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Singapur Das Coronavirus in den Gastarbeiterheimen gerät außer Kontrolle

Singapur hatte die Coronavirus-Krise fast im Griff. Doch nun schockiert ein massiver Ausbruch in den Wohnheimen für ausländische Gastarbeiter den reichen Stadtstaat.
18.04.2020 - 10:31 Uhr Kommentieren
Mithilfe von strikter Quarantäne für Infizierte und Reisende aus dem Ausland konnte die Metropole die Viruskrise beinahe vollständig eindämmen. Quelle: dpa
Singapur

Mithilfe von strikter Quarantäne für Infizierte und Reisende aus dem Ausland konnte die Metropole die Viruskrise beinahe vollständig eindämmen.

(Foto: dpa)

Bangkok Singapur ist zwar eines der wohlhabendsten Länder der Welt, bei ihren Gastarbeitern sparen viele Unternehmen in dem Stadtstaat aber, wo es nur geht. In einem der Wohnheime im Nordosten der Metropole können Arbeitgeber für ihre Beschäftigten Unterkünfte zu Dumpingpreisen mieten: Knapp 200 Euro pro Monat kostet ein 48 Quadratmeter großes Zimmer, in dem auf Stockbetten zehn bis 18 Personen einquartiert werden.

Bei den Bewohnern handelt es sich meist um Zuwanderer aus Ländern wie Indien und Bangladesch. Insgesamt leben rund 200.000 ausländische Arbeiter in Singapur auf engstem Raum in den Billigwohnheimen.

Normalerweise schenkt die Finanzmetropole, die sich für ihre sauberen Straßen und glänzenden Wolkenkratzer rühmt, den Niedriglöhnern kaum Beachtung – obwohl sie als Bauarbeiter und Reinigungskräfte längst unverzichtbar geworden sind. Die Coronakrise bringt sie aber nun ins Zentrum der öffentlichen Debatte.

Grund ist ein massiver Virusausbruch in ihren Schlafsälen, der zunehmend außer Kontrolle gerät. Er weckt große Zweifel an Singapurs angeblichem Vorbildcharakter im Umgang mit der Pandemie – und wirft ein Schlaglicht darauf, wie der reiche Staat mit den Ärmsten in seiner Gesellschaft umgeht.

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    Lange schien Singapur die Lage im Griff zu haben: Mithilfe von strikter Quarantäne für Infizierte und Reisende aus dem Ausland konnte die Sechs-Millionen-Einwohner-Metropole die Viruskrise beinahe vollständig eindämmen.

    Doch seit Anfang des Monats ist die Zahl der Infektionsfälle rasant nach oben geschnellt: Am Freitag meldete das Gesundheitsministerium 623 neue Ansteckungen, am Samstag waren es bereits 942 – der tägliche Zuwachs hat sich damit binnen drei Wochen mehr als verzehnfacht.

    Fast alle neuen Fälle sind auf die Gastarbeiterwohnheime zurückzuführen, in denen sich das Virus zuletzt rasant ausbreitete. Kenner der Lebensverhältnisse dort sind alles andere als überrascht: Das allerseits eingeforderte Social Distancing ist in den beengten Räumen ein Ding der Unmöglichkeit. Deutlich mehr als die Hälfte der insgesamt rund 5000 Coronavirus-Fälle in Singapur entfällt nun auf die ausländischen Arbeiter.

    Den Anfang nahm die Infektionswelle in dem Wohnheim S11 Dormitory, in dem laut lokalen Medien rund 13.000 Menschen untergebracht sind. Die private Betreibergesellschaft wirbt auf ihrer Homepage damit, Singapurs billigste Arbeiterunterkünfte zu bieten.

    Der Preis spiegelte sich offenbar in der Qualität wider: Der Lokalzeitung „Straits Times“ berichteten Bewohner von Kakerlaken in den Zimmern und überlaufenden Toiletten.

    Coronakrise bringt Bedingungen in Wohnheimen auf politische Agenda

    Obwohl Nichtregierungsorganisationen schon seit Jahren die niedrigen Standards in den Heimen beklagen, brachte erst die Coronakrise das Thema in der politischen Agenda auf einen der vorderen Plätze. Singapur verhalte sich im Umgang mit seinen Gastarbeitern wie ein Dritte-Welt-Land, kritisierte Singapurs früherer Vertreter bei den Vereinten Nationen, Tommy Koh. „Die Wohnheime waren wie eine Zeitbombe, die nur darauf wartete, zu explodieren.“

    Arbeitsministerin Josephine Teo versprach, die Lebensverhältnisse in den Heimen zu verbessern. Sie beklagte aber den Widerstand der Wirtschaft: „Jedes Mal, wenn wir versuchen, die Standards zu erhöhen, gibt es einen Aufschrei der Arbeitgeber über die zusätzlichen Kosten“, schrieb sie in einem Facebook-Eintrag.

    „Ich hoffe, dass Covid-19 den Arbeitgebern und der breiten Öffentlichkeit nun vor Augen führt, dass höhere Standards in den Wohnheimen nicht nur richtig sind, sondern auch in unserem Eigeninteresse.“ Dafür sollten auch höhere Kosten in Kauf genommen werden, forderte Teo.

    Einstiegsgehälter für die insgesamt mehr als eine Million Gastarbeiter in Singapur liegen laut Zahlen von 2017 bei umgerechnet rund 400 Euro im Monat. Gemessen an dem allgemeinen Wohlstand in dem südostasiatischen Kleinstaat ist das äußerst wenig: Das Pro-Kopf-Einkommen in Singapur ist laut Weltbank um 35 Prozent höher als das in Deutschland.

    Die Regierung von Premierminister Lee Hsien Loong versucht nun mit allen Mitteln, den Virusausbruch in den Gastarbeiterheimen in den Griff zu bekommen. 7000 als essenziell eingestufte Arbeiter, die negativ auf das Virus getestet wurden, sind in den vergangenen Tagen in alternative Unterkünfte umgesiedelt worden.

    Gleichzeitig wurden 13 der insgesamt 43 Wohnheime zu Isolationszonen erklärt. Für die Bewohner bedeutet das, dass sie für 14 Tage ihre Zimmer nicht verlassen dürfen.

    Für Premier Lee und die Regierungspartei PAP, die seit 1959 an der Macht ist, kommt die Krise zur Unzeit. Medienberichten zufolge will die Regierung in den kommenden Wochen Neuwahlen ansetzen. Nun steht ihr Krisenmanagement zunehmend in der Kritik.

    Ho Ching, die Chefin der staatlichen Investmentholding Temasek und Frau des Premierministers, verteidigte Singapurs Vorgehen, zeigte aber auch Selbstkritik: „Wir alle haben die asymptomatische Ansteckung unterschätzt – nicht nur Singapur, sondern die ganze Welt“, schrieb sie am Freitagabend in einem Facebook-Post. Im Kampf gegen Covid-19 müsste es aber erwartet werden, dass es zu Fehlern komme und man stolpere. „Wir müssen jetzt aufstehen und weiterlaufen.“

    Die Organisation TWC2, die sich in Singapur für die Rechte von Gastarbeitern einsetzt, wirbt unterdessen für einen grundlegenden Neuanfang im Umgang mit Migranten. In einer Mitteilung forderte sie, die ausländischen Arbeiter künftig keinen Lebensverhältnissen mehr auszusetzen, die man nicht auch für sich selbst akzeptieren würde.

    Mehr: Corona bringt in den Schwellenländern die Armut zurück. Lesen Sie hier mehr.

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