Schuldenkrise Der Merkel-Aufschlag

Nach Kanzlerin und Finanzminister fordert nun auch Bundesbank-Chef Weber den Forderungsverzicht privater Gläubiger. Die Finanzmärkte sind seit Beginn der deutschen Offensive in Aufruhr. Die Risikozuschläge steigen. Die Euro-Krise verschärft sich. Warum die Initiative der Deutschen zunehmend auf Ablehnung stößt.
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Nach dem Willen von Angela Merkel müssen sich private Gläubiger auf einen Teilverlust ihrer Investments einstellen. Quelle: dpa

Nach dem Willen von Angela Merkel müssen sich private Gläubiger auf einen Teilverlust ihrer Investments einstellen.

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HB. Palais Beauharnais, gestern Abend 19 Uhr: Bundesbankpräsident Axel Weber erklärte vor der französischen Hochfinanz, wie es mit Europas kranker Währung weitergehen soll: "Um die Anreize für Kapitalanleger nicht zu verzerren, sollten in einem Krisenmechanismus auch die privaten Gläubiger nicht aus der Verantwortung entlassen werden."

Webers Auftritt war der Höhepunkt einer von der deutschen Politik abgestimmten Dramaturgie, die nun schon seit Tagen das Geschehen an den internationalen Finanzmärkten beherrscht. Die Käufer von Staatsanleihen der europäischen Schuldenstaaten, das wird immer deutlicher, müssen sich auf einen Teilverlust ihres Investments einstellen. Für die europäischen Banken würde das einen Forderungsausfall in zweistelliger Milliardenhöhe bedeuten.

In der Generaldebatte des Bundestags hat Kanzlerin Angela Merkel gestern erneut betont: "Wir werden bei der Ausgestaltung eines permanenten Krisenmechanismus nach Auslaufen des Rettungsschirms 2013 auch die privaten Gläubiger beteiligen, die an den hohen Zinsen bislang gut verdienen." Es geht für Merkel auch um das Grundsätzliche: "Die Politik hat den Primat und nicht die Wirtschaft", sagte sie im Bundestag. Ihr Krisenmanagement zielt weniger auf Griechen, Iren und Portugiesen als auf die Stimmung in der eigenen Wählerschaft.

Merkels Stellvertreter, Außenminister Guido Westerwelle, sprang ihr gestern bei. Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble ist auf Merkel-Linie.

Seit dem Treffen von Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy in Deauville Mitte Oktober sind die Märkte alarmiert. Beim deutsch-französischen Zweiergipfel kam das Thema einer Einbeziehung der Gläubiger erstmals auf die Tagesordnung. Mehr noch: Merkel, so schien es, hatte Sarkozy auf ihre Seite gezogen.

Seither steigen die Risikoaufschläge für die Schuldenstaaten wieder steil an. Der Merkel-Aufschlag beträgt - gemessen am Tag vor dem Gipfel - für Griechenland mittlerweile 38 Prozent, für Irland 65 Prozent und für Portugal 31 Prozent. Damit wird die Refinanzierung der Staatsschulden für die Schuldnerstaaten immer teurer. Die Initiative der Deutschen stößt im Ausland zunehmend auf Ablehnung, auch gestern in Paris. Frankreich will einen "Hair-Cut" - wie die Beteiligung der Gläubiger im Bankenjargon heißt - bislang nicht riskieren. Es gebe andere Möglichkeiten, sagten französische EU-Diplomaten. Auch der Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, warnt, eine Umschuldung würde die Sorge an den Märkten erhöhen.

Die Debatte soll heute fortgesetzt werden: bei einem Telefonat, zu dem sich Angela Merkel und Nicolas Sarkozy verabredet haben.

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31 Kommentare zu "Schuldenkrise: Der Merkel-Aufschlag"

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  • "Hair-Cut" !

    Was versteht man eigentlich genau darunter.
    Hat das etwas mit dem Friseur-Handwerk zu tun, oder geht es um Enteignung?

    Also ich kenn das so:
    1. ich investiere in ein Unternehmen
    2. das geht pleite
    3. dann kommt der insolvenzverwalter und verwertet die Aktivposten zum Ausgleich der Passivposten.
    4. ich erhalte den Rest meiner Anlage (Quote).

    So weit so gut.

    Gibt es da neuerdings eine Unterscheidung, wenn ich statt dessen in die Anleihe eines Staates investiere?

    Also, warum "Hair-Cut". Warum den Markt so nervös machen. ich verzichte doch erst auf eine Forderung, wenn alles verwertet wurde.

  • Seitdem Merkel Mitte Oktober die beteiligung privater Gläubiger nach dem Auslaufen des jetzigen Rettungsschirms Mitte 2013 vorgeschlagen hat, sind die Zinsaufschläge für die Staatsanleihen der kleinen Euro-Staaten Griechenland, irland, Spanien und Portugal kräftig angestiegen. Um an Geld zur Refinanzierung ihrer Schulden bei privaten banken zu kommen, müssen diese Staaten immer mehr eigenes Geld locker machen - mit schwerwiegenden Folgen für die ohnehin angeschlagenen Haushalte.

  • @ bürger[26]
    Stimme ihnen (gemässigt) zu, aber nicht darin, daß die Marktmechanismen versagt haben. Gut, es gab eine Staatsanleihen Euphorie, Stichwort "Konvergenz" seit Anfang der 90er als der EURO absehbar wurde. Jetzt haben wir "Divergenz".

    Wir sollten alle verinnerlichen, dass der Markt NiE Recht hat. Gerade deshalb wird es einen Markt immer geben. Stabile Preise gibt es nur in der Planwirtschaft.

  • Na prima, da schwelen noch einige Feuerchen, und die Feuerwehr diskutiert über schärfere brandschutzvorschriften. Schon mal was von richtigen Prioritäten gehrt? Vielleicht kümmert man sich zunächst mal um das nahe Liegende, und wenn sich die Wogen geglättet haben, dann schaut man weiter.

    Es würde ja schon viel helfen, wenn manche, von denen man glauben sollte, sie verstünden ihren Job, einfacjh mal den Mund hielten (Ackermann mit Hinblick auf die Griechen im Mai; van Rompuy letzte Woche, von wegen EURO in Gefahr..., und jetzt unsere "Madame Non"). Soviel Mangel an Format und Gespür war nie. - Gibt's nichts Wichtigeres als diese ewige Profiliererei? Seht zu, dass die haushalte auf Linie kommen, und unterhaltet Euch dann darüber, wie man in Zukunft den Zockern das Handwerk legt.

  • @Dobriden

    Der Forderungsverzicht an private Gläubiger, soll die Selbstregelungsmechanismen des Marktes, die klar versagt haben, und mit viel zu niedrigen Zinsen für ehemalige Weichwährungsländer, das Drama in dieser Weise erst befördert haben, stärken. Das "die Märkte" gerne nach oben oder unten übertreiben ist ein bekanntes Übel aber dass die Zinsen im Mittel steigen und die Ausfallwahrscheinlichkeiten widerspiegeln, ist gewollt. Wenn die Marktselbstregulierung wieder funktioniert brauchen wir auch keine Schuldenbremsen mehr.

    in einer Marktwirtschaft muss gestorben werden dürfen. Wer dieses sicher harte Prinzip auf dem Gutmenschen- Altar opfert, verhindert, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben, weil er verhindert, dass nichtfunktionierendes ausscheidet bzw. wandelt. Er sorgt dafür, dass wir ewig Zombiebanken und Länder, die über ihre Verhältnisse leben alimentieren, ohne das wirklich etwas gelernt oder gelöst würde. Und wie gesagt ich bin ja auch ein Freund einer starken Solidargemeinschaft und bin bereit viel dafür zu geben. Aber ich werde niemals das Prinzip der Marktwirtschaft (die natürlich fair reguliert sein muss) dafür opfern.

  • @bürger,
    ich wüsste nicht wie Frankreich das verhindern könnte!
    Auf der anderen Seite ich vermute dass wenn von deutscher Seite solche Vorschläge kommen "Forderungsverzicht privater Gläubiger" dann gehe ich davon aus dass gerade eine Krise damit hervorgerufen werden sollte. Es war doch keine andere Reaktion auf solche Vorschläge zu erwarten. Also warum die Vorschläge überhaupt? Es gibt mindestens eine halbe Dutzend bessere Lösungen um den in Schwierigkeit geraten Euroländer zu helfen (wenn man es will?")

  • Seien wir mal ehrlich. Das misslungene Euroexperiment entstand durch den französischen Dollarneid, und wurde finanziert mit dem deutschen Scheckbuch.

  • @Dobriden

    Glauben Sie im ernst, dass Frankreich akzeptiert, dass Deutschland wieder seine eigene harte Währung hat? Und glauben Sie ernsthaft, dass Holländer und Finnen, die ja jetzt schon murren, allein den Euro-Karren aus dem Dreck ziehen wollen?

    Natürlich ist dieses separatistische "jeder ist sich selbst der nächste", dass sich im übrigen ja auch im Zerfall belgiens und dem Lega Nord-Problem italiens widerspiegelt und somit tiefere Ursachen als die notorische bosheit Deutschlands hat, nicht schön und eine Solidargemeinschaft ein Wert aber die Gutmenschen müssen auch einsehen, dass man Gleichheit nicht erzwingen kann und mit einem Konsens immer beide Seiten, die sogenannten starken und die auf anderen Gebieten starken leben können müssen und die kubanisch-sowjetische Lösung keine ist. insofern muss ein realistischer Konsens noch gefunden werden. Schönrechnen und -färben oder verdrängen der traurigen Faktenlage verhärtet nur die Fronten.

  • im Hinblick auf den EURO muß "guter Rat" nicht teuer sein. Für Deutschland heißt das: Die Wiedereinführung der DM paralell zum Euro! Politisch heißt das Ziel: mehr "basisdemokratie" für unser Land! Und das alles kann nur eine "neue" Oppositionspartei, "DiE FREiHEiT" bewirken, den "alten" Parteien vertraut das Volk schon lange nicht mehr! Neue, intelligentere "Köpfe" braucht unser Land. Und der EURO ist nicht EUROPA, er ist nur ein Zahlungsmittel/Steuerungsmittel, "gemacht" von der "Hochfinanz"!!!

  • Wir sollten in allen Städten schnellsten bürgerkomitees gründen und eine bundesgeschäftsstelle/Trägerverein mit eigener Medienplattform, die die "Mittwochsdemo gegen den finanziellen Ausverkauf Deuschlands" organisieren. Es ist fast schon zu spät!

    Namensvorschläge:

    Transferunion - nein Danke!

    Deutsches Geld den Deutschen!

    Geldhahn zu!

    Hände weg von unserem Geld!

    bürger gegen Staatsbankrott!

    EU-Mißwirtschaft - nein danke!

    Ausplünderungs-STOPP!

    Pro D-Mark

    bündnis gegen Staatsbankrott

    ________________________________________________

    Um weitere Vorschläge und Konkretisierungen wird gebeten!

    Schaut auch mal unter

    "Unternehmer gegen Stuttgart 21" nach und tragt Euch dort ein, dort ist man schon ganz stark am Überlegen, wie es nach der "Schlichtung" weitergehen wird, unabhängig vom Ausgang und den Ergebnissen!

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