Schlechter Juli Die düstere Wahrheit hinter den US-Arbeitslosenzahlen

Die größte Volkswirtschaft der Welt ist arbeitslos. Ihre hohe Erwerbslosenquote sinkt zu langsam. Und der Wert verschleiert die wahren Probleme. Die Regierung ist ratlos. Ein Beschäftigungswunder ist nicht in Sicht.
33 Kommentare
Ein Beschäftigungswunder ist in den USA nicht in Sicht. Quelle: Reuters

Ein Beschäftigungswunder ist in den USA nicht in Sicht.

(Foto: Reuters)

WashingtonSeit Monaten ist es dasselbe Spiel. An jedem ersten Freitag des Monats legt die US-Regierung ihre Arbeitslosenstatistik vor. Und innerhalb von Minuten verfallen Wirtschaftsexperten und Reporter in lautes Wehklagen: Die Zahl neuer Stellen zu gering, die Konjunktur zu flau - und Präsident Barack Obama deswegen praktisch abgewählt, meinen sie. Die Arbeitslosenquote ist zum allumfassenden Gradmesser für die Lage eines Landes geworden, dessen Wirtschaft zu 70 Prozent vom Konsum der Bürger abhängt. Dabei gibt der Wert nicht einmal Aufschluss darüber, wie düster die Situation tatsächlich ist.

Wenige Tage, nachdem Obama Anfang 2009 ins Weiße Haus einzog, schoss die Arbeitslosenquote erstmals seit Anfang der 80er Jahre über acht Prozent. Sie kletterte danach bis auf zehn Prozent und fiel dann wieder. Aber auf einen Wert mit einer Sieben oder gar einer Sechs vor dem Komma wartet der Präsident vergeblich. Er weiß, mit einer solch hohen Quote wie den aktuellen 8,3 Prozent wurde nach dem Zweiten Weltkrieg bislang noch kein Amtsinhaber wiedergewählt.

Doch vermutlich weiß er auch, dass alles noch viel schlimmer sein könnte. Denn der Wert läge heute eigentlich bei vernichtenden elf Prozent, hätten sich nicht in den vergangenen Jahren nach Schätzungen von Ökonomen rund drei Millionen Amerikaner freiwillig vom Arbeitsmarkt verabschiedet. Die sogenannte Beteiligungsquote am Arbeitsmarkt sank unter Obama von 65,7 auf 63,7 Prozent. Zuletzt hatte sich 1980 ein so kleiner Anteil der Einwohner in den USA um Arbeit bemüht.

Manche sehen keine Chance mehr auf einen Job und haben die Suche aufgegeben. Andere sind wegen der düsteren Wirtschaftslage vorzeitig in Rente gegangen. Für die Berechnung der Quote werden sie nicht mehr berücksichtigt, und das verfälscht das Bild. Viele Experten fordern daher, mit einer Statistik zu arbeiten, die wenigstens diejenigen Entmutigten erfasst, die sich vorstellen könnten, zu arbeiten, auch wenn sie nicht aktiv suchen. Diese sogenannte U-6-Quote wird auch gemessen: Sie liegt bei riesigen 15,0 Prozent. Ein Wert, den die Regierung lieber verschweigt.

Vor allem die Jugend ist betroffen
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

33 Kommentare zu "Schlechter Juli: Die düstere Wahrheit hinter den US-Arbeitslosenzahlen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Hinweis: Die Auffassung scheint im Widerspruch zu Keynes zu stehen. Keynes regt zeitweiliges Verschulden zwecks des Ankurbelns der Konjunktur an. Dies trifft aktuell weder in USA noch Europa zu. Die Geldneuschöpfung stärkt nicht die Breitennachfrage nach Gütern, sondern plustert die Bewertung auf - insbesondere von Aktien und regional von Immobilien. Wegen dieser Fehlallokation bleiben bisher überall die Erfolge bei der Krisenüberwindung aus.

  • @ ObamaBasher und Steuerschaetzer
    Sachlich denke ich, liegen Sie völlig richtig aber wahrhaben will es keiner.

    Doch Obama trifft m.E. die geringste Schuld. Unter Clinton kam das Strohfeuer so richtig zum Brennen. Sah zunächst gut aus. Dann kam Bush Junior hat alle wirtscahflichen Chancen vertan und das Land mit unsinnigen Kriegen hoch verschuldet.

    Obama findet vielleicht nicht die richtigen Gegenmittel aber wenn Romney dran kommt, erleben wir Bush junior 'reloded'. Danach 'hätten die USA fertig'!

  • Auch sie liegen mit ca. 15% falsch . Laut John Williams von ShadowStats.com liegt sie nämlich bei über 22% , also fast kopfauf mit Spanien . Die deutsche Quote dürfte auch bei fast 20% liegen , wenn man die Schummelei mit Hartz IV und Minijobs durchschaut .
    http://video.foxbusiness.com/v/1748956928001/the-real-unemployment-numbers/

  • "70% der US-Wirtschaft hängt vom Konsum der Bürger ab".
    Nur ... war früher die Konsumgüterindustrie mehr in den USA selbst verankert. Die Elite verdient aber mehr und schneller Geld, wenn sie es stattdessen in Asien fertigt und Container öffnet/Kartons aufreißt. Auch eine Wissensbindung ist hier nicht mehr erforderlich. Es verbleiben jediglich Jobs in der Logistik und im Marketing. Viel ... viel zu wenig, um die Masse der US-Bürger zu beschäftigen.

    Die Hoffnung der USA liegt aber in der Weite des Landes begründet, sein Glück auch in weniger dicht besiedelten Gegenden zu suchen. Desweiteren in Branchen wie Tourismus. Auch ist BILDUNG, BILDUNG und nocheinmal BILDUNG wichtig, um die verbliebenen auch höherwertigen Jobs besetzen zu können. Gute Handwerker werden zudem auch gesucht.

    Wirklich schlimm ... richtig schlimm ... ist eigentlich nur, dass eine schmale Elite einfach die Fähigkeit der Eigenproduktion und die jahrtzehnte lange Mühe ganzer Generationen in "den Abfluß herunterspülte", nur um im armsligen Jetztmoment eine massive Renditensteigerung zu erzielen. Die englische Wirtschaft "tickt" in ähnlichem Denken ... irgendwie haben es Schichten vielleicht verinnerlicht, dass es besser ist immer Andere für sich arbeiten zu lassen und wenn der Andere halt viele tausende Kilometer entfernt lebt und wirtschaftet - eins bleibt - es ist immer ein "Anderer der im Auftrag arbeitet". Was alleinig zählt ist, dass der "Andere" billiger ist (incl. sonstige Kosten wie Logistik, Einfuhrzoll, etc.).

    Die Verantwortlichen denken keine Spur volkswirtschaftlich, das eigene Land zählt NICHTS, es zählt nur die persönliche Rendite, die das Gesamtgeschäft bietet. Das hier viele Jobs in den USA auf der Strecke blieben, ist verständlich.

  • Rassismus ist kein Rechtsradikalismus. Es wäre nicht nur ein Wort zuviel, auch Lenin und Trotzki müßten derart schief argumentaiert in die rechtsradikale Schublade gepackt werden.

    Ich denke, die Debatte scheitert hier wie überall an den unscharf abgegrenzten Begrifflichkeiten und der Beliebigkeit, mit denen sie eingesetzt werden.

    Wo steht überhaupt ein Antideutscher? Oder ein orthodoxer Jude? Letzterer spricht sich ja bekanntermaßen gegen den Staat Israel aus.

    Die Neue Weltordnung ist im Kern die alte Weltordnung des Großbürgertums und Sozialdarwinisten. Wer zahlt, hat Recht und kann über Leichen gehen.
    Man möchte wohl zu sehr glauben, daß (ausgerechnet) Familie Bush das Rad neu erfunden hat.

  • Zitat: "...dessen Wirtschaft zu 70 Prozent vom Konsum der Bürger abhängt".

    Vom Binnenkonsum hängen die US-Konjunktur und der US-Abeitsmarkt besonders stark ab. Die Schwächung der Kaufkraft der Bevölkerung mittels Währungsverschlechterung (Geldmenegenausweitung) könnte eine Ursache für das Ausbleiben des Aufschwungs sein. Die Geldmengenausweitung wirkt vermutlich nicht neutral auf die Preise von Gütern und Dienstleistungen einerseits und die Einkommen (Kaufkraft) andererseits: die Preise steigen, bevor die Einkommen nachziehen. Solange die vom Zeitversatz geschaffene Kaufkraftlücke nicht verschwindet und ggf. sogar noch von Angstsparen flankiert wird, wird die Konjunkturerholung auf sich warten lassen. Aus dieser Sichtweise stimme ich der Kritik von Ron Paul gern zu.

  • Wat los? Hat der Nobelpreisträger keine Lösung parat? Eventuell kann man ja irgendwo einen Krieg anzetteln?

  • @Zander
    Ihr Kommentar löst das Problem aber auch nicht, denn:
    1) Arbeit wandert immer dahin, wo sie preiswerter zu haben ist, wobei "preiswerter" die Relation Kosten/Produkt unter Einschluß der Qualität bedeutet, und
    2) Ein Unternehmer der das nicht wahrnimmt und mitzieht, geht unter.

  • Da lob' ich mir doch die "old economy", gell, Mr. Rumsfeld.

  • Und während das Handelsblatt weiterhin düstere Zukunftsausichten beschreibt, steigt der Dow Jones auf 14.000
    und der Dax vielleicht auf 8.000. Zur Erinnerung: Draghi's Kommentare haben eine Rally ausgelöst und sollte er nicht überzeugen würden die "Märkte" und "Anleger" enttäuscht reagieren, so die 2-wöchige tagtägliche Berichterstattung.
    Jetzt sind wir bei fast 6.900 und die Rally geht wohl weiter. Danke Handelsblatt, wozu lese ich eigentlich noch. Hat mir alles nichts gebracht.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%