Russland Gorbatschow wirbt für Dialog

Der frühere Kremlchef ist alt und gebrechlich geworden. Bei einer Preisverleihung muss er sich auf einen Leibwächter stützen. Unverdrossen wirbt er dennoch für eine Verständigung zwischen Europa und Russland.
Der frühere sowjetische Staatschef Gorbatschow hat in Moskau den „Freiheitspreis der deutschen Medien“ erhalten. Quelle: dpa
Michail Gorbatschow

Der frühere sowjetische Staatschef Gorbatschow hat in Moskau den „Freiheitspreis der deutschen Medien“ erhalten.

(Foto: dpa)

Moskau 

Für das Radisson-Hotel am Moskwa-Ufer ist die Verleihung des „Freiheitspreises der deutschen Medien“ an den sowjetischen Ex-Präsidenten Michail Gorbatschow an diesem schmutzig-grauen Wintertag nicht mehr als eine Randnotiz. Die Portiers haben auf der schneematschgetränkten Straße in Moskau genug mit anderen Limousinen zu tun, deren Insassen auf eine größere Veranstaltung im Hotel wollen. Im Haus weist lediglich ein schlichtes Schild dezent auf die Preisverleihung in der Bibliothek hin.

Dort wird der einstige KP-Generalsekretär hingegen beinahe ehrfürchtig von deutschen Journalisten erwartet. „Sie haben auf Dialog statt Konfrontation gesetzt, auf Worte statt auf Waffen, auf Partnerschaft, statt auf Feindschaft. Millionen Europäer sind durch ihre Entscheidungen frei geworden“, lobt Laudator und Verleger Wolfram Weimer den Preisträger. Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Sowjetunion genießt Gorbatschow im Ausland – speziell in Deutschland – große Anerkennung, in der Heimat schlägt ihm dagegen Geringschätzung entgegen.

Welche Firmen noch auf Russland setzen
Stada
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In Russland wuchs der Arzneimittelhersteller Stada im vergangenen Jahr um vier Prozent, allerdings in Rubel gerechnet. Durch den Wertverfall der Währung nahm der Umsatz in Euro gerechnet stark um 14 Prozent auf 360,7 Millionen Euro ab. Das Land ist aber nach wie vor der größte Auslandsmarkt. Stada-Chef Hartmut Retzlaff reist derzeit etwa fünf Mal pro Jahr nach Russland, „aus motivatorischen Gründen, um den Mitarbeitern zu zeigen, dass man an den Standort glaubt“, sagt er.

Bionorica
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Für den Naturarzneimittelhersteller Bionorica ist Russland der wichtigste Auslandsmarkt: Der steuert rund ein Drittel zu Geschäft bei und legte in den vergangenen Jahren stets zweistellig zu. Das ist auch 2014 nicht anders gewesen, allerdings nur in Absatz gerechnet. Der Umsatz sank wegen der Währungsumrechnungseffekte um etwa sieben Prozent auf 72 Millionen Euro. Bionorica-Chef Michael Popp hat den Verfall des Rubels nur zu einem Teil mit Preiserhöhungen aufgefangen: „Wir haben im Sinne des Patienten auf Umsatz verzichtet“, nennt Popp dieses Vorgehen.

Fresenius
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Der Gesundheitskonzern Fresenius hat im November angesichts der Osteuropa-Krise seine Pläne für ein Gemeinschaftsunternehmen in Russland aufgegeben. Geplant war ein Zusammenschluss des bestehenden Geschäfts der Ernährungs- und Infusionssparte Fresenius Kabi mit dem russischen Pharmaunternehmen Binnopharm. Den Unternehmen entstanden wegen des geplatzten Deals keine finanziellen Verpflichtungen. Zum Gesamtumsatz des Gesundheitskonzerns Fresenius trägt Russland weniger als ein Prozent bei.

Siemens
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Der Besuch bei Wladimir Putin vor gut einem Jahr hat Siemens-Chef Joe Kaeser viel Aufmerksamkeit, aber auch viel Kritik eingebracht – dem Geschäft geholfen hat er nicht. Die Umsätze seien etwa um die Hälfte eingebrochen, berichtete Kaeser kürzlich. Russland ist ein wichtiger Markt für den Infrastrukturanbieter, die Münchener bauen dort zum Beispiel Züge und Gasturbinen. „Russland bietet riesige Chancen, die man momentan nicht nutzen kann“, bedauerte Kaeser. Siemens wolle Know-how nach Russland geben und Produktion dort lokalisieren. „Aber diese Möglichkeit gibt es momentan nicht. Wir halten uns voll an alle Sanktionsvorgaben.“

Otto-Gruppe
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Im August 2013 kündigte die Otto-Gruppe noch neue Investitionen in Russland an. Eineinhalb Jahre später ist die Ernüchterung groß. Für das Unternehmen ist Russland zu einer Belastung geworden. Im abgelaufenen Geschäftsjahr ist der Umsatz um 25 Prozent gesunken. Bereinigt um Wechselkurseffekte bleibt ein Rückgang um nur vier Prozent. Und fest steht auch: Die Otto-Gruppe hat in Russland Geld verloren. Zwar hält Hans-Otto Schrader, Chef der Otto-Gruppe, eine Rezession in Russland für nicht vermeidbar. Aber: „Wir haben diesen Markt über sechs Jahre aufgebaut – und wir werden ganz vorne mit dabei sein, wenn sich die Lage bessert“, sagt er.

Hubert Burda Media
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Fragt man den Vorstandsvorsitzenden von Hubert Burda Media, Paul-Bernhard Kallen (Bild), ob sich sein Unternehmen angesichts der Wirtschaftskrise in Russland aus dem Land zurückziehen will, antwortet er: „Nein, wir nicht. Die Frage ist aber, ob man uns noch haben will.“ Offenbar will der russische Staat das nicht. Vergangenen Herbst unterzeichnete Präsident Wladimir Putin ein Gesetz, das vorsieht, den Anteil von Ausländern an russischen Medienunternehmen auf 20 Prozent zu beschränken. Besonders hart trifft dies Burda. In Verlagskreisen werden die Erlöse, die Burda in Russland und in der ebenfalls krisengeschüttelten Ukraine erzielt, auf gut 200 Millionen Euro geschätzt.

Bauer Media
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Bauer will sich angesichts der Debatte um das neue Mediengesetz zwar überhaupt nicht zum Russland-Engagement äußern. Für den Hamburger Verlag dürften die Märkte in den USA, Australien, England und Polen aber weitaus wichtiger sein als der Markt in Russland, wo das Zeitschriftenhaus ausweislich seiner russischen Website 25 Titel herausgibt.

Sein Image hat sich kaum verändert, an Gorbatschow dagegen ist die Zeit nicht spurlos vorbeigegangen. Der Mann, der langsam zur Tür hereinkommt, wirkt fragil, fast zerbrechlich. Krankheiten und auch die Trauer um seine 1999 gestorbene Ehefrau Raissa haben an ihm gezehrt. Mit der linken Hand stützt er sich auf einen Stock, rechts hält ihn ein junger, kräftiger Leibwächter am Arm. Im März wird Gorbatschow 85 Jahre alt. Sein gleichaltriger Nachfolger als Chef im Kreml Boris Jelzin ist bereits fast neun Jahre tot. 

Er sei alt geworden, räumt Gorbatschow ein. Die Einladung zum Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee, wo er ursprünglich für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollte, musste er wegen seiner schwachen Kondition absagen. „So was kann vorkommen“, sagt er bedauernd. Seinen Humor hat er deswegen nicht verloren. Es sei ihm ein großer Trost, dass er mit Tochter Irina, zwei Enkeln und zwei Urenkeln einen „guten Brückenkopf in Deutschland“ habe, fügt er schelmisch hinzu.

Als Brückenbauer zwischen Ost und West versteht sich Gorbatschow eben auch heute noch und so wirbt er auf der Veranstaltung für gegenseitiges Verständnis. Gerade Russland und Deutschland hätten stets gute Beziehungen auf allen Ebenen gepflegt, erinnert er. „Es ist höchste Zeit, auf diesen Pfad zurückzukehren“ - gerade in einer Zeit, die von Blutvergießen und Waffengewalt gekennzeichnet sei, mahnt er.

Gorbatschow ist kein Freund des aktuellen Kremlchefs Wladimir Putin. Immer wieder hat er ihm in den vergangenen Jahren Demokratiedefizite, Korruption und eine übermäßige Erstarkung der Tschekisten-Fraktion vorgeworfen. Kremlsprecher Dmitri Peskow tat Gorbatschow daraufhin abfällig als „Ex-Sowjetführer, der das Land zugrunde gerichtet hat“ ab.

Nur der Dialog könne helfen
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