Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Russland Putin im TV: „Im Prinzip ist alles gut“

Zum 17. Mal hält Wladimir Putin seine TV-Fragestunde ab. Die Russen klagen vor allem über wirtschaftliche Probleme. Der Kremlchef wiegelt ab.
1 Kommentar
Russlands Präsident bei der Fragestunde im russischen Fernsehen. Kritik bügelte er meistens ab. Quelle: Reuters
Wladimir Putin im TV

Russlands Präsident bei der Fragestunde im russischen Fernsehen. Kritik bügelte er meistens ab.

(Foto: Reuters)

MoskauPutin – dein Freund und Helfer. Zumindest für zwei Orca- und sechs Beluga-Wale von mehr als 100 seit Monaten in der Pazifikregion Primorje gefangen gehaltenen Tieren war Putins Fernsehaudienz ein echtes Geschenk. Die Wale, für die sich der bekannte Tierschützer Jean-Michel Cousteau eingesetzt hatte, wurden unmittelbar vor Putins Auftritt imagewirksam in die Freiheit entlassen.

Putin selbst versprach ein Fangverbot. Doch bei aller Liebe der Russen für die großen Meeressäuger – für die weitaus größeren Probleme hatte der Kremlchef keine schnellen Lösungen parat.

Die Show Putins, der selbst zuletzt bei seinen Auftritten mehrfach betont hatte, Russland habe „keine Zeit zum Aufwärmen“, kam bei der 17. Auflage nur langsam in die Gänge – und das lag nicht allein an der obligatorischen Verspätung Putins gleich zu Beginn. Das Frage- und Antwortspiel war genauso routiniert wie die Schaltungen aus den Regionen.

Auf die meisten Klagen antwortete der russische Präsident mit statistischen Angaben. So räumte er zwar auf die Frage, ob das Leben in den vergangenen Jahren schwerer geworden sei, ein: „Das ist wirklich so“, nur aber um gleich wieder zu relativieren, dass es seinen neuesten Zahlen nach „langsam wieder aufwärts“ gehe.

Während Lehrer, Ärzte und Feuerwehrleute in der Sendung über magere Gehälter von 10.000 (140 Euro) bis maximal 20.000 Rubel (280 Euro) klagten, verkündete Putin, die Durchschnittslöhne seien von 33.200 Rubel (460 Euro) im Jahr 2017 auf 44.000 bis 45.000 (610 bis 625 Euro) gestiegen.

Das gleiche Prinzip nutzte er beim Thema Gesundheitswesen: Die Klagen über fehlende Ärzte und Medikamente konterte er mit Zahlenspielereien über die staatliche Finanzierung des Sektors, woraus der Eindruck entstehen sollte, dass der Mangel allein auf Unzulänglichkeiten in den Regionen zurückzuführen sei.

Eines der kontroversesten Themen der vergangenen Wochen, die Verfolgung des oppositionellen Journalisten Iwan Golunow, dem Drogen untergeschoben worden waren, behandelte Putin eher beiläufig. Die Debatte drehte sich zuletzt dabei darum, wie viele der Strafgefangenen – immerhin mehr ein Viertel der Häftlinge sitzt wegen angeblicher Drogenvergehen ein – zu Unrecht verurteilt wurden.

Putin wich dieser Fragestellung aus und lehnte eine Aufweichung der Gesetzgebung ab, versprach aber immerhin eine schärfere Kontrolle der Sicherheitsorgane. Das Hauptproblem – die Allmacht des überbordenden Sicherheitsapparats – blieb dabei allerdings unberührt.

Auch ein weiteres heikles Thema wurde in dem TV-Marathon weichgespült: die Abfallentsorgung. Über die scharfen Proteste gegen die Verkippung des Moskauer Mülls beispielsweise in der Region Archangelsk kam kein Wort in der Sendung. Die Demonstranten, die vor der TV-Fragestunde ein Video an Putin aufgezeichnet hatten, wurden ignoriert. Stattdessen wurden kleine wilde Müllhalden ins Bild gerückt, die Putin als „Schweinerei“ bezeichnete, um wieder den Eindruck zu erwecken, dass es sich um Einzelfälle handle.

Ausgeblendet wurde auch der für den Kreml unbequeme Bericht eines internationalen Ermittlerteams zum Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs MH17 über dem Donbass, für den die prorussischen Rebellen verantwortlich sein sollen. Der Kremlchef erneuerte stattdessen die Vorwürfe gegenüber Kiew und machte deutlich, dass es bezüglich der Ukraine in Moskau keinen Kurswechsel gibt.

50 Milliarden Dollar habe Russland durch die Einführung der westlichen Sanktionen verloren, räumte Wladimir Putin ein. Doch gleichzeitig habe die EU 240 Milliarden Dollar verloren. Russland müsse sich mit niemandem vertragen, da es sich mit niemandem verkracht habe, behauptete Putin gar.

„Es ist völliger Unsinn und eine Lüge, dass wir den Donbass okkupiert haben“, sagte er dazu und forderte Selenski dazu auf, direkt mit den Separatistenführern über eine Beilegung des Konflikts zu verhandeln. Zugleich hielt er nicht nur an der umstrittenen Vergabe von Pässen an Bewohner des Donbass fest und versprach sogar, die Passvergabe für Ukrainer insgesamt zu erleichtern.

Ansonsten hatte der Kremlchef aber auch zu den internationalen Streitthemen wenig Neues zu sagen. Und so endete nach über vier Stunden dann der TV-Marathon, der nicht nur den Beteiligten, sondern wohl mehr noch den Zuschauern viel Geduld abverlangte, ohne eine klare Richtungsvorgabe aus dem Kreml. Insgesamt dürfte die Veranstaltung für die Russen eher enttäuschend gewesen sein.

Die Versicherungen Putins, dass Russland auf dem richtigen Weg sei, erinnern nach einem weiteren Jahr sinkenden Lebensstandards, bestehender internationaler Spannungen und fehlender Durchbrüche in der Korruptionsbekämpfung mehr und mehr an Durchhalteparolen. Das Gefühl der Stagnation hat nun auch das wichtigste Image-Projekt Putins eingeholt. Seine eigenen Beliebtheitswerte haben zuletzt deutlich gelitten. Die TV-Fragestunde wird diesen Trend aller Wahrscheinlichkeit nicht stoppen können.

Brexit 2019
Startseite

Mehr zu: Russland - Putin im TV: „Im Prinzip ist alles gut“

1 Kommentar zu "Russland: Putin im TV: „Im Prinzip ist alles gut“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • die Angst vor nur ein wenig mehr Freiheit lähmt dieses Land seit nun wie viel Jahren?

Serviceangebote