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Sicherheitspolitik Hiroshima und Nagasaki gedenken Atombombenabwürfen – und die Welt rüstet auf

75 Jahre nach den Atombombenabwürfen auf Japan steigt erneut das Risiko einer nuklearen Eskalation. In Ostasien besteht die Gefahr einer Kettenreaktion.
06.08.2020 - 11:36 Uhr Kommentieren
Menschen beten für die Opfer des Atombombenabwurfs auf Hiroshima vor dem Kenotaph im Friedenspark Hiroshima. Quelle: dpa
75. Jahrestag Hiroshima

Menschen beten für die Opfer des Atombombenabwurfs auf Hiroshima vor dem Kenotaph im Friedenspark Hiroshima.

(Foto: dpa)

Tokio Während die Atommächte aufrüsten und auch Nordkorea sein Atomprogramm vorantreibt, geben Hiroshima und Nagasaki am 75. Jahrestag der Atombombenabwürfe durch die USA ihre Friedensmission nicht auf. Am 6. August gedenkt zuerst Hiroshima seiner Vernichtung, drei Tage später Nagasaki.

Nagasakis Bürgermeister Tomihisa Taue erklärt, welche Bedeutung die Feierstunden für ihn hat: „Durch die Erzählungen von Überlebenden versuchen wir Nagasaski zur letzten Stadt auf der Welt zu machen, die unter einer Atombombe gelitten hat.“ Doch die globale Realität deutet derzeit in eine andere Richtung. Die Welt scheint derzeit atomar aufzurüsten.

Ein Bericht der Vereinten Nationen urteilte vor wenigen Tagen, dass Nordkorea bei der Verkleinerung von Atomwaffen und der Verbesserung von Raketen weiter Fortschritte macht. Und Peter Maurer, der Präsident des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes warnte, dass sich der Horror einer Atombombenexplosion vielleicht fern anfühle. „Aber heute ist das Risiko, das Atomwaffen eingesetzt werden, wieder hoch.“

Die neun bestehenden Atommächte besitzen laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri nicht nur etwa 13.400 Atomwaffen. Sie modernisieren ihre Arsenale auch oder entwickeln noch schlagkräftigere Sprengsätze und bessere Raketen. „Das ist ein Wettrüsten, und es ist beängstigend“, meint Maurer.

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    Gleichzeitig wächst die Gefahr, dass sich die Zahl der Atombombenbesitzer noch erhöht. Die nuklearen Ambitionen der Länder sind dabei nur das bekannteste Proliferationsrisiko. Weniger bekannt ist vor diesem Hintergrund Ostasien als Krisenherd.

    Mit Nordkoreas atomarer Aufrüstung, Chinas aggressiver Außenpolitik und der kritischen Einstellung von US-Präsident Donald Trump gegenüber Allianzen sehen Experten das Risiko, dass selbst die atomwaffenfreien ostasiatischen US-Verbündeten Südkorea und sogar Japan mit der nuklearen Aufrüstung beginnen könnten.

    Dabei gilt die Region mit ihren Territorialkonflikten, multilateralem Misstrauen, wachsenden Animositäten und fehlenden Diskussionsforen schon jetzt als ein Pulverfass.

    Diese Gründe könnten Südkorea und Japan zur Bombe greifen lassen

    Kim Duyeon, Expertin für Nordostasien und Atompolitik bei der Denkfabrik International Crisis Group kennt die Lage: Derzeit seien die Chancen für ein atomares Aufrüstungsdomino in Ostasien „ziemlich gering“, meint Kim. „Aber die Entwicklung hängt von den künftigen Fähigkeiten von Nordkorea und den Reaktionen der Nachbarn ab.“

    Am 6. August 1945 warfen die USA eine Atombombe auf das japanische Hiroshima. Quelle: dpa
    75. Jahrestag Hiroshima

    Am 6. August 1945 warfen die USA eine Atombombe auf das japanische Hiroshima.

    (Foto: dpa)

    Bisher haben Südkorea und Japan nicht mit rasanten Aufrüstungsprogrammen auf die unerwartet rasche Entwicklung von Nordkoreas Atom- und Raketenarsenal geantwortet. „Denn die USA sichern den beiden Ländern atomare Abschreckung gegen Angriffe zu“, erklärt Kim. Doch genau dies droht unter US-Präsident Trump zum Problem zu werden.

    Das System der atomaren Abschreckung höre sich einfach an, sei aber in der Realität sehr schwierig, meint Viping Narang, Sicherheitsexperte am amerikanischen Massachusetts Institute of Technology. „Denn die grundsätzliche Frage ist, wie man einen Gegner wie beispielsweise Nordkorea, aber gleichzeitig auch den Alliierten überzeugt, dass die USA Atomwaffen zur Verteidigung des Alliierten einsetzen werden.“

    In Sicherheitskreisen gilt daher die Formel, dass Abschreckung zu fünf Prozent aus dem militärischen Abschreckungspotenzial und zu 95 Prozent aus der Rückversicherung von Freund und Feind besteht. Bis zu US-Präsident Barack Obama ließen die USA daher auch keine Gelegenheit aus, ihre Bündnistreue zu wiederholen. Aber Trump stellt die amerikanischen Allianzen offen in Frage.

    Risikofaktor Trump

    Neben der Nato steht Südkorea weit oben auf seiner Liste der ungeliebten Allianzen. Dass Trump am liebsten die 28.500 in Südkorea stationierten US-Soldaten abziehen würde, ist kein Geheimnis. Doch genau dieses kleine Kontingent gilt als große Garantie dafür, dass die USA Südkorea im Falle eines Angriffs aus dem Norden auch wirklich verteidigen könnten.

    Trumps Militärs haben daher bisher eine Verkleinerung oder einen Abzug der Truppen bisher verhindern können. Aber verlören die Südkoreaner das Vertrauen in die USA oder rüstete Japan nuklear auf, könnte sich das bisher kleine Lager von Befürwortern einer atomaren Aufrüstung Südkoreas bis ins linke Lager vergrößern, warnt Expertin Kim.

    Selbst Japan, das als einziges Land Atomangriffe erleben musste, gilt nicht als 100-prozentig immun gegen das nukleare Virus. Bis heute gelten zwar die „drei nicht-nuklearen Prinzipien“, die das Parlament in den 1960er Jahren mit einer Resolution zur Grundlage der japanischen Militärdoktrin gemacht hat. Diese besagen, dass Japan Atomwaffen weder produzieren, noch besitzen oder ins Land lassen wird.

    Zudem ist eine riesige Mehrheit der Bevölkerung gegen starke Aufrüstung. Nicht einmal eine vorsichtige Revision des pazifistischen Artikels 9 der Verfassung findet bisher eine Mehrheit. Aber Experten sehen das Land dennoch als „latente Atommacht“ an, sagt Kim. Denn es mag der Wille zur atomaren Aufrüstung fehlen, nicht aber die technologischen Fähigkeiten.

    Zwischen Vorbereitung und Kampf gegen das Übel

    Der Grund ist simpel: Die Politik hat dem Land bisher immer eine Rückfallposition gesichert. So besitzt das Land genug Plutonium für tausende von Bomben. Denn als einziger atomwaffenfreier Staat hat Japan eine Plutoniumwirtschaft aufgebaut, eine noch nicht in Betrieb genommene Wiederaufbereitungsanlage inklusive.

    Offiziell begründet die Regierung dies damit, dass sie die Energiesicherheit des bisher fast vollständig von Energieimporten abhängigen Landes sichern will. „Aber einige Politiker argumentieren, dass Japan die technologischen Kapazitäten benötigt, um im Bedarfsfall Atomwaffen produzieren zu können“, berichtet Tatsujiro Suzuki von der Universität Nagasaki, der von 2010 bis 2014 stellvertretender Vorsitzender der japanischen Atomenergiekommission war und derzeit Co-Vorsitzender des Internationalen Rats für spaltbare Materialien ist.

    Zudem ist Japan auch in der Raketentechnik auf eine Kehrtwende vorbereitet. Als das Land nach dem Krieg mit der Entwicklung von Weltraumraketen begann, setzte es auch auf Flugkörper mit festem Brennstoff. Die waren zwar teurer und weniger leistungsfähig als die herkömmlichen Weltraumraketen mit flüssigem Treibstoff. Aber Japan entwickelt bis heute beide Technologien.

    „Es ist ein politisches Projekt“, erklärt der Weltraum- und Sicherheitsexperte Kazuto Suzuki von der Hokkaido University die Entscheidung. „Feststoffraketen sind extrem nützlich für militärische Zwecke.“

    Einige Politiker wollen daher das Knowhow im Land warmhalten. Und sie stehen damit nicht allein. Südkorea hat den USA nach jahrelangem Verhandeln die Erlaubnis abgerungen, endlich auch Feststoffraketen entwickeln zu dürfen – für die Weltraumfahrt versteht sich. Nagasakis Bürgermeister Taue ist sich dieser alten wie neuen Herausforderungen durchaus bewusst. Umso stärker versucht er, seine Friedensvision zu verbreiten.

    Als einen ersten Schritt schlägt er eine atomwaffenfreie Zone in Nordostasien vor, in der Nordkorea auf Atomwaffen und Südkorea wie Japan auf den atomaren Schutzschirm der USA verzichten.

    Er hat auch einen Vorschlag parat, wie dies umgesetzt werden könnte. „Eine vielversprechende Idee ist, dass China, die USA und Russland den drei atomwaffenfreien Ländern zusichern, sie nicht atomar anzugreifen.“ Doch 75 Jahre nach den Atombombenabwürfen auf Japan sieht es eher so aus, dass die Risiken neuer Hiroshimas und Nagasakis wieder wachsen.

    Mehr: Die USA und Russland haben aus dem nuklearen Feuer von Hiroshima vor 75 Jahren nichts gelernt. Die Rüstungskontrolle stockt, kommentiert Jan Dirk Herbermann.

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