Arbeiten an Moskauer WM-Stadion

Export, Konsum und staatliche Großaufträge haben vor der Fußball-Weltmeisterschaft zugelegt. Das ist vorbei.

(Foto: dpa)

Russland Export, Konsum, Bauwirtschaft – diese Zahlen alarmieren die russische Regierung

Außenpolitisch feiert Wladimir Putin Erfolge, doch wirtschaftlich geht es nicht voran: Das Wachstum ist geringer als erhofft, wichtige Impulse verpuffen.
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MoskauDer Kremlchef weiß, wie man die Schlagzeilen beherrscht: Dank seines Hochzeitsständchens bei Österreichs Außenministerin Karin Kneissl in der Südsteiermark und des anschließenden Plauschs mit Kanzlerin Angela Merkel in Meseberg war Wladimir Putin am Wochenende in den Medien omnipräsent. Der Versuch westlicher Regierungen, Russland zu isolieren, sei gescheitert, jubelte die „Komsomolskaja Prawda“.

Daheim gibt es für russische Medien derweil weniger Grund zur Euphorie: Die von der Statistikbehörde Rosstat vorgelegten Halbjahreszahlen sind ernüchternd. Demnach ist das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorjahr um 1,6 Prozent gewachsen – was deutlich unter den Schätzungen von Wirtschaftsministerium und Zentralbank liegt. Diese hatte vielmehr auf einen Wert zwischen 1,8 und 2,2 Prozent für das zweite Quartal gehofft.

Das größere Problem dabei ist allerdings, dass es sich womöglich nicht nur um eine Quartalsdelle handelt. Einiges spricht für ein weiteres Abflauen der Wirtschaft. Die Bedeutung der größten Wachstumstreiber des ersten Halbjahres jedenfalls nimmt deutlich ab. Gepusht wurde die Wirtschaft nämlich vom Export, dem Konsum, staatlichen Großaufträgen und der Fußball-Weltmeisterschaft. Die WM ist vorbei. Alle großen, vor allem staatlich finanzierten Bauten sind längst abgeschlossen.

Die Regierung – die ihre eigene Wachstumsprognose für das laufende Jahr bereits senken musste – ist alarmiert. Um gegenzusteuern legt das Wirtschaftsministerium nun ein Programm auf, das die großzügige Finanzierung von Infrastrukturprojekten vorsieht. Insgesamt sollen 690 Projekte gestützt werden. Der Vorschlag des Ministeriums: In den kommenden sechs Jahren sollen 92 Milliarden Euro in die Verbesserung von Straßen und Stromnetz fließen.

Abflauender Konsum nach der Fußball-WM

Neben dem Export flaut aktuell auch der Konsum langsam wieder ab. Um drei Prozent war der Umsatz des Einzelhandels im Juni gegenüber dem Vorjahr gestiegen. In Kauflaune zeigten sich nicht nur die zahlreichen ausländischen Touristen, die während des WM-Turniers auf der Suche nach dem russischen Kopfschmuck Kokoschnik zahlreiche Souvenirläden plünderten, sondern auch die Russen – euphorisiert vom überraschend guten Auftritt ihrer Nationalmannschaft.

Inzwischen plagen die Menschen im Land wieder alltäglichere Sorgen. Beispielsweise beim Blick auf den Kontoauszug. Nach vier Jahren mit sinkenden Reallöhnen, stiegen sie in diesem Jahr zwar wieder leicht. Doch ist bei den Einkommen manches auf Einmaleffekte wie einen einmaligen Rentenzuschuss zu Jahresbeginn, Gehaltsanhebungen im öffentlichen Dienst vor der Präsidentenwahl oder Prämien zurückzuführen. Und die höheren Gehälter im öffentlichen Dienst wurden nach der Wahl sogar wieder zurückgenommen.

Zugleich halten viele Arbeitgeber ihre Angestellten mit dem Gehalt hin. Die Lohnschulden stiegen im Sommer innerhalb eines Monats um 20 Prozent. Beim Einkaufen wird daher nun wieder verstärkt gespart. Laut dem Umfrageinstitut „Romir“ ist der durchschnittliche Kassenzettel im Juli auf 6,50 Euro geschrumpft. Das ist der niedrigste Wert seit zwei Jahren. Das liegt nicht an den gefallenen Preisen, die Menschen kaufen einfach weniger.

Viele Ausgaben haben die Russen zudem kreditfinanziert. 20 Prozent mehr Kredite als im Vorjahr hat die Bevölkerung aufgenommen, neben Hypotheken auch viele ungedeckte Verbraucherkredite. Inzwischen beläuft sich das Kreditvolumen der Russen schon wieder fast auf ein Viertel ihrer Jahreseinkommen. So hoch war das Niveau zuletzt vor der Krise von 2014. Die Gefahr einer Kreditblase nimmt damit deutlich zu.

Erste Anzeichen gibt es bereits: 5,6 Millionen Russen haben in diesem Jahr bereits Besuch vom Gerichtsvollzieher bekommen, eine Million mehr als im vergangenen Jahr. Deren Schulden belaufen sich auf umgerechnet 26,3 Milliarden Euro. Die Ratingagentur Expert warnte daher vor einer neuen Bankenkrise. Spätestens 2020 habe sich die Vergabe von Verbraucherkrediten an die Bevölkerung als Wachstumstreiber für die Banken ohnehin überholt, so die Analysten.

Da auch die Industrieproduktion lahmt, hält allein der stabil hohe Ölpreis die russische Wirtschaft auf Kurs – mal wieder. Nach der Einigung der Interessengemeinschaft Opec+ hat die russische Öl- und Gasindustrie die Anhebung des Förderlimits mit einer Aktivierung der Bohranlagen und Exportpipelines quittiert. Moskau will die aktuelle Konjunktur ausnutzen.

Die verschärften US-Sanktionen dürften dem Kreml Sorgen bereiten. Donald Trumps Versprechen einer Verbesserung der amerikanisch-russischen Beziehungen – gegeben beim Treffen mit Wladimir Putin im Juli – ist nicht eingelöst worden.

Anfang August kündigte Washington neue Sanktionen gegen Moskau an. Die Strafmaßnahmen begründete die Regierung in Washington mit der Vergiftung des russischen Ex-Agenten Skripal. Der neue Strafenkatalog umfasse „sensible Güter der nationalen Sicherheit“. Einzelheiten nannten die USA nicht.

Spekuliert wurde über ein Landeverbot der russischen, mehrheitlich staatlichen Airline Aeroflot in den USA. Aber auch die Pipeline Nord Stream 2, von Trump ohnehin massiv unter Beschuss genommen, rückt wieder ins Visier. Sollten die USA Investitionen in russische Pipelineprojekte unter Strafe stellen, könnten sich die europäischen Partner des Projekts, die sich derzeit als Kreditgeber gerieren, zurückziehen. Und Russlands Wirtschaft zusätzlich belastet werden.

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