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Serie: Global Risk – Türkei Nur ein radikaler Politikwechsel kann das Land noch vor einem Absturz bewahren

Präsident Erdogan hat das Schwellenland in eine tiefe Krise manövriert. Wie tief und wie berechtigt ist der Vertrauensverlust in die Türkei?
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Demonstrationen gegen den Terror: Eine Anschlagserie hat die Unsicherheit in der Bevölkerung verstärkt.
Massenproteste in Ankara

Demonstrationen gegen den Terror: Eine Anschlagserie hat die Unsicherheit in der Bevölkerung verstärkt.

IstanbulAli Ülker gilt als einer der seriösesten Geschäftsmänner der Türkei. Seine Familie gründete vor mehr als 70 Jahren den gleichnamigen Gebäckwarenhersteller. Die Firma ist der größte Biskuitproduzent in Mitteleuropa, Afrika und Zentralasien. Sein Bruder Murat Ülker gilt mit einem geschätzten Vermögen von knapp vier Milliarden US-Dollar als reichster Mann der Türkei.

Umso überraschter waren die Chefs von zehn türkischen Banken, als sie Anfang des Jahres Post von Ali Ülker erhielten. Der derzeitige Vizepräsident der Firma bat die Geldinstitute um einen Kredit – den höchsten in der Geschichte des Landes. Sieben Milliarden US-Dollar brauchen Ülker und seine Familie demnach. Nicht, um eine neue Akquisition zu finanzieren, sondern, um alte Schulden zu begleichen.

Auf Anfrage erklärt das Unternehmen, die Geschäftsentwicklung sei auf Rekordkurs. So stieg der Umsatz im vergangenen Jahr um 14 Prozent, der Profit sogar um 39 Prozent. Trotzdem verbrenne seine Firma zehn bis 30 Millionen Dollar bei der Schuldenrückzahlung, schrieb Ülker in dem Brief an die Banken – pro Tag. Der Grund: Der Ülker-Clan kaufte jahrelang Firmen in aller Welt.

Finanziert wurden die Übernahmen mit Bankkrediten, die in US-Dollar zurückbezahlt werden müssen. Doch allein seit Anfang des Jahres hat die türkische Währung gegenüber dem Dollar fast 40 Prozent ihres Wertes verloren. Die Preise für Importe steigen an, und eben die Kosten für Kredite in Auslandswährung. Aber auch türkische Produkte werden teurer. Die Inflationsrate betrug zuletzt 17,9 Prozent. 

Vertrauensverlust – das ist das Schlüsselwort zum Verständnis der türkischen Malaise. Vertrauensverlust – das ist das Schlimmste, was einer Volkswirtschaft widerfahren kann. Wie ein Gift schleicht er sich in die Ökonomie eines Landes – und lähmt deren Prozesse.

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Für Unternehmer, Investoren und Manager heißt das: Die Risiken nehmen zu. Nicht nur in der Türkei, sondern in vielen Schwellenländern. Das liegt auch an den geopolitischen Umwälzungen – und nicht zuletzt am amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der eine jahrzehntelange Weltordnung auf den Kopf stellt.

Einer Umfrage unter deutschen Unternehmern zufolge sieht ein Viertel der Befragten die Existenz des eigenen Unternehmens aufgrund des Handelsstreits zwischen den USA und dem Rest der Welt bedroht. Unter den Großunternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten sind es derzeit sogar 39 Prozent. Vertrauen zu zerstören geht schnell. Es wieder aufzubauen ist eine langwierige und harte Arbeit.

Das zeigt sich sehr deutlich bei der Türkei. Die jüngste Zinsanhebung der Notenbank um mehr als sechs Prozentpunkte auf 24 Prozent, um die Kapitalflucht und den Preisanstieg einzudämmen, war ein wichtiges Signal – mehr aber auch nicht. Denn der Schaden, den Staatspräsident Erdogan mit dem Versuch angerichtet hat, die Notenbank zum Befehlsempfänger zu degradieren, war immens.

Die Verunsicherung nimmt zu, und zwar mit einer Dynamik, dass selbst Angela Merkel sich genötigt sah, Hilfestellung zu leisten. „Eine stabile Türkei liegt im deutschen Interesse”, sagte die Bundeskanzlerin. Und das, obwohl es kein Geheimnis ist, dass sie ein ziemlich zerrüttetes Verhältnis zum türkischen Staatspräsidenten Erdogan hat. 

Der Niedergang der türkischen Wirtschaft ist umso erstaunlicher, als dass das große Schwellenland an der Ostflanke Europas mit seinen 83 Millionen Einwohnern nach der Jahrtausendwende noch einer der Stars unter den aufstrebenden Ländern war. Eine junge Bevölkerung, eine florierende Wirtschaft und eine berechenbare liberale Politik des damaligen Ministerpräsidenten Erdogan. Die Wirtschaft des Landes wuchs im Schnitt um gut fünf Prozent, Investoren waren begeistert.

Wie gut Erdogans AKP-Regierung ankam, belegt eine beeindruckende Zahl der Außenhandelskammer Istanbul: Demnach gab es zwischen 2004 und 2014 rund 4000 Firmengründungen in der Türkei, an denen deutsches Kapital beteiligt war. Das ist gerade einmal vier Jahre her.

Doch dazwischen liegt eine Terrorserie, ein Putschversuch und vor allem: der Umbau des politischen Systems zu einem Präsidialsystem – ganz auf Erdogan zugeschnitten. Manch einer spricht angesichts der rigiden Verfolgung realer und vermuteter politischer Gegner, der Unterdrückung der Presse und der zunehmenden Gleichschaltung der Justiz gar von einer Diktatur. 

Dazwischen liegt auch ein Krieg im Nachbarland Syrien, dessen Auswirkungen die Türkei besonders stark zu spüren bekommen hat. Knapp vier Millionen Flüchtlinge hat das Land aufgenommen, musste Raketenangriffe an der Grenze ertragen und hat selbst zweimal mit Militär in den Syrienkonflikt eingegriffen.

Und dazwischen liegt nicht zuletzt eine außenpolitische Neuorientierung. Die lange propagierte Westbindung des Landes hat sich unter Erdogan gewandelt zu einer versuchten Balance zwischen West und Ost, Europa und Arabien, USA und Russland. Doch diese Balance ist nicht austariert – und deswegen äußerst fragil.

All diese Umstände haben sicherlich mit dazu beigetragen, dass aus dem einstigen liberalen Premier ein ausgesprochen mächtiger, aber auch zunehmend unberechenbarer Präsident geworden ist. Und die gestiegenen innen- wie geopolitischen Risiken, gekoppelt mit einer krisenanfälligen Volkswirtschaft, haben die Türkei in ein veritables Krisenland verwandelt. Es ist eine typische Schwellenländerkrise. 

Das Wachstum der frühen Erdogan-Jahre wurde mit einer hohen Verschuldung des Privatsektors erkauft. Besonders fatal: Zu einem großen Teil nahmen die Unternehmen ihre Kredite in fremder ‧Währung auf, was die Türkei extrem anfällig für Währungsschwankungen machte. Die Auslandsverschuldung der Privatwirtschaft beträgt gegenwärtig 162 Milliarden Dollar. Kurzfristig stehen den Verbindlichkeiten in Auslandswährung jedoch genauso hohe Guthaben auf den Konten der Konzerne gegenüber, betonen Wirtschaftsverbände und das Finanzministerium.

Auch typisch für eine Schwellenländerkrise: das große Leistungsbilanzdefizit in Höhe von zuletzt rund sechs Prozent des BIP. Fast schon traditionell importiert die Türkei deutlich mehr, als sie exportiert. Das bedeutet, dass die Volkswirtschaft zunehmend abhängig ist von ausländischem Kapital, das diese Lücke schließen muss. Doch nur die Ankündigung einiger Sanktionen durch US-Präsident Donald Trump reichte, um die ohnehin verunsicherten Türkei-Investoren zur Flucht aus der Lira zu animieren

Unternehmen und Investoren fragen sich zu Recht, wie stabil die Türkei noch ist. Die gefühlte Investitionssicherheit habe spätestens im Dezember 2016 spürbar abgenommen, sagt Magdalena Kirchner, verantwortliche Vorständin für Analysen bei Conias Risk Intelligence. Damals wurde der Erdgasimporteur Akfel aufgrund vermeintlicher Verbindungen zur Bewegung von Erdogans Erzfeind Fethullah Gülen an den staatlichen Einlagenschutzfonds TMSF überstellt. Das habe auch internationalen Anteilseignern – in diesem Fall der russischen Gazprom – gezeigt, dass sie politischer Willkür ausgesetzt sind.

Und Oliver Hermes, Vorsitzender des Vorstands des Nah- und Mittelostvereins, warnt: „Die Auswirkungen der jetzigen Verwerfungen werden von der deutschen Politik und auch teilweise von Wirtschaftsexperten unterschätzt.“ Durch den Lira-Verfall gerieten „die Finanz- und Kapitalmarktstrukturen in der Türkei ins Wanken“, große Infrastrukturprojekte würden verschoben, ausländische Direktinvestitionen gingen deutlich zurück.

Tatsächlich steckt Erdogan in einer Zwangslage: Es ist kaum möglich, die Währung zu stabilisieren, ohne die Zinsen weiter zu erhöhen. Das allerdings könnte das Wachstum der türkischen Wirtschaft empfindlich dämpfen. 2017 wuchs das BIP noch um 7,4 Prozent. Die OECD für das Jahr 2018 nur noch ein Wachstum von 3,8 Prozent.

Und sollte die anhaltende Schwäche der Lira türkische Unternehmen in die Zahlungsunfähigkeit treiben, würde dies erhebliche Forderungsverluste und Leistungsausfälle nach sich ziehen. Eine Spirale könnte sich in Gang setzen, die auch internationale Partner und Banken treffen könnte. Vor allem spanische Banken sind in der Türkei engagiert – mit einem Kreditvolumen von 83 Milliarden Dollar.

Noch hat es bislang eher kleinere Unternehmen getroffen – Mittelständler, die Einkäufe zu einem Stichtag in Dollar bezahlen müssen, dann aber das Produkt in Lira verkaufen. So traf es zuletzt einen türkischen Anbieter für Fahrzeugleasing. Die Firma musste die importierten Fahrzeuge in Dollar oder Euro anmieten. Doch die kalkulierte Leasingrate für die türkischen Kunden in Lira verlor immer mehr an Wert, das Unternehmen wurde zahlungsunfähig.

Die Politik weiß um diese Gefahr – und versucht sich inzwischen um Schadensbegrenzung. „Es ist spürbar, dass die Politik auf Wirtschaft und Investoren zugehen und die Investitionsbedingungen verbessern will“, sagt Thilo Pahl, Geschäftsführer der Außenhandelskammer Türkei. Doch es sei viel Vertrauen verloren gegangen. Noch haben viele Investoren den Glauben an die Türkei nicht verloren. Der Markt bleibt verlockend.

Die Hoffnung, dass sich die Lage stabilisiert und das Land wieder auf seinen Wachstumspfad zurückkehrt, ist groß. „Die Türkei ist ein sehr guter Markt mit großen Chancen“, sagt etwa Steven Young, Türkei-Chef von Bosch. Und auch Markus Slevogt, Präsident der Deutsch-Türkischen Auslandshandelskammer (AHK) in Istanbul, ist überzeugt: „Die Türkei ist Meister im Meistern von Krisen.“ Das Land habe sich mehrfach nach Krisen schnell erholt – von der türkischen Flexibilität könne sich „Deutschland eine Scheibe abschneiden“.

Selbst Finanzinvestoren spielen inzwischen mit dem Gedanken, die gefallenen Kurse zum Einstieg zu nutzen: „Vor allem türkische Euro-Bonds sind derzeit zu attraktiv, um sie links liegen zu lassen“, sagt Sergej Goncharow, Portfolio-Manager des Schweizer Vermögensverwalters Vontobel. Ergün Kis, Leiter der Türkei-Abteilung bei KPMG, rät daher deutschen Unternehmen dazu, die Entwicklungen in der Türkei differenziert zu betrachten.

„Denn sie müssen für sie nicht automatisch negativ sein.“ Wenn deutsche Firmen zum Beispiel in der Türkei für den europäischen oder den globalen Markt produzieren, werden die Produktionskosten, insbesondere durch den Wertverlust der türkischen Lira, günstiger. Er ist sich sicher: „Deutsche Unternehmen, die größere Produktionen in der Türkei unterhalten, werden zunächst vor Ort bleiben.“

Doch noch sind die Optimisten in der Minderheit. Letztlich hängt alles von der Frage ab, ob Erdogan tatsächlich den Kurswechsel einleitet. Dass der Druck der Märkte einiges bewirken kann, zeigt die Tatsache, dass die Notenbank die Zinsen angehoben hat, obwohl Erdogan sich zuvor klar dagegen ausgesprochen hatte. Auch sanfter Druck durch die europäischen Partner könnte helfen: Kanzlerin Merkel wird in Kürze die Gelegenheit dazu haben: Sie empfängt den türkischen Präsidenten Ende kommender Woche zum Staatsbesuch – mit militärischen Ehren.

„Das türkische Wirtschaftswachstum wird im kommenden Jahr noch viel stärker zurückgehen“


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