoch hat auf die Behandlung positiv angesprochen. Das widerspricht der Nowitschok-These.
    • Das Gift kann inzwischen deutlich weiterentwickelt worden sein. Doch solange es nicht nähere Informationen von der Bundesregierung – oder besser noch dem verantwortlichen Labor – zu dem Giftstoff gibt, ist der Nowitschok-Vorwurf mit Fragen behaftet. Unklar bleibt in jedem Fall, warum die russische Regierung – so der Vorwurf – ausgerechnet das schon berühmt-berüchtigte Nervengift einsetzen sollte, das in westlichen Labors schon entschlüsselt wurde. Und warum sie dann noch Nawalny zur Behandlung übergibt – zugegeben mit Verzögerung – auf die Gefahr hin, entlarvt zu werden.

    Mehr: Charité: Kremlkritiker Nawalny wird aus künstlichem Koma geholt

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    3 Kommentare zu "Russland: Der Fall Nawalny gibt viele Rätsel auf"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Von Bandera bis Juschtschenko ist es immer dasselbe KGB-Konzept in Form von klaren Botschaften an Oppositionspolitiker. Sie werden nicht getötet; medienwirksam soll die Macht der russischen Oligarchen um Putin gezeigt werden. Da man die Ukraine und Weißrussland ebenfalls als Teil Rußlands betrachtet. macht man auch vor den dortigen Grenzen nicht Halt. Das alles sollte der Westen langsam begriffen haben.

    • Der ganze Fall ist politisch aufgeblasen. Würde mich wundern wenn am Ende mehr davon übrig bleibt als eine Möglichkeit um Nord Stream 2 abzusagen. Hr. Nawalny wird sich freuen wie er grad politisch eingesetzt wird.

      Wenn der ganze Humanismus nicht völlig geheuchelt wäre, wären in Berlin schon lange Snowden und Assange in Asyl.

    • Guter Artikel! Die Liste kann man noch vervollständigen: (1) Sollte man nicht auf deutscher Seite handfeste Beweise für eine Tat durch russische Regierungsstellen haben, bevor man Anklage erhebt? Es könnten schließlich auch andere Länder ihre Hände im Spiel gehabt haben, wie beispielsweise die Ukraine. (2) Ist es realistisch, dass Russland sein Öl- und Gasexportgeschäft nach Europa wegen eines Regimekritikers aufs Spiel setzen möchte? (3) Warum hat man in Deutschland in dieser hochbrisanten Angelegenheit ausgerechnet eine Institution des Militärs, welche militärischen Geheimhaltungsvorschriften unterliegt, mit der Analyse beauftragt? (4) Wie wurde sichergestell, dass bei der Übermittlung der Proben und der Analyse US-Geheimdienste nicht eingreifen konnten?

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