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Serie: Coronomics – Die Langfristfolgen der Pandemie So kann Großbritannien die Versprechen für eine grüne Wirtschaft halten

Die britische Regierung will die Wirtschaft bis 2050 klimaneutral machen. Sie hat fünf Hebel für den grünen Wiederaufbau nach der Coronakrise.
28.07.2020 - 10:42 Uhr Kommentieren
Großbritannien ist weltweit führend bei der Offshore-Windenergie. Die Anlagen rund um die Insel liefern rund ein Fünftel des britischen Stroms. Quelle: Paul-Langrock.de  +49 172 3120 3
Windfarm vor Liverpool

Großbritannien ist weltweit führend bei der Offshore-Windenergie. Die Anlagen rund um die Insel liefern rund ein Fünftel des britischen Stroms.

(Foto: Paul-Langrock.de +49 172 3120 3)

London Wenn es um die grüne Wirtschaft geht, erinnert Boris Johnson gern an Walter Bersey. Der britische Ingenieur habe bereits 1897 ein elektrisches Taxi erfunden, erzählt der britische Premier. Aber seine Innovation sei damals am Widerstand mächtiger Interessengruppen gescheitert. Erst mehr als hundert Jahre später habe ein „visionärer Bürgermeister“ in London das elektrische Black Cab eingeführt.

Besagter Bürgermeister war natürlich Johnson selbst, die Lacher des Publikums sind ihm sicher. Seine Pointe: Beim Klimaschutz muss man einfach machen und sich nicht von Skeptikern bremsen lassen.

Die Coronakrise stellt den Regierungschef nun auf die Probe, wie ernst er seine Worte meint. Als erste große Volkswirtschaft hatte sich Großbritannien vor einem Jahr gesetzlich verpflichtet, bis 2050 klimaneutral zu werden. Auf der Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow im kommenden Jahr will Johnson andere Länder auf ähnlich ambitionierte Ziele verpflichten.

Als Gastgeber steht er unter besonderer Beobachtung: Wird er den Umbau zur grünen Wirtschaft weiter vorantreiben oder in der Rezession andere Prioritäten setzen?

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    Mit Sorge verfolgen Umweltverbände, wie Fluggesellschaften und Autobauer von der Bank of England mit Milliardenkrediten gepäppelt werden. Das erklärte Ziel der Regierung ist es, so viele Unternehmen und Arbeitsplätze zu retten wie möglich. Was bleibt da übrig von den ehrgeizigen Klimaplänen?

    „Ich fürchte, wenn die Regierung sich zwischen Wirtschaftswachstum und Umwelt entscheiden muss, zieht die Umwelt den Kürzeren“, sagt Nick Mabey, Chef des Thinktanks E3G.

    Andere Beobachter hingegen erwarten, dass die Coronakrise den Umbau zur nachhaltigen Wirtschaft beschleunigt. „Die Krise ist ein Katalysator für die grüne Agenda“, sagt Erik Fairbairn, Gründer und CEO von Pod Point.

    Der 2009 gegründete Marktführer installiert Ladestationen für E-Autos und gehört seit dem Frühjahr zum Energiekonzern EDF Energy. Der Juni sei der beste Verkaufsmonat in der Firmengeschichte gewesen, berichtet Fairbairn.

    Eines der härtesten Ziele überhaupt

    Auch die Regierung beschwört den „grünen Wiederaufbau“. Finanzminister Rishi Sunak hat drei Milliarden Pfund für energieeffiziente Häuser, Schulen und Krankenhäuser angekündigt.

    Wenn die Regierung das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 erreichen will, kann sie in ihren Bemühungen jetzt nicht nachlassen. Es sei eines der härtesten Ziele überhaupt, sagt der ehemalige Umweltstaatssekretär und Mitglied des britischen Oberhauses, Lord Greg Barker.

    Auch er glaubt, dass die Klimarettung durch die Pandemie eine größere Dringlichkeit bekommt. Den Menschen sei „sehr viel bewusster, dass es da draußen große Risiken gibt, die man früher einfach ignorieren konnte“, sagt er.

    Barker erinnert sich an die 2000er-Jahre, als er versuchte, den Klimaschutz in der Regierung voranzubringen. „Damals hätte man unsere Treffen in einer Telefonzelle abhalten können“, sagt er. Heute herrsche ein breiter Konsens im Regierungsviertel, viele Abgeordnete engagierten sich aktiv für den Klimaschutz.

    Auch Johnson persönlich nehme das Thema ernst, das liege in der Familie. Sein Vater war bereits vor Jahrzehnten in der europäischen Umweltbewegung aktiv.

    Die Regierung hat fünf große Hebel zur Hand, um ihrem Ziel näher zu kommen.

    1. Erneuerbare Energien: Die nationale Infrastrukturkommission empfiehlt, den Anteil der erneuerbaren Energien bei der Stromgewinnung bis 2030 auf 50 Prozent zu erhöhen. Aktuell liegt er bei 32 Prozent. Das Land ist bereits ein Vorreiter bei der Offshore-Windenergie, diese soll ausgebaut werden. Anders als Deutschland baut Großbritannien auch neue Atomkraftwerke.

      Rechnet man die erneuerbaren Energien und die Atomkraft zusammen, kam vergangenes Jahr erstmals mehr als die Hälfte des britischen Stroms aus emissionsarmen Quellen. Der Anteil der Kohle hingegen ist von 70 Prozent im Jahr 1990 auf 2,5 Prozent heute gefallen. Bis 2024 soll er auf null sinken. Erdgas macht 45 Prozent am Mix aus. Wichtig sei auch mehr Transparenz beim Energieaufwand von Produkten, sagt Lord Barker.

      Als Verwaltungsratschef des russischen Aluminiumkonzerns En+ hat er ein Eigeninteresse in der Frage. 85 Prozent der Komponenten einer Solaranlage bestünden aus Aluminium, sagt Barker. Diese könne man aus energieeffizienten Quellen beziehen oder eben von Firmen, etwa aus China, die nicht auf ihre Energiebilanz achten. Aluminium sei nicht das einzige Beispiel.
    2. Energieeffiziente Häuser: Hier hat Großbritannien großen Nachholbedarf. Die zugigen britischen Häuser sind ähnlich legendär wie die deutsche Dreifachverglasung. Im europäischen Vergleich landet der veraltete britische Wohnungsbestand regelmäßig auf dem letzten Platz. Laut Eurostat leidet ein Fünftel der Haushalte unter einem undichten Dach, Feuchtigkeit oder Schimmel. Aus Mabeys Sicht sollte die energetische Wohnungssanierung daher oberste Priorität haben.

      Das neue Drei-Milliarden-Paket der Regierung sieht Renovierungsgutscheine von bis zu zehntausend Pfund pro Haushalt vor. Die Summe reicht jedoch nicht annähernd aus, um alle Häuser auf den neuesten Stand zu bringen. Das sei hoffentlich nur eine Anzahlung, sagt Rosie Rogers von Greenpeace. Es wird erwartet, dass Finanzminister Sunak im Herbst noch nachlegt.
    3. Industrie: Die Deindustrialisierung, die seit Margaret Thatchers Regierungszeit in den 1980er-Jahren forciert wurde, hilft beim Umbau zur klimaneutralen Nation. 80 Prozent der Wirtschaftsleistung werden mit Dienstleistungen erwirtschaftet. Großbritannien sei in einer relativ günstigen Ausgangslage, weil es weniger produzierende Industrie mit hohem Energieverbrauch habe als andere Länder, sagt Barker.

      Deshalb gebe es keine starke Lobby für fossile Brennstoffe. Die Industriestrategie der Regierung fördert „sauberes Wachstum“ in neuen Technologien wie Künstliche Intelligenz, Biotech und Fintech. Energieintensive Unternehmen sind gezwungen umzusteuern. So hat der neue BP-Chef Bernard Looney das Ziel ausgegeben, den kompletten Energiekonzern bis spätestens zum Jahr 2050 klimaneutral zu machen. Der Konsumgüterkonzern Unilever will schon 2039 so weit sein.
    4. Verkehr: Die Coronakrise hat ein Umdenken ausgelöst, Städte wie London gestalten ihre Straßen fahrradfreundlicher und verdrängen den Autoverkehr aus der Innenstadt. Auch die E-Mobilität erlebt einen Boom. Die Verkaufszahlen von elektrischen Autos sind im Juni um mehr als 200 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen.

      Ein Teil davon sei mit der aufgestauten Nachfrage nach der Corona-Zwangspause zu erklären, sagt Pod-Point-Chef Fairbairn. Aber der Hauptfaktor sei eine neue Kundeneinstellung. „Die Leute achten mehr auf grüne Credentials.“ Seine Firma installiert inzwischen 2500 Ladestationen an Privathäusern pro Monat. Auch die öffentliche Infrastruktur an Supermärkten und Tankstellen stehe vor dem Durchbruch, sagt Fairbairn.

      Abgesehen von Pionier Norwegen sei sie in Großbritannien am besten ausgebaut. In den kommenden zwei Jahren werde man eine „Explosion“ des Netzes sehen, sagt er voraus. Diese werde großenteils privat finanziert. Der Staat könne aber mit Investitionen an kommerziell wenig attraktiven Orten nachhelfen.
    5. Green Finance: Auch der Londoner Finanzsektor will grüner werden. Institutionelle Investoren vergeben ihr Kapital zunehmend nach ESG-Kriterien und üben entsprechenden Druck auf die Wirtschaft aus. Notenbankchef Andrew Bailey sprach sich im Juni in einem offenen Brief mit seinem Vorgänger Mark Carney für den grünen Wiederaufbau der Wirtschaft aus.

      Die Bank of England hatte vor einigen Jahren als erste Bankenaufsicht in Europa die Geldhäuser aufgefordert, Klimarisiken beim Risikomanagement zu berücksichtigen. Das Problem: Es handelt sich bis heute nur um Empfehlungen, nicht um verbindliche Vorschriften. Deshalb hat sich noch nicht viel geändert. „Banken könnten eine entscheidende Rolle beim Klimaschutz spielen, wenn sie ihre Kriterien für die Finanzierung von Unternehmen ändern“, sagt Sam Theodore von der Ratingagentur Scope.

      Solange es aber keinen Druck von der Aufsicht gebe, passiere wenig. Die Banken verteidigen sich bisher damit, dass sie die aufsichtsrechtlichen Risiken des Klimawandels nicht quantifizieren können. Durch die Coronakrise erwartet Theodore vorerst einen Rückschlag: Im Moment gehe es darum, die Volkswirtschaft insgesamt zu retten, deshalb rückten die Klimarisiken in den Hintergrund. Mittelfristig werde das Thema jedoch wieder nach vorn drängen.

    In den kommenden Monaten wird sich zeigen, wie grün der Wiederaufbau in Großbritannien ausfällt. Es wird erwartet, dass die Regierung eine staatliche Infrastrukturbank gründet. Diese soll die Europäische Investitionsbank ersetzen, könnte aber auch einen Fokus auf grüne Projekte legen.

    Eine grüne Investitionsbank gab es bereits unter der liberalkonservativen Koalition von 2012 bis 2015. Sie wurde jedoch an die Investmentbank Macquarie verkauft, sobald die Konservativen wieder allein an der Macht waren.

    „Wir brauchen eine nationale Infrastrukturbank“, sagte Nicholas Stern, Klima-Koryphäe der London School of Economics (LSE), kürzlich in einem Webinar. Sie sollte in „saubere Infrastruktur“ wie Radwege, Ladestationen und Breitband investieren.

    Ein Risiko für die grüne Wende stellt der Brexit dar. Wenn es künftig weniger Kooperation zwischen den Stromnetzbetreibern auf beiden Seiten des Ärmelkanals gebe, würde sich der Umstieg auf erneuerbare Energien verteuern, sagt Mabey. „Insofern könnte die grüne Agenda dem Brexit zum Opfer fallen.“  

    Laut Barker löst der Brexit jedoch im Gegenteil einen besonderen Ehrgeiz bei den Regierenden aus, zum europäischen Musterschüler beim Klimaschutz zu werden. „Viele in Europa denken doch, dass wir Briten nicht ganz bei Trost waren, weil wir für den Brexit gestimmt haben“, sagt er.

    Nun wolle man beweisen, dass man eine fortschrittliche Nation sei und sich weiter der globalen Agenda des Multilateralismus verpflichtet fühle. Deshalb werde Johnson alles daransetzen, dass die Klimakonferenz in Glasgow zu einem ähnlichen Wendepunkt werde wie die Pariser Konferenz 2015.

    Mehr: „Ergebnisse sind besorgniserregend“ – EU kann ihre Klimaziele kaum noch erreichen

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