Sierens Welt Skurrile Zensur

Ausländische Websites werden in China gesperrt, können aber doch geöffnet werden, weiß Frank Sieren.
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Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.
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Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Das blockierte Internet in China nervt. Die Regierung sperrt seit Jahren viele interessante, internationale Websites. Vergangene Woche erst kam die Nachrichtenagentur Reuters auf die Zensur-Liste. Manche ausländischen Beobachter halten die Webzensur für schlimmer als die Umweltverschmutzung. Denn während sich die Regierung um den Umweltschutz kümmert, zensiert sie immer mehr. Dennoch ist unter Chinesen der Umweltschutz ein viel größeres Thema als die Zensur ausländischer Medien. Und das aus gutem Grund. Denn trotz der Blockaden kann man fast überall in China jederzeit jede beliebige Website öffnen, um in Google & Co. herauszufinden, was Tibet-Aktivisten, uighurische Unabhängigkeitskämpfer oder taiwanesische Wissenschaftler schreiben. Und das gilt selbstverständlich auch für die BBC oder die "New York Times". Mit sogenannten "virtuellen, privaten Netzwerken" (VPN) kann man die Webseiten-Blockaden umgehen.

Meist genügt ein Tastendruck, um das VPN im Smartphone oder am Computer zu aktivieren und nach einigen Sekunden ist das Netz offen. Es ist allerdings deutlich langsamer. Viele VPNs sind kostenlos. Wenn sie etwas kosten, dann den Gegenwert von ein paar Bier im Monat. Jedem, der sich diese kleine Mühe macht, steht also die Webwelt offen. Nach westlichen Schätzungen benutzen 90 Millionen Chinesen VPN. Die meisten der 650 Millionen Internet-User interessieren sich also gar nicht so sehr für ausländische Informationen. Ein Phänomen, das wir auch aus anderen großen Ländern wie den USA kennen.

Es wäre technisch möglich, fast alle zu blockieren. Doch es ist offensichtlich politisch nicht gewünscht. Es ist vielmehr ein Katz-und-Maus-Spiel, in dem nie alle Mäuse gefangen werden. Anfang des Jahres blockierten die chinesischen Behörden unter anderem die VPN-Tunnel des Unternehmens Astrill. Kurze Zeit später hatte das Unternehmen eine Alternative gefunden. Im Arbeitsalltag ist das jedoch ärgerlich. Die Einschränkungen bedeuten langsameren Zugang.

Doch wie ist das eigentlich in Indien? Dort ist das Netz im Durchschnitt halb so schnell wie in China. Es lädt nach internationalen Messungen in China mit 3,8 Megabyte pro Sekunde, in Indien jedoch nur mit 2,0. Damit hat Indien im Durchschnitt das langsamste Internet Asiens. Die mobile Verbindungsgeschwindigkeit ist in China sogar mehr als dreimal so hoch wie in Indien. Man kann also als Faustregel sagen: In China ist das zensierte Internet genauso schnell wie das nicht zensierte in Indien. Die schnellsten Netze in Asien haben Südkorea, Japan und China in Hongkong mit Werten zwischen 25 und 15 Megabyte pro Sekunde. Der erschwerte Zugang zu internationalen Informationen ist ein generelles Problem der Schwellenländer.

Dennoch ist die Entwicklung in China besonders verrückt: Peking verlangsamt das Internet künstlich, allerdings ohne dass es der Regierung gelingt, ihr nicht genehme internationale Informationen verschwinden zu lassen. Das ist ein gigantischer Schildbürgerstreich. Dieser Unsinn ist das Ergebnis eines Machtspiels: Die Staatssicherheit kann sagen: "Wir zensieren." Die Reformer betonen: "Jeder kann alles öffnen." In Brüssel würde man sagen: ein ausgewogener Kompromiss.

Der Autor gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com

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