Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Sinkende Einkommen Russen sparen bei Medikamenten und Lebensmitteln

Die sinkenden Realeinkommen zwingen die Russen zum Sparen. Vor allem bei Lebensmitteln und Medikamenten wird der Preis zum entscheidenden Faktor.
Kommentieren
19 Millionen Menschen leben unter der Armutsgrenze in Russland. Quelle: dpa
Russischer Supermarkt

19 Millionen Menschen leben unter der Armutsgrenze in Russland.

(Foto: dpa)

MoskauDie Umsetzung von Wladimir Putins Dekret ist in Gefahr: Der Kremlchef hatte nach seiner Wiederwahl im Vorjahr der Regierung befohlen, ein „stetiges Wachstum der Realeinkommen“ und die „Senkung der Armut auf die Hälfte“ zu gewährleisten. Damit sollte dann auch die Lebenserwartung der Bürger auf durchschnittlich 80 Jahre gesteigert werden.

Derzeit ist die Realität von diesen Zielen weit entfernt: Seit 2014 sinken die Realeinkommen der Bürger. Im ersten Quartal 2019 ging es laut der Statistikbehörde Rosstat noch einmal um 2,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr nach unten. Laut Experten wird diese Tendenz auch in den nächsten Monaten anhalten. Seit 2013 beträgt der Rückgang schon fast 13 Prozent.

Diese zunächst einmal sehr abstrakte Zahl hat reale Auswirkungen auf das Wohlergehen der Bürger. Die Mittelschicht, die sich noch vor wenigen Jahren anschickte, ihre neuen Konsummöglichkeiten auszukosten, Wohnungen und Luxusgüter zu kaufen, Auslandsurlaub machte oder daheim die Restaurants und Cafés bevölkerte, gleitet ab.

Das hat auch Auswirkungen auf Europa: Sicher bedauern nicht alle das Ausbleiben russischer Touristen. Das Hotel- und Gastronomiegewerbe beispielsweise in Österreich und auch in Deutschland vermisst die Skiurlauber, Shopping- oder Medizintouristen aber schmerzlich.

Doch die Russen haben derzeit andere Sorgen. Die Zahl der Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, hat nach der Krim- und Ukrainekrise mit erschreckend großer Geschwindigkeit wieder zugenommen: „19 Millionen Menschen leben so, wie sie nicht leben sollten“, musste im April Regierungschef Dmitri Medwedew vor der Duma einräumen.

Das sind drei Millionen Arme mehr als vor der Ukraine-Krise und – nicht zu vergessen – das sind die offiziellen Ziffern. Die Zahlenspielereien der dem Wirtschaftsministerium unterstellten Statistikbehörde rufen bereits seit geraumer Zeit Misstrauen unter Experten hervor.

Doch selbst sie zeigen ein düsteres Bild: Demnach können sich fast die Hälfte der Familien in Russland nur noch ihr Essen und Kleidung leisten. Für die Anschaffung von Gebrauchsgütern fehlt das Geld.

Russen haben kaum Ersparnisse

Einer Umfrage des Lewada-Zentrums zufolge hat nur ein Drittel der Russen überhaupt Ersparnisse, während die Moskauer Higher School of Economics herausgefunden hat, dass 90 Prozent dieser Ersparnisse von rund drei Prozent der Bevölkerung gehalten werden. Die Schere zwischen Arm und Reich geht damit immer weiter auseinander.

So sehr, dass inzwischen fast ein Viertel der Russen (24 Prozent) angibt, im vergangenen Jahr bei den Ausgaben für Lebensmittel gespart zu haben. Sie achten mehr auf den Preis als auf die Qualität. Der Anstieg der Lebensmittelpreise war einer der Haupttreiber der Inflation in den vergangenen Jahren – speziell 2014 und 2015. Die Entscheidung des Kremls, als Reaktion auf die westlichen Sanktionen ein Embargo gegen Lebensmittel aus den entsprechenden Ländern zu verhängen, war dafür hauptursächlich verantwortlich.

Leere Regale gibt es deswegen in Russlands Supermärkten nicht. Die ausländischen Waren wurden ersetzt durch einheimische. Die Hurra-Patrioten spotteten zugleich über Liberale, die nicht auf italienischen Parmesan und spanischen Jamon verzichten könnten.

Tatsächlich sind die Problemen jedoch viel tiefgreifender. So fehlt es in Russland an der nötigen Anzahl von Kühen, um beispielsweise ausreichend Milch und Käse herstellen zu können. Die billigsten Käsesorten im Regal sind daher mit Palmöl gemischt.

Palmöl-Import um fast 20 Prozent gestiegen

Während einer seiner TV-Fragestunden beruhigte Putin im vergangenen Jahr einen Bauern, der eine entsprechende Etikettierung verlangte mit den Worten: „So schädlich ist Palmöl nun auch wieder nicht.“ Die Weltgesundheitsorganisation sieht das anders, doch trotz deren Warnungen hat Russland im vergangenen Jahr den Import von Palmöl um fast 20 Prozent erhöht. Wohl erzwungenermaßen, denn nur so können die Lebensmittelpreise für die ärmeren Bevölkerungsschichten stabil gehalten werden.

Und noch eine Tendenz ist Besorgnis erregend: Auch bei den Medikamenten beginnen die Russen mehr und mehr zu sparen. Haben vor einem Jahr nur ein Prozent der Befragten angegeben, die Ausgaben für Medikamente gekürzt zu haben, so sind es inzwischen sieben Prozent. Noch handelt es sich um Minderheiten, doch die Zahl derjenigen, denen der Rückgang des Lebensstandards zu schaffen macht, steigt. Und es sind beileibe nicht die Parmesan- und Jamon-Liebhaber.

Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte daher, die russische Führung sei beunruhigt über die Meldungen über die sinkenden Realeinkommen. Die Tendenz werde aufmerksam beobachtet, sagte er, versicherte aber zugleich, die Regierung wisse genau, was zu tun sei, „um die Lage zu verbessern“. Doch es sind mehr als schöne Worte und Versprechen nötig, um den Trend zu stoppen. Der Sparzwang wird sicher nicht zur von Putin versprochenen Steigerung der Lebenserwartung beitragen.

Mehr: Wie eine russische Discounter-Kette Aldi und Lidl Konkurrenz machen will, lesen Sie hier.

Brexit 2019
Startseite

Mehr zu: Sinkende Einkommen - Russen sparen bei Medikamenten und Lebensmitteln

0 Kommentare zu "Sinkende Einkommen: Russen sparen bei Medikamenten und Lebensmitteln"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote