Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Serie: Global Risk Das Schuldenexperiment: Wann der japanische Mythos verblassen wird

Japan belastet eine Rekord-Staatsverschuldung. Dennoch betreibt Premier Abe eine extrem expansive Haushaltspolitik. Wie lange geht das noch gut?
Kommentieren
In der Bevölkerung schwindet das Vertrauen in die Regierung. Quelle: ddp/imageBROKER/Jochen Tack
Kurstafel im Finanzbezirk Nihombashi

In der Bevölkerung schwindet das Vertrauen in die Regierung.

(Foto: ddp/imageBROKER/Jochen Tack)

Tokio Shinzo Abe ist wie für Japaner üblich von zurückhaltender Natur – vorsichtig in der Wortwahl, aber auch vorsichtig bei seinen Taten. Nichts liegt dem japanischen Ministerpräsidenten ferner als Hybris.

Und doch betreibt Abe ein Schuldenexperiment – das in dieser Form in keinem der großen Industriestaaten vorstellbar ist. Die Staatsverschuldung liegt bei sagenhaften fast 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). So viele Schulden hat in diesem Jahrhundert noch keine Industrienation in Friedenszeiten aufgehäuft.

Trotzdem startete Abes Regierung im April nicht etwa mit einem Sparetat ins neue japanische Fiskaljahr. Nein, der Premier testet einmal mehr die Geduld der Anleihemärkte – mit einem erneuten Rekordhaushalt.

Mit 101 Billionen Yen (810 Milliarden Euro) durchbricht schon das erste Budget erstmals die Marke von 100 Billionen Yen. Und weitere Nachtragshaushalte sind bereits in Planung. Denn Abe will der Wirtschaft möglichst rezessionsfrei über die zweimal verschobene Erhöhung der Mehrwertsteuer von acht auf zehn Prozent hinweghelfen, die für Oktober 2019 geplant ist. Zu tief ist der Konjunkturschock nach seiner ersten Steuererhöhung im Jahr 2015 noch in Erinnerung.

Aus Abes Sicht läuft das Experiment nach Plan. Als Japans Verschuldungsrate zur Jahrtausendwende die 100-Prozent-Marke übertraf, warnten die US-Ökonomen David Asher und Robert Dugger vom Massachusetts Institute of Technology noch: „Japans Staatsverschuldung befindet sich auf einer explosiven Flugbahn.“ Immer wieder setzten Spekulanten danach auf einen Verfall des Yens – und verbrannten sich die Finger.

Grafik

Mittlerweile scheinen die Finanzmärkte sich an die „Überschuldungszahlen“ gewöhnt zu haben. Im Februar sackten die Zinsen für japanische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit auf unter null Prozent ab. Mittlerweile liegen sie deutlich darunter.

Und das Leben auf Pump könnte für Japan noch billiger werden: Notenbankchef Haruhiko Kuroda erklärte kürzlich in einem Interview mit der Wirtschaftszeitung „Nikkei“, dass noch tiefere Minuswerte möglich seien.

Doch wie lange geht es noch gut, dieses Experiment aus niedrigem Zins, Inflation und Wachstum auf der einen und hoher Staatsverschuldung auf der anderen Seite? „Der Markt wiegt die Welt nur in falscher Sicherheit“, warnt der bekannte japanische Wirtschaftsprofessor Keiichiro Kobayashi vom Canon-Institute for Global Studies. Er spricht von einem „prekären Mythos der fiskalpolitischen Unfehlbarkeit Japans“.

Aber dieser Mythos könnte jederzeit verblassen – mit schweren Folgen für Japan und die Welt. Erste Warnzeichen sind die zunehmend kritischeren Bewertungen der Ratingagenturen. Die höchste Bewertung, das Triple-A, hat Japan bereits nach der Asienkrise 1997 verloren.

Seither geht es langsam, aber stetig bergab. Am niedrigsten liegt Fitch mit einem einfachen A. Allerdings warnten die Fitch-Analysten Anfang des Jahres erneut, dass Japans Stärke ohne höheres Wachstum und härtere Haushaltssanierung erodieren könnte.

Wirtschaftsprofessor Kobayashi traute sich daher 2018 mit besorgten Kollegen, in einem Buch über ein Tabuthema der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes laut nachzudenken. „Nach dem Kollaps der Staatsfinanzen – eine Analyse der Krisenszenarien“ lautete der Titel.

Schon ohne Krise lähmt die Angst vor dem Kollaps Investitionen und den Konsum, warnt Kobayashi. Doch der Ernstfall, ein Zusammensturz des japanischen Kartenhauses aus Schuldscheinen der Regierung, würde weltweit ein Finanzbeben auslösen.

Gefahr der Hyperinflation

Dabei geht es weniger um die direkten Folgen einer Zahlungsunfähigkeit Japans. Denn der japanische Staat ist zu fast 90 Prozent im eigenen Land verschuldet und belastet damit das globale Finanzsystem vergleichsweise wenig.

Dennoch erwartet Tomohiro Ota, ein Volkswirt von Goldman Sachs in Tokio, im Falle einer Massenflucht aus den Japanese Government Bonds (JGBs) schwere Verwerfungen. „Wenn die Japaner 1.000 Billionen Yen an Schulden verkaufen wollten, gäbe es kein Land, das solche Summen absorbieren könnte“, warnt Ota.

Zudem würde der Yen-Kurs womöglich schneller abstürzen, als die Japaner davonrennen könnten. „Dies könnte Hyperinflation erzeugen.“ In dem Fall wäre das Schuldenproblem zwar rasch durch Geldentwertung gelöst. Aber die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt würde nicht nur als Markt und globaler Konjunkturmotor ausfallen.

Offen ist auch, wie negativ dieser Schock auf die Lieferketten der globalen Industrie wirken könnte. Japan ist schließlich einer der wichtigsten Lieferanten in der Auto- und Elektronikindustrie, dem Maschinenbau oder bei Bauteilen und Materialien für Hightech-Industrien.

Außerdem würden die innerjapanischen Turbulenzen einen der wichtigsten Finanzmärkte der Welt wenigstens vorübergehend lähmen. Die japanische Börse ist mit einer Marktkapitalisierung von mehr als fünf Billionen Euro die drittgrößte ihrer Art. Darüber hinaus dient Japan den Hedgefonds dank der hohen Liquidität und niedriger Zinsen als wichtige Finanzierungsquelle, meint Jesper Koll, Japanchef des Investmentfonds WisdomTree.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Sayuri Shirai kann den Balanceakt, den Japan derzeit vollführt, am besten beurteilen. Von 2011 bis 2016 saß die Professorin der Keio-Universität im neunköpfigen geldpolitischen Ausschuss der Notenbank, der die Geldpolitik Japans beschließt.

Und was sie gesehen hat, besorgt sie: „Ich denke, dass der Status nicht ewig aufrechterhalten werden kann.“ Auch wenn es noch zehn Jahre oder länger bis zum Crash dauern könne, sagt Shirai, die auch für das Wirtschaftsforschungsinstitut der Asiatischen Entwicklungsbank arbeitet. „Denn Japan ist in einer einmaligen Lage.“

Einer der wichtigsten Faktoren ist für sie die beispiellose ultralockere Geldpolitik der Notenbank. 2001 schrieb die Bank mit einem fiskalisch diabolischen Pakt Geschichte. Im Tausch gegen das Versprechen der Regierung, mit Strukturreformen und Haushaltssanierung zu beginnen, fing sie an, zusätzlich zu ihrer Nullzinspolitik Staatsbonds zu kaufen – also lange bevor die Notenbanken in den USA und Europa damit anfingen.

Ministerpräsident Abe katapultierte das Kaufprogramm nach seinem Amtsantritt Ende 2012 dann in eine andere Dimension. Mit der geldpolitischen Brechstange wollte er Japan nach 20 Jahren aus der Deflation befreien und mit Wachstum aus der Schuldenfalle holen. Der von ihm ausgewählte Notenbankchef Haruhiko Kuroda setzt diese Politik seither um.

Er versprach, so lange massiv Staatsanleihen von Banken zu kaufen und die Geldmenge in die Höhe zu treiben, bis die Inflationsrate zwei Prozent übersteigen würde. Und als er damit das Inflationsziel nicht erreichte, kaufte die Notenbank kurzerhand auch Immobilien- und Aktienfonds.

Inzwischen ist die Notenbank deshalb nicht nur in einigen Unternehmen bereits de facto der größte, wenn auch stille Teilhaber. Sie besitzt darüber hinaus auch 45 Prozent von Japans Staatsschulden.

Bürger stützen die Binnennachfrage

Indem die Bank of Japan das Angebot von JGBs verknappt, hält sie die Nachfrage hoch, die Zinsen niedrig und damit die Finanzierung von Japans Staatsschuld erschwinglich. Denn besonders Japans Lebensversicherer sind auf Bonds mit langer Laufzeit angewiesen, deren Zinsen die Notenbank bei knapp über null Prozent hält.

Noch profitiert Japan davon, dass die Bürger ihr Erspartes bisher lieber daheim als im Ausland anlegen. Außerdem ist Japans Leistungsbilanz positiv. Denn Japan fließt Kapital aus den Auslandsniederlassungen der Konzerne zu. Zu den Geldquellen gehört unter anderem Japans hoher Besitz an den Regierungsanleihen anderer Länder.

Noch stützt die starke industrielle Basis die Volkswirtschaft und noch hat die Regierung die Möglichkeit, die Steuern zu erhöhen – etwa die Mehrwertsteuer, die im internationalen Vergleich niedrig ist. Und dank der niedrigen Zinsen beträgt der Anteil des Schuldendiensts an den Gesamtausgaben des Staates nur rund 23 Prozent. Die Regierung konnte daher trotz des Rekordhaushalts die Ausgabe neuer JGBs zum siebten Mal in Folge senken, erklärt das Finanzministerium in einer Präsentation.

Selbst die Notenbank, die die Regierung generell zu mehr Disziplin auffordert, gibt sich damit zufrieden. Doch gleichzeitig ist allen klar, dass der japanische Balanceakt immer schwieriger wird. Denn mit der Zeit stehen bekannte Sollbruchstellen immer mehr unter Spannung.

Eine ist das Finanzsystem. Die ehemalige Notenbankerin Shirai geht schon jetzt davon aus, dass die Notenbank ihre Geldpolitik nicht mehr normalisieren kann. Zu prekär wird die Lage. Doch je länger die Null- und Minuszinspolitik andauert, desto schwächer werden Banken und Lebensversicherer. Mehr als die Hälfte der Regionalbanken schreibt rote Zahlen im Kreditgeschäft, viele schon seit mehreren Jahren.

Doch ganz oben auf der Risikoliste steht der demografische Wandel. Japan ist der Pionier in Sachen alternde Gesellschaft. Schon seit Jahren schrumpft die Bevölkerung. Bis 2040 wird die Zahl der Einwohner von 126 Millionen auf 107 Millionen fallen. Zudem explodiert die Zahl der Rentner.

Grafik

Noch arbeiten viele Babyboomer freiwillig bis zum 70. Lebensjahr. Aber irgendwann werden selbst die rüstigsten Rentner ihre Finanzpolster aufzehren wollen. „Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass in zehn bis 15 Jahren die Ersparnisse nicht mehr ausreichen werden, die JGBs zu kaufen“, warnt Haruo Shimada, ein emeritierter einflussreicher Wirtschaftsprofessor und ehemaliger Abe-Berater.

In dem Fall müsste die Regierung Ausländer bitten, JGBs zu kaufen, so der Fachmann, der in den vergangenen Jahrzehnten diverse Regierungsausschüsse geleitet hat. Nur würden Ausländer JGBs nicht zu den künstlich niedrigen Zinsen und hohen Preisen kaufen wollen.

Doch schon ein geringer Anstieg der Zinsen würde knallhartes Sparen oder höhere Steuern erfordern, meint Shimada. Falls die Zinslast gar über drei Prozent schnellen würde, „wird es schwierig, überhaupt noch einen Haushalt zusammenzustellen“.

Zuvor könnten allerdings andere externe Schocks Japans Schuldenturm ins Wanken bringen – eine Weltwirtschaftskrise zum Beispiel oder gar ein Mega-Erdbeben in Tokio, das laut amtlichen Schätzungen Schäden in Höhe von einem Viertel des BIP verursachen könnte.

Als größtes Problem könnte sich die menschliche Psychologie erweisen. Die Ruhe am Markt begründet sich vor allem auf dem Glauben der Japaner, dass die Regierung die Schulden zurückzahlen kann. Nur geht Regierungschef Abe derzeit verschwenderisch mit seinem wichtigsten Kapital, dem Vertrauen, um, kritisiert Shimada. Er sollte sparen, um Japan in eine bessere Zukunft zu führen. „Aber er ist sehr daran interessiert, Wahlen zu gewinnen.“

Grafik

Tatsächlich verschiebt Abe immer wieder die amtlichen Sanierungsziele, mit denen die Regierung die Sorgen der Japaner und der Welt zu lindern versucht. Auf dem Höhepunkt der griechischen Schuldenkrise im Jahr 2010 versprach die damalige Regierung der internationalen Staatengemeinschaft beispielsweise, bis 2020 die Ausgaben aus den Steuereinnahmen zu decken und dann mit dem Schuldenabbau zu beginnen.

Doch inzwischen will Abe die sogenannte Primärbilanz erst 2025 ausgleichen. Sollte die Wirtschaft so lange wirklich, wie von der Regierung versprochen, nominal um drei Prozent pro Jahr wachsen, würde die Verschuldungsrate tatsächlich drastisch sinken. Nur scheint das Ziel schon jetzt obsolet, wenn man der langfristigen Fiskalprognose des Finanzministeriums vom Januar traut.

Im „Basisszenario“ mit geringerer Inflation und Wachstum um ein Prozent – und ohne Krisen – bleibt die Primärbilanz auch dann noch fast ein Prozent im Minus. Die Verschuldungsrate würde in dem Fall nur leicht sinken. Shimada zieht daher ein düsteres Fazit hinsichtlich Japans Schuldenexperiment: „Abe hat nur erreicht, den künftigen Generationen eine höhere Last aufzubürden.“

Mehr: Japan glaubt an Wasserstoff: Wie in Fernost der alternative Antrieb gefördert wird.

Startseite

Mehr zu: Serie: Global Risk - Das Schuldenexperiment: Wann der japanische Mythos verblassen wird

0 Kommentare zu "Serie: Global Risk: Das Schuldenexperiment: Wann der japanische Mythos verblassen wird"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote