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Serie: Coronomics – die Langfristfolgen der Pandemie Amerika zieht um: Immer mehr US-Bürger verlassen die Metropolen

Die Coronakrise vertreibt die Amerikaner aus den Ballungsräumen. Das bewegt auch die Immobilienpreise und verändert Unternehmensstrategien.
06.07.2020 - 19:08 Uhr Kommentieren
Die Firma Ready Set Van hat sich im März gegründet und profitiert vom Trend der Wohnortverlagerung. Quelle: HANNAH YOON/The New York Times/R/Redux/laif
Umzug in New Jersey

Die Firma Ready Set Van hat sich im März gegründet und profitiert vom Trend der Wohnortverlagerung.

(Foto: HANNAH YOON/The New York Times/R/Redux/laif)

New York, Denver Noch vor ein paar Monaten hätte sich Nick Miller als „typischen New Yorker“ bezeichnet. Er arbeitet für eine der großen Wall-Street-Banken, hat eine Wohnung in der gutbürgerlichen Upper West Side nicht weit vom Central Park, ist ein Fan guter Restaurants und schätzt die vielen Bildungsangebote für seine Kinder. „Das war genau die Stadt, in der ich sein wollte“, erinnert sich Miller. Nun jedoch möchte er vor allem eines: raus aus der Stadt.

Eigentlich wollte er mit der Familie ein Haus in Florida am Strand mieten, nun jedoch schaut er sich die Vororte rund um Denver im US-Bundesstaat Colorado an. Hier sind die Corona-Infektionen noch nicht wieder in die Höhe geschossen. Und statt Meer gibt es Berge.

„Hauptsache, wir sind schnell in der Natur und haben Platz“, sagt Miller. Seinen Wall-Street-Job nimmt er einfach mit in die Vorstadtidylle des Mittleren Westens. „Im Büro erwartet mich in diesem Jahr ohnehin niemand zurück“, sagt er, will aber zur Vorsicht dennoch nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen. „Und wie die Lage danach aussieht – wer weiß?“

So wie Miller geht es derzeit vielen Amerikanern. Immer mehr verlassen die Metropolen, um in etwas kleineren Städten Fuß zu fassen. Höhere Lebensqualität und niedrigere Immobilienpreise sind meist die Gründe. Gerade Familien sehnen sich nach mehr Platz und schauen sich außerhalb der Großstädte nach bezahlbarerem Wohnraum um.

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    Die Coronakrise verstärkt diesen Trend der vergangenen Jahre. Denn die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, ist stark gestiegen und zugleich mit den Corona-Hotspots in den Metropolen die Sehnsucht nach Weite und Natur. In New York etwa haben seit dem Beginn der Corona-Pandemie im März bereits 420.000 Bewohner die Stadt verlassen und harren in den Hamptons, im Hudson Valley oder in Maine aus. Wie viele von ihnen zurückkommen, ist unklar.

    Weg von den Küsten

    „Die Amerikaner ziehen seit vier bis fünf Jahren wieder weg aus den Mega-Metropolen“, beobachtet der Demograf William Frey, Senior Fellow beim Thinktank Brookings. „Sie ziehen nicht unbedingt aufs Land, aber in kleinere Metropolen oder in die Suburbs“, erklärt er.

    Mit Anfang des Jahrzehnts hatten die Vorstädte erstmals seit Jahrzehnten Abflüsse zugunsten der Metropolen, weil es vor allem die Millennials auf der Suche nach Jobs in die Städte zog. „Dieser Trend hat sich seit einigen Jahren wieder umgedreht“, beobachtet Frey.

    Die Google-Software-Ingenieurin Miroslava Sotakova ist eine von ihnen. Die 37-Jährige ist mit ihren drei Kindern und ihrem Mann, der in der Finanzbranche arbeitet, bereits zu Beginn der Pandemie aus New York geflohen. Sie haben sich erst ein Haus in Pennsylvania und nun in den Catskills zwei Stunden nördlich von New York gemietet. Sie überlegen, auch längerfristig ihre Drei-Zimmer Wohnung in Brooklyn gegen mehr Platz in den Suburbs einzutauschen.

    Bis Dezember dürfen alle Google-Mitarbeiter ohnehin von zu Hause aus arbeiten. Auch danach wird das Arbeiten voraussichtlich ein Mix aus Büro und Homeoffice werden. „Wenn wir nur zwei Tage die Woche ins Büro müssen, dann ist der Umzug aus der Stadt ins Umland viel realistischer“, sagt Sotakova.

    Die Amerikaner ziehen nicht nur in die Vorstädte von New York oder Los Angeles. Sie wechseln auch die Bundesstaaten wie Nick Miller. „Wir beobachten seit einigen Jahren Migrationen von den Küsten ins Landesinnere: von Kalifornien nach Utah, Arizona oder Nevada. Von der Ostküste nach Virginia, Georgia oder auch Tennessee“, berichtet Demograf Frey. Gerade der Sunbelt verzeichne im Süden und Westen enormen Zulauf. „Dort ziehen die Menschen und die Unternehmen hin“, sagt Frey.

    Zum ersten Mal seit Jahren brechen die Mieten in Amerikas teuerster Stadt ein. Quelle: Bloomberg
    San Francisco

    Zum ersten Mal seit Jahren brechen die Mieten in Amerikas teuerster Stadt ein.

    (Foto: Bloomberg)

    Unternehmen wie Volkswagen haben längst verstanden, dass ihre Märkte nicht nur in New York, Boston, San Francisco und Los Angeles liegen. „Viele zahlungskräftige Amerikaner sitzen heute in Bundesstaaten wie Texas, Georgia oder North Carolina“, sagt der US-Chef von VW, Scott Keogh.

    Der Milliardär und AOL-Mitgründer Steve Case fokussiert sich schon länger auf das Amerika jenseits der beiden Küsten. Mit seiner Initiative „Rise of the Rest“ investiert er als Wagniskapitalgeber schon seit Jahren in Unternehmen, die eben nicht in San Francisco oder New York, sondern in Colorado, New Mexico oder Texas angesiedelt sind.

    Bundesstaaten überbieten sich mit Anreizen

    Die Investmentfirma Alliance Bernstein verlegte vor zwei Jahren ihren Hauptsitz von New York nach Nashville im Bundesstaat Tennessee. Als Grund nannte sie niedrigere Lebenshaltungskosten, kürzere Pendelzeiten und keine Einkommensteuer des Bundesstaats.

    Städte und Bundesstaaten überbieten sich mit Lockangeboten, um gut ausgebildete Städter mit ihren Jobs in ihre Orte zu locken: Vermont bietet mit dem „Remote Worker Grant Program“ Menschen, die ihre Jobs mitnehmen können, 10.000 Dollar über zwei Jahre an, wenn sie in den Bundesstaat an der Grenze zu Kanada ziehen. In Kansas bietet das Programm „Choose Topeka“ sogar bis zu 15.000 Dollar für umzugswillige Homeoffice-Arbeiter. Einzelne Städte wie etwa Lincoln in Kansas locken mit kostenlosen Grundstücken.

    Der Trend weg von den Mega-Metropolen wird wohl noch zunehmen. Unter New Yorkern ist die Frage, wer demnächst wohin ziehen könnte, eines der Topgesprächsthemen derzeit. Ganz oben auf der Liste steht bei vielen Connecticut, der Bundesbundesstaat im Nordosten New Yorks.

    Aber auch Texas, Kalifornien und Maine sind die Ziele einiger Familien. Lehrer öffentlicher Schulen äußern hinter vorgehaltener Hand bereits ihre Sorge, dass die gut verdienenden – und damit meist bildungsnahen – Familien im kommenden Schuljahr wegbleiben könnten.

    Das hat auch Auswirkungen auf die Immobilienpreise. In den Vororten laufen die Immobilienmärkte heiß. In den Catskills im Norden New Yorks etwa, wo Häuser oft jahrelang auf dem Markt waren, überbieten sich derzeit die Interessenten. „Es gibt definitiv einen Exodus von jungen Familien, die New York verlassen“, beobachtet Alison Bernstein, Präsidentin und Gründerin des New Yorker Immobilienmaklers Suburban Jungle.

    Sie hat sich auf New Yorker spezialisiert, die eine Alternative in den Suburbs suchen. Ihr Geschäft boomt, der Umsatz stieg um 500 Prozent. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Bernstein, die ihre Firma vor 16 Jahren gegründet hat.

    Die meisten Kunden ziehen in die rund 200 Suburbs in Pendlerdistanz von New York in Westchester, New Jersey oder Connecticut. Andere verlagern ihren Wohnsitz in klassische Feriendomizile wie die Hamptons, das Hudson Valley oder Südflorida. Die Familien, die sich an Suburban Jungle wenden, haben meist kleine Kinder. „Es ist extrem beängstigend, Kinder in einem urbanen Umfeld mit Covid zu haben“, erklärt Bernstein die hohe Nachfrage.

    Hinzu kommt, dass all das, was New York so attraktiv macht – die Museen, Broadway-Shows und Restaurants – größtenteils geschlossen ist. Warum dann Tausende Dollar Miete pro Monat für eine Miniwohnung zahlen?

    Auch das Homeoffice bringt viele Menschen zum Umdenken: Zum einen sind viele Eltern mit kleinen Kindern in engen Stadtwohnungen nicht so produktiv, wie sie es mit einem eigenen Büroraum wären. Zum anderen ermöglicht der Trend zum Homeoffice es vielen Familien auch in Zukunft, weiter weg von der Stadt zu wohnen und nur ab und zu in die Stadt zu pendeln.

    Das gilt auch für Städte wie San Francisco. Da immer mehr Technologieunternehmen das Homeoffice möglich machen, hat die Flucht aus dem teuren Silicon Valley und San Francisco rasant zugenommen. Tech-Konzerne wie Twitter und Square, aber auch Facebook bieten ihren Beschäftigten permanente Heimarbeit an.

    Immobilienpreise in San Francisco sinken erstmals

    Zum ersten Mal seit Jahren brechen die Mieten in San Francisco, Amerikas teuerster Stadt, deshalb ein. Eine Einzimmerwohnung kostete im Mai im Mittel gut neun Prozent weniger als ein Jahr zuvor, als die Miete auf einem Rekordwert von 3360 Dollar im Monat lag.

    Das zeigen Zahlen des Immobilienvermittlers Zumper. Stellenstreichungen bei Uber, Lyft und anderen Unternehmen sind ein Grund. Doch die Stadt ist wegen ihrer hohen Preise und der schlechten Lebensqualität schon lange bei vielen ihrer Bürger verhasst.

    Grafik

    Wenn die Jobs nun nicht mehr an die Stadt gebunden sind, nutzen viele ihre Chance und ziehen weg. Unternehmen nutzen diesen Trend wiederum, um Personalkosten zu reduzieren. Facebook-Chef Mark Zuckerberg kündigte an, dass Beschäftigte, die das Silicon Valley verlassen, mit Einkommenseinbußen rechnen müssen.

    Das soziale Netzwerk will kontrollieren, von welchem Ort aus sich die Mitarbeiter mit ihrem Dienstlaptop einloggen, und das Gehalt entsprechend anpassen. Das Mode-Start-up Stitch Fix sucht gezielt nach Mitarbeitern in günstigeren Städten wie Pittsburgh und Cleveland.

    Das Softwareunternehmen Infocu5 kündigte Mitte Juni an, das Büro im kalifornischen Pasadena zu schließen und 400 neue Jobs in der Kleinstadt Grand Junction im Bundesstaat Colorado zu schaffen. Schon vor der Coronakrise war Colorado beliebt.

    Zu Spitzenzeiten habe man 100.000 neue Anwohner pro Monat angezogen, überwiegend aus Texas, Kalifornien und Arizona, erklärt Michelle Hadwiger, die die Abteilung für Wirtschaftsförderung des Bundesstaates leitet. Mit Steueranreizen werden gezielt Tech-Start-ups abgeworben. „Das Interesse war schon immer stark und ist jetzt sogar noch etwas gestiegen“, sagt sie.

    Der Zahlungsabwickler Marqeta aus dem kalifornischen Oakland hat sich für Denver als Standort für eine zweite Konzernzentrale entschieden und bekam für die Aussicht auf 500 neue Arbeitsplätze in den kommenden Jahren 5,5 Millionen Dollar an Steuererleichterungen zugesichert.

    Seit der Coronakrise häuften sich auch die Anfragen aus dem Ausland, sagt Hadwiger. Unternehmen aus Südkorea und Japan etwa wollen ihre Lieferketten neu ausrichten und lieber stärker vor Ort in den USA produzieren, als von China abhängig zu sein. Der Immobilienmarkt ist vor allem in der Metropolregion rund um Denver weiter stark – und das trotz schwerer Rezession.

    Ob die Flucht aus den Metropolen nur ein vorübergehendes Phänomen ist und sich früher oder später Banker, Programmierer und viele andere wieder in New York und San Francisco einfinden, bleibt abzuwarten. „Das hängt von vielen Faktoren ab: vom Impfstoff bis hin zur Immigrationspolitik, von der Städte wie Los Angeles und New York immer profitiert haben“, sagt Demograf Frey.

    Barclays-CEO Jes Staley aber sagte bereits im April, dass es auch nach der Coronakrise nicht mehr zeitgemäß sei, „7000 Menschen in ein Bürogebäude zu stecken“. Die Citigroup plant, in den Vororten von New York Satellitenbüros einzurichten, um einem Großteil der Mitarbeiter die lange Pendelei zu ersparen.

    Wie lange sich Nick Miller mit seiner Familie in Denver einrichten wird, kann er noch nicht sagen. „Aber ich glaube nicht, dass wir so schnell zu unserem alten Leben zurückkehren.“

    Mehr: Wie Corona die globale Arbeitsteilung verändert

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