Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Serie: Coronomics – die Langfristfolgen der Pandemie Wie Frankreich die europäische Wirtschaft krisenfester machen will

Die französische Regierung will Europas Wirtschaft widerstandsfähiger und unabhängiger machen. Steuersenkungen, Subventionen und ein Roland-Berger-Plan sollen dabei helfen.
08.07.2020 - 20:00 Uhr Kommentieren
Unabhängig zu sein, das bedeutet für Macron, „in einer offenen Welt den Krisen standzuhalten, die wir erleiden“. Quelle: action press
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Unabhängig zu sein, das bedeutet für Macron, „in einer offenen Welt den Krisen standzuhalten, die wir erleiden“.

(Foto: action press)

Paris Für Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron hält die Coronakrise eine Lehre bereit: „Wir müssen eine neue Etappe eröffnen, in der wir unser Leben und unser Schicksal wieder selbst bestimmen, in Frankreich und Europa.“ Das sei seine Priorität für die kommenden zwei Jahre, ja, es sei „der Kurs für das kommende Jahrzehnt – unsere Unabhängigkeit zurückgewinnen“.

In der Frühphase haben die Franzosen schmerzhaft erlebt, wie abhängig ihr Land bei Pharmazie und Medizintechnik von nicht europäischen Mächten ist. Der Mangel an Schutzmasken, Tests und Beatmungsgeräten wurde zum Fanal: Das Land kann sich zwar mit Atomraketen selbst verteidigen, aber seine Bürger nicht befriedigend vor einem Virus schützen. In Deutschland war es anfangs nicht viel anders, weshalb Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier feststellte: „Die Pandemie zeigt uns: Ja, wir sind verwundbar.“

Auch wenn sich die Lage in Deutschland dann weniger dramatisch entwickelt hat als in Belgien, Frankreich, Italien und Spanien: Es bleibt das gemeinsame europäische Erlebnis der Verwundbarkeit. Daraus wollen die Europäer Schlussfolgerungen ziehen, nicht nur die Franzosen. Eines der Stichworte lautet: Reshoring, wieder mehr von dem, was nach Asien ausgelagert wurde, zu Hause produzieren.

Unabhängigkeit oder auch strategische Autonomie ist aber eine Vorstellung, die Platz für viele wirtschaftliche und politische Aufgaben lässt. Frankreichs Regierung sieht eine ganze Palette als vordringlich an: Pharmazeutische Wirkstoffe will sie stärker im eigenen Land herstellen und nicht mehr zu 60 bis 80 Prozent aus Indien und China beziehen; Schlüsseltechnologien wie die für Batterien in E-Autos, Künstliche Intelligenz oder die Datenspeicherung in der Cloud soll Europa künftig selbst beherrschen; die industrielle Basis insgesamt soll gestärkt werden; sogar gesunde Lebensmittel aus nachhaltiger Produktion zählen für Paris zum Aufgabenkatalog.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Große Wünsche der Grande Nation

    Europas Handels- und Wettbewerbspolitik soll sich, so die Ansicht in Paris, auf eine Welt einstellen, in der China und die USA sich nicht oder nur selektiv an die Regeln der multilateralen Organisationen halten. Unabhängig zu sein, das bedeutet für Macron, „in einer offenen Welt den Krisen standzuhalten, die wir erleiden“, und nicht etwa, „die Grenzen zu schließen und eine illusorische Autarkie anzustreben“, wie er im Juni bei einer Rede in einer Forschungseinrichtung des Pharmaherstellers Sanofi sagte.

    Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zieht Macron an einem Strang. Diese spricht lieber von „Europas Handlungsfähigkeit“, auch wenn ihr immer häufiger die „Souveränität“ über die Lippen kommt. Deutsche und Franzosen treffen sich bei den gleichen Fragestellungen, die relativ wenig mit ideologischen Debatten und viel mit handfester Wirtschaftspolitik zu tun haben.

    Wenn China als Lieferant nur noch bedingt zuverlässig ist wie während der Coronakrise, wie viel und welche Produkte sollte man dann relokalisieren? Mit welchen Instrumenten? Und wenn Europa seine Verantwortung für das Klima ernst nimmt, kann es dann weiter die besonders stark CO2 emittierenden Produktionen ins Ausland verlagern und seine Klimabilanz schönrechnen? Das ist einer der Gründe für die intensiv diskutierte CO2-Steuer an den EU-Außengrenzen.

    So belebt die Coronakrise eine Debatte neu, die schon zuvor begann. In seiner berühmten Europarede an der Sorbonne benutzte Macron Ende 2017 den Begriff „europäische Souveränität“ 31-mal, bis es auch der Letzte verstanden hatte. Neben der europäischen gibt es aber auch eine rein nationale Stoßrichtung, wie aus dem Dokument der Regierung zum „Pakt für Produktivität“ („pacte productif“) vom April 2019 hervorgeht.

    Dort geht die Regierung unerbittlich mit Frankreichs Schwäche bei der Industrie ins Gericht: Auf die Wirtschaftsleistung bezogen sei die Industrie nur noch weniger als halb so groß wie die deutsche. Die Bundesrepublik und Italien erwirtschafteten Überschüsse im Handel mit der restlichen EU, Frankreich ein hohes Defizit.

    Unabhängig zu sein, das bedeutet für Macron „in einer offenen Welt den Krisen standzuhalten, die wir erleiden“, sagte der französische Präsident im Juni bei einer Rede in einer Forschungsstelle des Pharmaherstellers Sanofi. Quelle: dpa
    Emmanuel Macron

    Unabhängig zu sein, das bedeutet für Macron „in einer offenen Welt den Krisen standzuhalten, die wir erleiden“, sagte der französische Präsident im Juni bei einer Rede in einer Forschungsstelle des Pharmaherstellers Sanofi.

    (Foto: dpa)

    Von den 15 forschungsstärksten europäischen Unternehmen seien acht deutsche und nur eines – Dassault Systèmes – französisch. Frankreich habe es nicht verstanden, von der Globalisierung zu profitieren, weil es sich nie für einen klaren Weg entschieden habe wie Deutschland, das schon früh für die Herstellung hochtechnologischer Güter optiert habe.

    Nun soll parallel zum großen Konjunkturpaket für Frankreichs Wirtschaft der „Produktivpakt“ ausformuliert werden. Es ist nicht der erste Anlauf für eine stärkere nationale Industrie. Diesmal lässt er sich der Bevölkerung besser erklären, weil sie in der Coronakrise erlebte, dass es sich hier nicht um ein Thema für Volkswirte handelt, sondern dass die industrielle Basis die Lebensgrundlagen der meisten berührt. Es gibt erste handfeste Beispiele dafür, wie es gehen kann, etwa die beiden deutsch-französischen Initiativen für die Fertigung von Batteriezellen oder Gaia X, das gemeinsame Cloud-Projekt.

    Grenzen für den Neoprotektionismus

    Paris hat die Unternehmensberatung Roland Berger damit beauftragt, die noch sehr groben Vorstellungen über wichtige Technologien herunterzubrechen auf „Schlüsselmärkte“. Bei den Hilfen für die Auto- und Luftfahrtindustrie hat die Regierung ansatzweise gezeigt, wie sie sich die Verbindung von Reshoring und Erreichen der Klimaziele vorstellt. „Wir sind bereit, euch zu helfen, wir schaffen Kaufanreize für Neuwagen, im Gegenzug fragen wir: Was ist euer Plan für das Rückholen von Produktion?“, sagte Wirtschaftsminister Bruno Le Maire im Mai.

    Ende Juni forderte das Gesundheitsministerium Unternehmen auf, Projekte zur Stärkung der Pharmabranche vorzuschlagen, die mit 200 Millionen Euro gefördert werden sollen. Erstes Ziel ist es, den Wirkstoff für Paracetamol in drei Jahren wieder daheim herzustellen. Den gemeinsam mit Deutschland vorgeschlagenen Fonds für den Wiederaufbau, den die EU-Kommission übernommen hat, will Paris ebenfalls nutzen.

    Innerhalb Frankreichs soll eine niedrigere Besteuerung der Unternehmen, über die im Wirtschaftsministerium nachgedacht wird, ebenfalls die Rückkehr an die heimischen Gestade fördern. Denn die zwangsweise Rückholung der Produktion wie auch Subventionen dafür stoßen schnell an rechtliche Grenzen – und für Firmen an Kostengrenzen. Doch aus Le Maires Umfeld heißt es: „Europas Stärkung und die von Frankreichs Wirtschaft, das ist aus unserer Sicht untrennbar miteinander verbunden.“

    Mehr: Frankreichs Wirtschaft kommt wieder in Schwung.

    Startseite
    Mehr zu: Serie: Coronomics – die Langfristfolgen der Pandemie - Wie Frankreich die europäische Wirtschaft krisenfester machen will
    0 Kommentare zu "Serie: Coronomics – die Langfristfolgen der Pandemie: Wie Frankreich die europäische Wirtschaft krisenfester machen will"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%