Shangri-La-Dialog Indien stemmt sich gegen Chinas wachsende Dominanz

Narendra Modi beansprucht für Indien eine Führungsrolle in Asien. Auf der Sicherheitskonferenz in Singapur kritisiert er China deutlich.
Kommentieren
Der indische Premierminister kritisiert China, will sich aber nicht von den USA vereinnahmen lassen. Quelle: AFP
Narendra Modi

Der indische Premierminister kritisiert China, will sich aber nicht von den USA vereinnahmen lassen.

(Foto: AFP)

SingapurWie ernst es Indien mit seinem Führungsanspruch meint, erkennt man schon an dem neuen Lieblingswort von Regierungschef Narendra Modi: Indo-Pazifik. Bei einer mit Spannung erwarteten Rede vor Verteidigungsministern in Singapur nennt Modi den Begriff am Freitagabend gleich elf Mal.

Wo früher vom Asien-Pazifik-Raum die Rede war, stellt das Indo-Pazifik-Konzept nun Modis Subkontinent in den Mittelpunkt. Unter westlichen Politikern und Diplomaten kam der Begriff in den vergangenen Monaten zunehmend in Mode. Zu Modis zunehmend selbstbewussten Auftreten, passt die Sprachregelung perfekt.

Der indische Premierminister ist in den Ballsaal eines Fünf-Sterne-Hotels gekommen, um als Eröffnungsredner der Sicherheitskonferenz Shangri-La-Dialog zu erklären, wie er sich die Machtverteilung in Asien vorstellt. Klare Regeln, die für alle gelten, solle es geben, fordert Modi. „Diese müssen durch Dialog entstehen und nicht durch Gewalt.“

Der Konsens aller solle bestimmen und nicht die Macht von wenigen. Im Publikum sitzen unter überdimensionierten Kronleuchtern der amerikanische Verteidigungsminister James Mattis, seine deutsche Amtskollegin Ursula von der Leyen und Kabinettsmitglieder von mehr als einem Dutzend asiatischer Staaten. Nur das Land, an das sich Modis Worte ganz besonders richten, hat keinen Minister geschickt: China.

Die Regierung in Peking weckt durch ihr zunehmend forsches Auftreten nicht nur Sorgen in den USA, sondern vor allem auch bei den Nachbarn in der Region. Auf künstlichen Inseln im Südchinesischen Meer ließ China laut US-Berichten in den vergangenen Wochen Raketensysteme installieren, mit denen Schiffe und Flugzeuge getroffen werden können.

Mit ihrer Seidenstraßen-Initiative und milliardenschweren Infrastrukturinvestitionen stärkt die Volksrepublik auch ihren wirtschaftlichen Einfluss in den Nachbarländern. Unter Modi macht Indien, das in den kommenden Jahren China als bevölkerungsreichstes Land der Welt ablösen wird, klar: Chinas Versuch, den Kontinent zu dominieren, bleibt nicht ohne Widerspruch.

In seiner mit Spannung erwarteten Rede beschreibt Modi eine düstere Ausgangslage. „Wir sehen wachsende Unsicherheit und steigende Militärausgaben“, sagt der Premier. „Die Fundamente der globalen Ordnung erscheinen erschüttert.“ Die Zukunft sei geprägt von ungelösten Konflikten, kollidierenden Visionen und konkurrierenden Modellen. „Es kommt zur Durchsetzung mit Gewalt anstatt zum Rückgriff auf internationale Normen.“

Freier Schiffsverkehr ist eine Notwendigkeit

Ohne China an der Stelle beim Namen zu nennen, wird klar, dass das Land gemeint ist. Im Territorialkonflikt um das Südchinesische Meer versucht die Regierung in Peking gegen den Widerstand von benachbarten Ländern, die auf Teile des Meeres ebenfalls einen Anspruch erheben, Tatsachen zu schaffen. Die Regierung von Chinas Präsident Xi Jinping könnte damit eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt unter ihre Kontrolle bringen.

Gegen diese Vorstellung wendet sich Modi direkt: „Wir sollten alle den gleichen Zugang zu gemeinsamen Räumen im Meer und in der Luft haben“, fordert er. Der freie Schiffsverkehr sei eine Notwendigkeit. Konflikte müssten mithilfe des internationalen Rechts gelöst werden.

Das Schiedsgericht in Den Haag hatte vor zwei Jahren chinesische Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer für unrechtmäßig erklärt. Am weiteren Ausbau von Chinas Aktivitäten hat das aber nichts geändert.

Den Ländern Südostasiens, die Chinas wachsende Dominanz besonders stark zu spüren bekommen, bietet sich Modi nun als alternativen Partner an. Die diplomatische Offensive startete er bereits im Januar, als er alle zehn Regierungschefs der Region zum indischen Republic Day nach Neu-Delhi einlud. In Singapur verspricht er, auf alle Rücksicht zu nehmen: „Wir stehen für eine demokratische, regelbasierte Ordnung, in der kleine wie große Nationen gleichermaßen florieren können.“

Modi hat bereits eine mehrtägige Reise durch Südostasien hinter sich, bei der er sein Land als Gegengewicht zu China positionierte: In Indonesien vereinbarte er mit Präsident Joko Widodo eine engere militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Indien will unter anderem im Norden der indonesischen Insel Sumatra einen Hafen mit strategischer Bedeutung errichten: Er soll direkt an der von Handelsschiffen stark frequentierten Straße von Malakka liegen und könnte künftig sowohl Anlaufstelle für Handelsschiffe als auch U-Boote werden.

Am Donnerstag reiste Modi weiter zu Malaysias neuem Regierungschef Mahathir Mohamad. Mahathir und seine Parteienallianz hatten sich im Wahlkampf mehrfach kritisch zu von China finanzierten Infrastrukturprojekten geäußert: Es bestehe die Gefahr, in eine Schuldenfalle zu geraten.

Warnung vor der Schuldenfalle

Das Thema griff Modi in Singapur auf: Die Länder der Region sollten gestärkt und nicht mit unmöglich zu bewältigenden Schulden belastet werden. Trotz der vielfältigen, meist indirekt geäußerten Kritik an Chinas Vorgehen, gibt sich Modi aber versöhnlich: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Asien eine bessere Zukunft hat, wenn Indien und China vertrauensvoll zusammenarbeiten und auf die gegenseitigen Interessen Rücksicht nehmen.“

Von den USA will sich Indien deshalb nicht für eine Anti-China-Allianz vereinnahmen lassen. Die Regierung von Präsident Donald Trump propagierte den Indo-Pazifik-Ansatz in den vergangenen Monaten besonders deutlich als Möglichkeit, dem Aufstieg Chinas eine neue Allianz entgegenzusetzen.

Um die Zusammenarbeit mit Indien zu unterstreichen, benannte die US-Armee diese Woche ihr bisheriges Pazifik-Kommando um. Es heiße von nun an Indo-Pazifisches Kommando.

Als Kampfansage an China will Modi die Indo-Pazifik-Politik aber nicht gewertet wissen. Eine ernste Konfrontation mit der Volksrepublik kann sich Indien weder wirtschaftlich noch militärisch leisten.

Modi betont deshalb: „Der Indo-Pazifik ist kein Club mit beschränkter Mitgliederzahl. Er ist auch nicht gegen ein Land gerichtet.“ Ein Asien der Rivalitäten wäre für alle schädlich. „Konkurrenz ist normal. Aber Differenzen dürfen nicht zu Auseinandersetzungen werden.“

Startseite

Mehr zu: Shangri-La-Dialog - Indien stemmt sich gegen Chinas wachsende Dominanz

0 Kommentare zu "Shangri-La-Dialog: Indien stemmt sich gegen Chinas wachsende Dominanz"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%