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Scharia-Staat „Es macht mir Angst“ – Ab heute gilt in Brunei die Todesstrafe für Homosexuelle

Sultan Hassanal Bolkiah führt die Todesstrafe für gleichgeschlechtlichen Sex und Ehebruch ein. Das Land wird deshalb mit Boykottaufrufen konfrontiert.
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Der Sultan regiert das Land seit 1967 und zählt zu den reichsten Monarchen der Welt. Quelle: Reuters
Hassanal Bolkiah

Der Sultan regiert das Land seit 1967 und zählt zu den reichsten Monarchen der Welt.

(Foto: Reuters)

Bangkok Khairul ist 19 Jahre alt, er ist schwul und seit diesem Mittwoch droht ihm bei Sex mit einem anderen Mann die Todesstrafe. „Es macht mir Angst“, sagt er. „Vor allem, dass meine Familie zusehen müsste, wie ich sterbe. Oder dass sie selbst die Steine auf mich werfen werden.“

Khairul lebt in Brunei, einem kleinen muslimischen Staat in Südostasien. 2014 begann das Land damit, das umstrittene Rechtssystem Scharia umzusetzen, das auch „das göttliche Recht“ genannt wird. Am Mittwoch ist die letzte Stufe der Scharia in Kraft getreten. Tod durch Steinigung lautet darin die Strafe für Geschlechtsverkehr zwischen zwei Männern. Khairul, der diesen Namen zum eigenen Schutz als Pseudonym gewählt hat, ist schockiert: „Es ist eine furchtbare Situation.“

Brunei ist ein wohlhabendes Land mit weniger als einer halben Million Einwohner. Der Kleinstaat auf der Insel Borneo lebt vor allem von den Erdölvorkommen des Sultanats. Doch nach einem starken Rückgang der Ölpreise vor fünf Jahren brach die Wirtschaft des Landes ein und erholt sich seither nur langsam. Proteste gegen die neuen Scharia-Regeln könnten nun auch Bruneis Versuch ausbremsen, seine Wirtschaft wieder in Form zu bringen.

In Europa und Amerika betreibt Bruneis Investmentbehörde eine Reihe von Luxushotels – darunter das Beverly Hills Hotel in Kalifornien und das Plaza Athénée in Paris. Prominente wie der Schauspieler George Clooney und der Sänger Elton John haben nun zum Boykott der Häuser aufgerufen. Mit jedem Besuch dieser Hotels würde man dazu beitragen, die Ermordung unschuldiger Menschen zu finanzieren, kommentierte Clooney.

Die neuen Scharia-Vorschriften in Brunei betreffen aber nicht nur Homosexuelle. Die Todesstrafe droht Muslimen in dem Land nun auch im Fall von Ehebruch. Dieben kann künftig die rechte Hand amputiert werden – und im Wiederholungsfall auch der linke Fuß. Gegen die neuen Regeln gibt es massiven Widerstand. Die Regierungen von Deutschland und Frankreich verlangen von Brunei, die Menschenrechte einzuhalten. Die UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet fordert, auf die drakonischen Strafen zu verzichten.

Doch bei Bruneis Sultan Hassanal Bolkiah, der das Land seit 1967 regiert und zu den reichsten Monarchen der Welt zählt, stießen die Kritiker bisher auf kein Gehör. Er begründete die Strafen damit, dass es um Handlungen gegen die Lehren des Islam gehe.

In der Vergangenheit trat Brunei mithilfe der profitablen Ölgeschäfte als großzügiger Wohlfahrtsstaat auf: Bildung und Gesundheitsversorgung sind kostenlos, Wohnungspreise werden subventioniert. Und gleichzeitig müssen die Einwohner des Landes keinerlei Einkommensteuer bezahlen.

Einbruch beim Ölpreis: Einnahmen gingen um 70 Prozent zurück

Doch es ist fraglich, wie lange sich der Staat die hohen Ausgaben noch leisten kann. 2016 gingen nach dem Einbruch der Ölpreise die Erlöse der Regierung um 70 Prozent zurück. Reformen der Sozialpolitik wären für die Bevölkerung schmerzhaft. Das Ansehen der Regierung dürfte darunter leiden.

Der Menschenrechtler Matthew Woolfe, Gründer der Organisation The Brunei Project, sieht einen Zusammenhang der umstrittenen neuen Gesetze mit den wirtschaftlichen Problemen: Der Regierung drohe angesichts der ökonomischen Krise ein Autoritätsverlust, sagt er. Mit den harten Gesetzen, die bei den Konservativen im Land gut ankommen, versuche sie nun ihre Macht zu stärken.

Boykottaufrufe befürwortet Woolfe zwar nicht, weil er glaubt, dass am Ende vor allem die Bevölkerung darunter leiden würde. Dennoch glaubt er, dass der Tourismus in dem Land, den die Regierung als neue Erlösquelle ausbauen will, Schaden nehmen könnte. „Ich kann verstehen, wenn viele Menschen jetzt nicht mehr nach Brunei reisen wollen“, sagt er. „Sie wollen nicht den Eindruck erwecken, dass sie ein Land unterstützen, das solche schrecklichen Gesetze einführt.“

Menschenrechtler weisen darauf hin, dass Brunei nicht das einzige Land in der Region ist, in dem im Namen der Scharia gewalttätige Strafen vollstreckt werden. In der indonesischen Provinz Aceh werden Homosexuelle regelmäßig öffentlich mit Stockschlägen bestraft. Videos davon sind massenhaft im Internet zu sehen. Bestraft werden auch Paare für außerehelichen Sex oder öffentliches Händchenhalten. Auch in Malaysia sind vor wenigen Monaten zwei lesbische Frauen mit Stockschlägen bestraft worden.

Ryan Figueiredo, Leiter der Equal Asia Foundation, setzt sich für die Rechte der LGBT-Gemeinde, also von nicht-heterosexuellen Menschen, auf dem Kontinent ein. Er wünscht sich die Unterstützung der Prominenten auch für die weniger bekannten Fälle: „Warum hat Clooney seine Empörung nicht während der Stockschläge in Aceh gezeigt?“, fragt er und fügt hinzu: „Ich halte die Empörung der Prominenten für problematisch, weil sie nicht bei der Wurzel ansetzt.“

Teenager Khairul muss in Brunei unterdessen mit seinen Ängsten alleine fertig werden. Mit seiner Familie kann er darüber nicht sprechen – seine Verwandten wissen nicht, dass er schwul ist. „Es ist kein einfaches Thema, weil die meisten in meiner Familie sehr religiös sind“, sagt er. „Es ist schwer jemanden zu finden, der aufgeschlossen ist.“

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