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Russland Kremlkritiker Nawalny im Koma – Umfeld geht von Vergiftung aus

Der bekannte russische Oppositionelle Alexej Nawalny ist an diesem Donnerstag bewusstlos in ein Krankenhaus in Sibirien eingeliefert worden. Er war bereits mehrfach Opfer von Anschlägen.
20.08.2020 Update: 21.08.2020 - 04:33 Uhr 1 Kommentar
Russland: Alexej Nawalny im Koma – Umfeld geht von Vergiftung aus Quelle: dpa
Alexej Nawalny

Der russische Oppositionelle wurde bereits mehrfach festgenommen.

(Foto: dpa)

Moskau Alexej Nawalny ist einer der schärfsten Kritiker des Kremls. Mehrfach wurde er bereits festgenommen, es gab auch schon einige Angriffe auf ihn. Jetzt liegt er auf der Intensivstation eines Krankenhauses in der westsibirischen Millionenstadt Omsk. Der russische Regierungskritiker wird künstlich beatmet. Er liegt im Koma, aber die Ärzte konnten seinen Zustand stabilisieren.

Am Morgen war der 44-Jährige im sibirischen Tomsk ins Flugzeug Richtung Moskau gestiegen. An Bord wurde dem bekannten russischen Blogger dann schlecht. Der Flieger musste in Omsk notlanden. Das Video eines Mitreisenden dokumentiert, dass Nawalny in der Maschine vor Schmerzen schrie. Als er in den Krankenwagen verladen wurde, war er bereits bewusstlos.

Es ist Nawalnys Assistentin Kira Jarmisch, die von einer Vergiftung spricht. Unbestätigten Informationen zufolge könnte Nawalny mit dem Narkosemittel Natrium Oxybutyricum vergiftet worden sein. Neben der medizinischen Verwendung wird das Mittel auch als Droge verwendet.

Laut der US-Drogenvollzugsbehörde nutzen zudem Vergewaltiger den Stoff, um ihre Opfer bewusstlos zu machen. Er sei zwar sehr salzig, habe aber weder Farbe noch Geruch und könne daher unbemerkt in Getränke gemischt werden.

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    Der Besitzer des Flughafen-Cafés, in dem Nawalny vor dem Abflug einen Tee getrunken hatte, hat bereits eine interne Untersuchung begonnen. Auch die Polizei hat ein Ermittlungsverfahren wegen des Vergiftungsverdachts eingeleitet. Vor dem Krankenhaus in Omsk patrouillierten Mitarbeiter der Polizei, des Geheimdienstes FSB und der russischen Nationalgarde.

    Ein Rettungsflugzeug startete einem Medienbericht zufolge in der Nacht zum Freitag in Deutschland, um Nawalny abzuholen. Das Flugzeug mit einem Rettungsteam an Bord habe um 03.11 Uhr in Nürnberg abgehoben, berichtete die "Bild"-Zeitung. "Der Flieger ist in der Luft, wir haben seit 00.35 Uhr alle notwendigen russischen Papiere und hoffen, dass Alexej morgen früh transportfähig ist, so dass wir ihn direkt nach Berlin fliegen können", sagte der Gründer der Initiative "Cinema for Peace", Jaka Bizilj, der die Rettungsaktion mitorganisierte, der Zeitung.

    Nawalnys Team will nun erreichen, dass er in der Berliner Charité behandelt wird. Aus Berlin gab es dazu bereits ein Angebot zur Hilfe. Falls der 44-Jährige transportfähig sei, sei der Rückflug gleich für Freitag geplant, sagte der Filmproduzent Jaka BiziljZuvor. Von der Klinik gebe es bereits eine Zusage. Kosten für Flug und Behandlung würden von Privatleuten bezahlt.

    Bundeskanzlerin Angela Merkel verlangte von Moskau eine rasche Aufklärung der Hintergründe: „Was jetzt ganz, ganz wichtig ist, ist, dass dringend aufgeklärt wird: Wie konnte es zu dieser Situation kommen? Darauf werden wir bestehen.“

    Der Kreml betonte, dass es eine Untersuchung durch die Polizei geben werde, sollte sich der Verdacht auf eine Vergiftung bestätigen. „Wie jeden Bürger unseres Landes wünschen wir ihm baldige Genesung“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. „Die Behörden haben viele Kritiker. (...) Wenn aber das Leben eines russischen Staatsbürgers bedroht ist, dann ist das eine ernste Situation, die sowohl Ärzte als auch Ermittler sehr ernst nehmen.“

    Ermittlungen in Sachen Korruption

    Nawalny ist eines der bekanntesten Gesichter der russischen Opposition. Der Blogger hat sich mit Korruptionsermittlungen russlandweit einen Namen, aber auch viele Feinde in der russischen Elite gemacht. Aufsehen erregten vor allem Publikationen über Russlands Ex-Premier Dmitri Medwedew.

    Das Video über mutmaßliche Luxusvillen, Jachten und sogar ein Weingut in der Toskana, das Medwedew gehörten soll, sowie dessen Beziehungen zum Milliardär Alischer Usmanow sammelte nicht nur im Internet 35 Millionen Zuschauer, sondern brachte vor drei Jahren auch Zehntausende Menschen in Moskau auf die Straße. Die Polizei beendete die Proteste damals durch ein hartes Vorgehen gegen die Demonstranten und über 1000 Verhaftungen.

    Nawalny wurde als einer der Ersten festgenommen.

    Daneben riefen auch Nawalnys Veröffentlichungen über Artjom Tschaika, den Sohn des langjährigen Generalstaatsanwalts Juri Tschaika Artjom und dessen mögliche Verbindungen zum Glücksspielbusiness, über den Oligarchen Oleg Deripaska und natürlich auch Kremlchef Wladimir Putin selbst ein großes Echo hervor.

    Obwohl Nawalny wegen populistischer und teilweise nationalistischer Äußerungen keineswegs unumstritten ist, ist er in den vergangenen zehn Jahren zur zentralen Figur der außerparlamentarischen Opposition in Russland aufgestiegen.

    2013 trat er bei den Moskauer Bürgermeisterwahlen an und erzielte mit über 27 Prozent ein überraschend gutes Ergebnis.

    Zeitgleich starteten die Behörden mehrere Betrugsprozesse gegen den zweifachen Familienvater. So soll er einen Holzbetrieb in der russischen Region Kirow und später den Kosmetikkonzern Yves Rocher geschädigt haben. In beiden Fällen verurteilte ihn ein Gericht zu einer Geld- und Bewährungsstrafe. Somit gilt Nawalny als vorbestraft und kann nicht mehr an Präsidentenwahlen in Russland teilnehmen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte nannte die Urteile allerdings politisch motiviert.

    Begabter Rhetoriker

    Als begabter Rhetoriker und bekannter Korruptionsjäger ist die Bedeutung Nawalnys für die liberale Opposition in Russland von unschätzbarem Wert. Er ist – speziell nach der Ermordung des ehemaligen Vizepremiers Boris Nemzow – eine der wenigen starken Persönlichkeiten in dem Land. Nemzow, der charismatische Putin-Gegner, wurde 2015 in Sichtweite des Kremls erschossen, später wurden wegen der Tat fünf Tschetschenen verurteilt.

    Nemzow ist dabei kein Einzelfall. In der Vergangenheit wurden bereits einige prominente Kremlkritiker getötet. Die Liste der Opfer umfasst die Journalistin Anna Politkowskaja, die Bürgerrechtlerin Natalja Estemirowa, den Menschenrechtsanwalt Sergej Markelow oder den übergelaufenen Geheimagenten Alexander Litwinenko, der nach seiner Poloniumvergiftung in London auf dem Totenbett Putin als Hintermann der Tat bezichtigte.

    In anderen Fällen wie bei der Vergiftung des Dichters Dmitri Bykow oder des Journalisten Wladimir Kara-Mursa oder der Misshandlung des Journalisten Oleg Kaschin kamen die Betreffenden mit dem Leben davon, doch die Hintermänner der Tat wurden ebenfalls nicht gefasst.

    Auch Nawalny war bereits mehrfach Opfer von Anschlägen. Zweimal wurde er mit dem in Osteuropa als Antiseptikum verwendeten Brillantgrün übergossen, wobei bei einer Attacke sein linkes Auge Verätzungen erlitt.

    Im vergangenen Jahr, als er wieder einmal wegen Verstoßes gegen das Demonstrationsrecht in Ordnungshaft genommen wurde, klagte der Kremlkritiker plötzlich über schneidende Augenschmerzen und Hautjucken. Der behandelnde Arzt diagnostizierte eine „Kontaktdermatitis im Gesichtsbereich und ein Angioödem im Augenbereich“.

    Mit anderen Worten: eine Haut- und Augenreizung hervorgerufen durch den Kontakt mit einem Fremdstoff. Die Hausärztin Nawalnys vermutete schon damals eine Vergiftung des Politikers.

    Mehr: „Sputnik-Moment“? Russland lässt ersten Corona-Impfstoff zu.

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    1 Kommentar zu "Russland: Kremlkritiker Nawalny im Koma – Umfeld geht von Vergiftung aus"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Die wenigen Stimmen, die gehört und beachtet werden, werden auf diese Art "platt gemacht" Da bekommt man Angst, wenn man dort wäre. Absolute Hochachtung vor derartigen Persönlichkeiten: Auch Herr Putin sollte das aushalten. - Ich Vermute: das er Mitwisser ist - ohne ihn läuft garnichts in Russland.

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