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Sicherheitsmängel Schwere Brandschutzverstöße vor Feuer in Notre-Dame: Arbeiter haben wohl geraucht

Nach dem Brand in Notre-Dame läuft die Ursachensuche weiter. Recherchen französischer Medien legen nahe, dass gegen Brandschutzauflagen verstoßen wurde.
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Notre-Dame: Verstöße gegen den Brandschutz vor Feuerkatastrophe Quelle: AP
Notre-Dame

Arbeiter installieren Gerüste an der zerstörten Kathedrale.

(Foto: AP)

ParisKnapp zwei Wochen nach dem verheerenden Brand in Notre-Dame in Paris lösen Umstände und Folgen des Unglücks kritische Reaktionen in Frankreich aus. Die Wochenzeitung Le Canard Enchainé hat mehrere Fälle von Schlampereien und gravierenden Verstößen gegen Sicherheitsauflagen aufgedeckt, die möglicherweise das Entstehen der Feuersbrunst begünstigt haben.

Gleichzeitig müssen die milliardenschweren reichsten Familien Frankreichs sich gegen den Vorwurf wehren, sie nutzten ihre breit publizierten Spenden für den Wiederaufbau der Kathedrale zur Selbstdarstellung. Nicht zuletzt wird die Auseinandersetzung über die Rekonstruktion lauter: Soll sie einen – unklaren – Originalzustand wiederherstellen oder die Kirche erneuern?

Die Enthüllungen des Canard sind erschütternd. So hat der Klerus unter Verstoß gegen alle Sicherheitsauflagen bereits vor längerer Zeit elektrische Schlagwerke für mehrere Glocken im Vierungsturm einbauen lassen. In dieser Nadel, die sich über der Querung von Haupt- und Seitenschiff erhob oder in ihrer Nähe war das Feuer im Dachstuhl ausgebrochen. Elektrische Anlagen im staubtrockenen Balkengerüst aus dem 13. Jahrhundert waren wegen der Gefahr eines möglichen Kurzschlusses strikt untersagt.

Doch weil der Klerus zur akustischen Begleitung der Messen die Glocken im Vierungsturm bespielen wollte, was auch am Tag des Brandes mehrfach geschah, setzte er sich kurzerhand über die Auflagen hinweg. In der laufenden Untersuchung wird der Hypothese mittlerweile nachgegangen, dass ein Kurzschluss oder Kabelbrand im elektrischen Schlagwerk die Brandursache war. Ursprünglich war lediglich von der Möglichkeit eines Kurzschlusses in den Bauaufzügen des Gerüstes die Rede, das zur Renovierung des Vierungsturms angebracht worden war.

Die Aufmerksamkeit der Ermittler richtet sich auch auf mehrere Zigarettenkippen, die inzwischen in der Umgebung der Renovierungsarbeiten gefunden wurden. Die legen die Vermutung nahe, dass Arbeiter gegen die Auflagen verstoßen und im Dachstuhl geraucht haben.

Letzter bislang bekannter schwerer Fehler: der zu spät bei der Feuerwehr eingegangene Brandalarm. Bereits länger bekannt war die Tatsache, dass ein erster automatischer Alarm schon um 18:16 in der Sicherheitszentrale der Kathedrale anschlug. Der wurde allerdings in den ersten Tagen nach der Katastrophe als Fehlalarm bezeichnet. Jetzt kommt heraus, dass die beiden Mitarbeiter, die in den Dachstuhl geschickt wurden, in die falsche Richtung liefen und fälschlicherweise Entwarnung gaben.

Erst nach einem zweiten automatischen Alarm in der Zentrale von Notre-Dame zwischen 18:40 und 18:50 entdeckten die Wachleute die Flammen an der Basis des Querungsturms und benachrichtigen die Feuerwehr. Die traf einige Minuten später an Notre-Dame ein. Inzwischen war seit Ausbruch des Brandes rund eine dreiviertel Stunde vergangenen und das Feuer hatte eine so verheerende Stärke entwickelt, dass der Dachstuhl nicht mehr zu retten war: „Es war wie in einem Hochofen, wie ein Blick in die Hölle“, sagte später Myriam Chudzinski, die zur ersten Feuerwehreinheit am Brandherd gehörte.  

Das Feuer griff auf den Nordturm über, der Einsturz des gesamten Gebäudes drohte. Der Chef der Feuerwehr selber ging mehrfach in den Turm- „faire le tour du feu“ nennen das die Pariser „pompiers“. Der direkte Augenschein ermöglicht eine sichere Entscheidung, ist aber auch Teil eines Rituals: Der Chef setzt seine Frauen und Männer nicht der tödlichen Gefahr aus, ohne dasselbe Risiko einzugehen.

Sollte die polizeiliche Untersuchung die vom Canard Enchainé aufgezählten Schlampereien bestätigen, dürften sie ein juristisches Nachspiel haben. Die Spendenbereitschaft allerdings ist bislang ungebrochen, inzwischen geht der Überblick verloren. Am Mittwochnachmittag rief das Mittelaufkommen in der Größenordnung von einer Milliarde Euro den französischen Rechnungshof auf den Plan.

„Angesichts der Summen, die im Spiel sind, der Bedeutung von Notre-Dame und der steuerlichen Auswirkungen hat der Rechnungshof entscheiden, Aufkommen und Verwendung der Mittel zu kontrollieren“, teilte die Institution mit.

Frankreichs reichste Familien wie die Pinaults, Arnaults und Bettencourts beklagen sich bitter über die Kritik, die ihnen wegen ihrer Millionenspenden für Notre-Dame entgegenschlägt. Kritiker hatten eingewendet, dass der Steuerzahler angesichts der Abzugsfähigkeit von Spenden den größten Teil der Zuwendungen finanzieren werde. Zudem wurde den Superreichen vorgehalten, dass sie ihre Großzügigkeit breit kommunizierten, bevor auch nur ein Euro geflossen war.

Schließlich merkten verschiedene Medien kritisch an, es sei ein bedenkliches Zeichen, wenn innerhalb von vier Tagen für eine Kathedrale ein Betrag gespendet werde, der dem doppelten jährlichen Spendenaufkommen der zehn größten karitativen Einrichtungen entspricht: da stimmten die Relationen zwischen Denkmalschutz und Menschlichkeit nicht mehr. 

Wie das Geld eingesetzt wird, das wird noch für heftige Debatten sorgen. Unstrittig ist die provisorische Sicherung des Gebäudes durch eine große Plane. Doch schon das Material des neuen Dachstuhls sorgt für Meinungsverschiedenheiten: Holz, Stahl, Beton? Besonders umstritten ist die Form des neuen Vierungsturms: Soll man einfach den kopieren, den der Architekt Eugène Viollet-le-Duc Mitte des 19.Jarhunderts erfunden hat? Oder etwas völlig Neues schaffen?

Präsident Emmanuel Macron hat bereits einen Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Am 2.Mai wird es eine erste Experten-Diskussion in Paris geben. Macron selber hat seine Vorliebe schon anklingen lassen: „Vielleicht werden wir uns für einen Entwurf entscheiden, der zeigt, dass das kulturelle Erbe lebt und Notre-Dame sich entwickelt.“    

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