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Indische Bauern auf dem Weg nach Neu-Delhi

Jedes Jahr gibt es 15 Millionen mehr Inder. Für die wachsende Bevölkerung gibt es jedoch nicht genügend Jobs.

(Foto: AP)

Serie: Global Risk – Indien Indien droht ein „demografisches Desaster“ – denn es fehlen Millionen Jobs

Lange galt die schnell wachsende Bevölkerung als Pluspunkt. Doch jetzt gibt es nicht genug Jobs. Turbulenzen an den Finanzmärkten deuten auf eine schwierige Zukunft hin.
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BangkokNachwuchssorgen hat der indische Beamtenapparat nicht: Auf 62 Stellen für einfache Laufburschen bei der Polizei des Bundesstaates Uttar Pradesh meldeten sich im Sommer 93.500 Bewerber. Unter den Aspiranten waren auch Zehntausende Personen mit einem Hochschulabschluss. Sogar 3.700 Promovierte wollten per Fahrrad Nachrichten zwischen Polizeirevieren hin und her transportieren. Das Einstiegsgehalt für den Vollzeitjob: umgerechnet rund 230 Euro im Monat.

Jobs sind in Indien umkämpft. Das gilt besonders für die als sicher geltenden Stellen beim Staat. Denn die Situation auf dem indischen Arbeitsmarkt wird trotz des hohen realen Wachstums von derzeit mehr als sieben Prozent immer angespannter. Auch bei der Staatsbahn herrscht deswegen Andrang: Bei der letzten Rekrutierungsrunde bewarben sich 23 Millionen Inder auf 90.000 Stellen – es war das wohl gigantischste Bewerbungsverfahren der Geschichte.

Noch immer wächst die indische Bevölkerung rasant, jedes Jahr gibt es rund 15 Millionen Inder mehr. In Megastädten wie Kalkutta oder Hyderabad wird in jede noch so kleine Ecke eine Hütte aus Blech oder alten Werbetafeln gebaut. Die Metropolregion rund um Neu-Delhi könnte in einem Jahrzehnt die größte Stadt der Welt sein, mit halb so vielen Menschen wie in ganz Deutschland. Bereits 2024 wird Indien laut Prognosen der Vereinten Nationen China als das bevölkerungsstärkste Land ablösen. Und viele der fast 1,4 Milliarden Einwohner des Landes suchen vor allem eines: Jobs.

Lange galten die gewaltigen und schnell wachsenden Menschenmassen, galt die im Schnitt junge Bevölkerung als der große Vorteil des Subkontinents. Fondsverkäufer und Banken preisen das Heer an Arbeitskräften und Konsumenten gern als Chance – und als einen Vorteil gegenüber dem mittlerweile schnell alternden China.

Doch nun wächst die Sorge, dass das rasante Bevölkerungswachstum zu einem großen Risiko werden könnte. Der indische Großindustrielle Anand Mahindra wird deutlich: Wenn es nicht gelinge, in großem Stil neue Jobs zu schaffen, drohe Indien ein „demografisches Desaster“. Auch Diwakar Gupta, Vizepräsident der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) und ehemaliger Finanzvorstand der State Bank of India, warnt: „Das Bevölkerungswachstum könnte sich zur Zeitbombe entwickeln.“

Natürlich sei es für das Wirtschaftswachstum und die Versorgung der Älteren erst einmal positiv, wenn rund ein Drittel der Bevölkerung in Indien jünger als 25 Jahre sei, sagte Gupta dem Handelsblatt. Doch wenn die Millionen Menschen, die jedes Jahr neu auf den Arbeitsmarkt kämen, keine Jobs fänden, wäre dies in einem System, in dem sie wegen fehlender sozialer Sicherungssysteme die ältere Generation zudem finanziell unterstützen müssen, kritisch.

Die State Bank of India warnt: Sollte der Subkontinent in den kommenden zehn Jahren der Jugend keine Perspektive bieten, könnte das Ziel, zu den Industriestaaten aufzuschließen, unerreichbar werden.

Dabei waren neue Jobs ein Kernversprechen der Wirtschaftsreformen von Premierminister Narendra Modi. Auch vor den Kundgebungen im Jahr vor der Parlamentswahl, bei der sich Modi um eine zweite Amtszeit bewirbt, ist die Wirtschaft eines seiner Kernthemen. So auch an diesem schwülen Mittwochnachmittag in der südindischen Metropole Bangalore. Er unterstütze Modi, sagt ein 37 Jahre alter Immobilienunternehmer, der wie tausend andere an den Stadtrand gekommen ist. Modi sei Indiens bester Manager.

Doch Modis Ruf als Wachstumsbeschleuniger ist bedroht. Bisher fiel es ihm schwer, die versprochenen Resultate zu liefern. Die von der Internationalen Arbeitsorganisation gemessene Arbeitslosenquote lag zwar in den vergangenen Jahren mit rund 3,5 Prozent stabil niedrig. Der Wert ist in Indien aber nicht wirklich aussagekräftig: Kaum jemand kann sich leisten, arbeitslos zu sein.

Die joblosen Armen recyceln Müll oder halten sich mit einfachen Dienstleistungen über Wasser. Ihnen versprach Modi zehn Millionen neue echte Arbeitsplätze pro Jahr. Tatsächlich waren es wohl nur ein paar Hunderttausend, wie Statistiken des Arbeitsministeriums zeigen. Auf die unvorteilhaften Daten reagierte die Regierung entschlossen: Sie stellte die Veröffentlichung der Zahlenreihe ein.

Acht Prozent Wachstum sind nötig

Wie schwer es Modi fällt, genug Arbeit für seine rasant wachsende Bevölkerung zu schaffen, lässt sich aber kaum verheimlichen. Auch bei den großen internationalen Finanzinstitutionen rücken die wirtschaftlichen Risiken der Bevölkerungsexplosion in den Blick. „Um die demografische Dividende zu nutzen, muss Indien die Reformbemühungen neu beleben, damit der Wachstums- und Jobmotor am Laufen bleibt“, mahnt Ranil Salgado, Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Indien.

Ökonomen gehen davon aus, dass die indische Wirtschaft um bis zu acht Prozent wachsen muss, um genügend Jobs zu schaffen. Eine Marke, die unter der seit 2014 amtierenden Modi-Regierung nur 2015 erreicht wurde – und auch dieses Jahr wird Indiens Wirtschaft laut Prognose des IWF wohl „nur“ um 7,3 Prozent zulegen. Das ist im globalen Vergleich hoch, reicht Indien aber eben nicht.

Stattdessen treten derzeit die Schwachstellen der indischen Wirtschaft wieder offen zutage. Zweifel an der Robustheit der Konjunktur kommen auf. In den vergangenen Wochen herrschte an Mumbais Finanzmärkten teilweise Panik: Die Landeswährung Rupie stürzte so stark ab wie keine andere wichtige Währung in Asien und notiert im Vergleich zum Dollar so niedrig wie nie zuvor. Der Aktienmarkt legte nach jahrelangen Zugewinnen eine Bruchlandung hin: Seit einem Hoch im August verlor der Leitindex Sensex zeitweise zehn Prozent.

Die Investmentbank Goldman Sachs warnt, die Hausse dürfte nun erst einmal zu Ende sein. Indische Experten sehen das ähnlich: „Ich gehe von einer deutlichen Korrektur bis zum Ende des Finanzjahres im März aus“, sagt A. K. Prabhakar, Chefanalyst beim Finanzdienstleister IDBI Capital in Mumbai. „Von den kleinen und mittleren Unternehmen ist schon viel Kapital abgeflossen. Jetzt sind die großen dran.“

Die Verunsicherung hat mehrere Auslöser: Wegen seines hohen Leistungsbilanzdefizits gehört Indien zu den Schwellenländern, die am stärksten unter der rigideren Geldpolitik der US-Notenbank leiden. Die hohe Abhängigkeit von ausländischem Kapital und ein hoher Bedarf an Ölimporten sind in Zeiten steigender Rohstoffpreise sowie höherer US-Zinsen eine gefährliche Mischung.

Für Krisenstimmung sorgt auch ein undurchsichtiges System von Schattenbanken, die insgesamt Kredite von rund 300 Milliarden US-Dollar vergeben haben. Zuletzt schockierte die Zahlungsunfähigkeit der Finanzgesellschaft IL&FS die Investoren. Der Staat übernahm Anfang des Monats die Kontrolle über die Schattenbank und will für die Verbindlichkeiten aufkommen, um eine Kettenreaktion zu verhindern. Mittlerweile untersucht laut Medienberichten die indische Behörde für Betrugsbekämpfung die früheren Geschäfte von IL&FS.

Der Reformer Modi hat grundlegende Schwächen der indischen Volkswirtschaft noch nicht beheben können. Eine tief verwurzelte Korruption verhindert, dass Transparenz und Stabilität ins Banken- und Finanzsystem einziehen. Das Land wurde allein in den vergangenen Monaten gleich von mehreren Skandalen erschüttert.

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Bei der Staatsbank PNB flog ein 1,8 Milliarden Dollar schwerer Betrugsfall rund um einen geflüchteten Diamantenhändler auf. Andere Staatsbanken machten Milliardenverluste, nachdem sich der politisch bestens vernetzte Geschäftsmann Vijay Mallya ins Ausland abgesetzt hatte, ohne seine Schulden zu bezahlen. Behörden untersuchen nun, ob die Kredite an ihn regelwidrig vergeben wurden.

Auch die Infrastruktur ist marode. Allein in diesem Jahr sind mehrere wichtige Brücken eingestürzt – zuletzt im September in der Millionenmetropole Kalkutta. Und die Bürokratie verhindert bislang über komplizierten Landerwerb, langwierige Gerichtsverfahren und ein strenges Arbeitsrecht, dass sich Indien zu einem echten Exportstandort nach dem Vorbild Chinas entwickelt. Auf dem Ease-of-Doing-Business-Index der Weltbank hat sich das Land zwar leicht verbessert, kommt aber trotz Reformen nicht über Platz 100 hinaus.

Die Regierung Modi hatte mit ihrer „Make in India“-Initiative auf das Kapital ausländischer Unternehmen gehofft. Doch statt in Indien Jobs zu schaffen, ziehen sich viele aus dem schwierigen Markt zurück: Der Lkw-Hersteller MAN kündigte im August den Produktions- und Vertriebsstopp in Indien an.

General Motors hatte sich bereits im vergangenen Jahr von dem Subkontinent zurückgezogen. Auch Mittelständler wie der hessische Chemikalienhersteller Cabb gaben zuletzt ihre Produktionsanlagen in Indien auf. Und die Fabriken, die ins Land kamen, hatten offenbar nicht die erwünschte Wirkung auf den Arbeitsmarkt. Auch in Indien schreitet die Automatisierung voran. Einfache Hilfsarbeiter werden trotz niedriger Löhne immer seltener eingesetzt, Unternehmen benötigen immer weniger Arbeitskräfte.

Reform des Bildungssystems zentral

Viele Inder finden nur Jobs im informellen Sektor: Sie schuften an altertümlichen Maschinen in Hinterhofwerkstätten oder malochen als Tagelöhner auf den Feldern. Echte Arbeitsplätze in Fabriken und Büros entstehen zu wenig. Laut dem Thinktank Centre for Monitoring Indian Economy ist die formale Beschäftigung im jüngsten Haushaltsjahr sogar gefallen. „Millionen Menschen wollen die Landwirtschaft hinter sich lassen, aber zumindest seit 2012 gelingt es kaum noch, Jobs in anderen Sektoren zu finden“, kommentiert der Wirtschaftsprofessor Santosh Mehrotra, Arbeitsmarktforscher an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu-Delhi. Den vielen Arbeitern stünden zu wenige Chancen gegenüber.

Paradox ist, dass viele Unternehmen trotz der vielen Jobsuchenden Probleme haben, passendes Personal zu finden. Grund dafür ist das unzureichende Bildungssystem. Zwar gibt es in den Metropolen mittlerweile ein paar Topuniversitäten. Doch in indischen Dörfern, in denen immer noch Hunderte Millionen Menschen leben, sind die Schulen oft katastrophal.

Die Landwirtschaft aber, so ADB-Vize Gupta, könne die zunehmende Bevölkerung nicht ernähren. Ein besseres Bildungssystem müsse es ihnen ermöglichen, woanders gute Jobs zu finden. „Indien muss das Bildungssystem für die jungen Leute verbessern, auch die Berufsausbildung.“ Zudem müsse das Land Frauen gleichstellen, damit auch sie in der Masse qualifiziert auf den Arbeitsmarkt kämen.

Sollte es nicht gelingen, die demografische Bombe zu entschärfen, droht dem Subkontinent weit Schlimmeres als nur schwaches Wachstum. Milliardär und Unternehmer Mahindra befürchtet politische Unruhen. Spannungen gibt es in dem extrem heterogenen Staat bereits genügend – schon jetzt kommt es immer wieder zu Protesten und sogar Straßenschlachten. Sollten die Aufstiegserwartungen der 600 Millionen Inder unter 25 nicht erfüllt werden, könnten diese Unruhen noch häufiger werden.

In diesen Tagen belagern Bauern ein neues Smartphone-Werk des südkoreanischen Elektronikkonzerns Samsung in der Nähe von Neu-Delhi. Die Fabrik gilt als Aushängeschild der „Make in India“-Kampagne, im Juni kam Modi sogar zur Einweihung. Die versprochenen Jobs für die lokale Bevölkerung brachte das Werk aber noch nicht, beklagen die wütenden Bauern und pochen darauf, eingestellt zu werden. Ihr Protest soll weitergehen, kündigen sie an. Bis ihre Forderungen erfüllt sind.

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