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Sonderweg beim Klimaschutz Warum Japan ausgerechnet auf Wasserstoff aus Braunkohle setzt

Um das Klima zu schützen, setzt Japan im großen Stil auf Wasserstoff. Das Gas soll aber mit Braunkohle produziert werden. Kann das gut gehen?
09.12.2020 - 10:45 Uhr 1 Kommentar
Japan will zu einem Vorreiter bei der Nutzung von Wasserstofftechnologie werden. Quelle: Bloomberg via Getty Images
Wasserstoffterminal im japanischen Kobe

Japan will zu einem Vorreiter bei der Nutzung von Wasserstofftechnologie werden.

(Foto: Bloomberg via Getty Images)

Tokio Der ganze Stolz von Motohito Nishimura steht im Hafen von Kobe. Es ist ein runder, extrem isolierter Tank, der gleich neben einem Terminal für Tanker auf dem Pier steht. An diesem Ort will Japan als erstes Land der Welt eine kommerzielle Lieferkette für Wasserstoff in Betrieb nehmen. „Hier werden wir flüssigen Wasserstoff aus Australien importieren“, sagt Nishimura, der beim japanischen Schwerindustriekonzern Kawasaki Heavy für den Aufbau einer Wasserstofflieferkette zuständig ist.

Noch ist Japan der fünftgrößte Luftverschmutzer der Welt. Doch mit der Wasserstoffwirtschaft wollen die Japaner die Emissionen drastisch senken. Dabei geht das Land einen Sonderweg: Deutschland und andere Länder setzen vor allem auf sogenannten „grünen Wasserstoff“, der aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Japan setzt in seinem ersten Großprojekt dagegen auf Wasserstoff, der aus australischer Braunkohle produziert wird.

Das flüchtige Gas wird dazu an seiner Produktionsstätte auf minus 253 Grad Celsius herabgekühlt, um große Mengen auf einmal verschiffen zu können.

Der Wasserstoffterminal von Kobe spielt deshalb eine Schlüsselrolle in Japans nationaler Wasserstoffstrategie. Seit dem Jahr 2017 versuchen Regierung und Wirtschaft, so schnell wie möglich einen globalen Massenmarkt für Wasserstoff aufzubauen, um die Klimawende zu schaffen. Damals war Japan ein Pionier. Inzwischen haben nicht nur China, sondern auch Deutschland den Wasserstoff wiederentdeckt.

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    Das Gas gilt als leicht speicherbar und gut zu transportieren. Wasserstoff könnte damit als Energiespeicher und Brennstofflieferant für Branchen dienen, die sich nur schwer von fossilen Brennstoffen trennen können – also für die Luftfahrt, Reedereien oder die Stahlindustrie.

    Kawasaki Heavy ist in Japan nun dafür verantwortlich, dass der Start in die neue Ära glückt. Der Großkonzern hat nicht nur den Wasserstoffterminal gebaut und ist in Australien mit dabei. Auch der erste Wasserstofftanker „Suiso Frontier“ ist einer Werft der Japaner vom Stapel gelaufen.

    So will Japan vom Klimasünder zum Musterschüler werden

    Der Druck auf den Ingenieur Nishimura und sein Team ist noch einmal gestiegen: Japans Ministerpräsident Yoshihide Suga hat vergangenen Monat angekündigt, dass nach der Europäischen Union nun auch Japan bis 2050 klimaneutral wirtschaften will.

    Das ist ein riesiger Sprung: Bisher hatte die Regierung nur vage versprochen, bis dahin die Treibhausgasemissionen um 80 Prozent zu reduzieren. Nishimura sieht daher viel Arbeit auf sich zukommen. „Das wird sich auf das Projekt sehr positiv auswirken.“

    Denn ohne die massive Nutzung von Wasserstoff werde dieser Plan nicht funktionieren, glaubt Nishimura.

    Dabei geht Japan aber einen Sonderweg zur Wasserstoffwirtschaft, der nicht nur bei Umweltschützern auf große Kritik stößt. Statt den Wasserstoff aus erneuerbaren Energien zu gewinnen, soll Braunkohle aus dem Latrobe Valley in Australien in Wasserstoff verwandelt werden.
    Das Kohlendioxid, das in dem Prozess entsteht, wollen die Projektpartner einfangen und in den Meeresboden drücken. Mit der sogenannten Carbon-Capture-and-Storage-Technik (CCS) soll der aus fossilen Brennstoffen gewonnene „graue“ Wasserstoff in klimaneutralen „blauen“ Wasserstoff verwandelt werden.

    Umstrittene Strategie

    Auch in Japan ist diese Strategie umstritten. „Wir stehen dieser Idee sehr skeptisch gegenüber“, sagt Mika Ohbayashi, Direktorin am Renewable Energy Institute (REI). Die Europäische Union presche bei der Produktion von „grünem“ Wasserstoff und Strom aus erneuerbaren Quellen voran, warnt Ohbayashi die japanische Regierung. Japan plant dagegen bei der Stromerzeugung bis 2030 nur einen Anteil von 22 bis 24 Prozent aus Wasser-, Wind- und Sonnenkraft ein.

    Für Ohbayashi führt der japanische Weg in die Klimakatastrophe. Denn die Emissionen müssen laut Klimaexperten bereits in den kommenden zehn Jahren massiv sinken, wenn die Menschheit die Erderwärmung auf 1,5 Grad beschränken will.

    Aber die japanische Regierung kalkuliert anders. Auch sie will eines Tages den klimafreundlichen grünen Wasserstoff verwenden. So könnte Saudi-Arabien den Plänen zufolge Wasserstoff aus Sonnenstrom liefern, Südamerika aus Wind- und Nordamerika aus Wasserkraft. Aber die Regierung will mit dem blauen Wasserstoff einen globalen Markt aufbauen, um dann später grünen Wasserstoff einzusetzen

    Dabei vertrauen die Japaner auf Profite als Investitionsanreiz. Die Logik: Je früher es einen profitablen, großen Wasserstoffmarkt gibt, desto mehr Geld wird in neue Technologien fließen.

    Zudem soll der blaue Wasserstoff zunächst günstiger sein. Nishimura beispielsweise geht davon aus, dass die Elektrolyse von Wasser mit Solar- oder Windstrom bis 2050 teurer bleiben wird als die Wasserstoffherstellung aus fossilen Quellen mit anschließender CCS.


    Grafik

    Dass Japan auf blauen Wasserstoff setzt, soll auch für mehr Liefersicherheit sorgen. Laut der japanischen Wirtschaftszeitung „Nikkei“ plant die Regierung in einer Revision ihrer Energiestrategie, bis 2030 zehn Millionen Tonnen Wasserstoff auch für die Stromerzeugung einzusetzen. Das wären immerhin zehn Prozent der Stromnachfrage. Diese Nachricht wurde allerdings noch nicht offiziell bestätigt.

    Fest steht aber, dass Japans Regierungschef Suga beim Thema Wasserstoff Tempo macht: Am Dienstag verabschiedete sein Kabinett das dritte Corona-Hilfspaket. Doch mit dem will er nicht nur die Wirtschaft in der Krise stützen, sondern gleichzeitig Japans Weg zur Technologieführerschaft in der Wasserstoffwirtschaft ebnen.

    Teil des Pakets ist ein umgerechnet 16 Milliarden Euro großer Fonds, aus dem die Entwicklung neuer Technologien finanziert werden soll. Dabei erwähnte Suga vorige Woche ausdrücklich wasserstoffbetriebene Flugzeuge und Frachtschiffe, kostengünstige Akkus zur Unterstützung erneuerbarer Energien und für Elektroautos sowie Technologien für das Kohlenstoffrecycling.

    Die Wirtschaft unterstützt die Pläne

    Japanische Unternehmen treiben das Thema schon länger voran. Die Autobauer Toyota und Honda verkaufen bereits seit Jahren Brennstoffzellenautos und bilden Industriekonsortien für Wasserstoff. Am Montag folgte dann ein großer Wurf: 88 japanische Großkonzerne, darunter Toyota und die drei globalen Megabanken des Landes, gründeten die Japanische Wasserstoffvereinigung JH2A.

    Gemeinsam wollen die Partner daheim und im Ausland die Entwicklung einer Wasserstoffinfrastruktur und neue Technologien finanzieren. Takeshi Kunibe, der Verwaltungsratsvorsitzende der Finanzgruppe Sumitomo-Mitsui, begründete die Idee: „Um eine Wasserstoffgesellschaft zu verwirklichen, braucht es viel Kapital aus vielen Quellen.“

    Doch der Weg zur Wasserstoffwirtschaft ist für Japan noch weit: Neue Technologien müssten entwickelt, Hunderte von Tankern gebaut werden, für die es noch nicht einmal globale Sicherheitsstandards gibt, erklärt Ingenieur Nishimura. „Offen gesagt ist der Zeitplan sehr schwer zu erfüllen.“

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    1 Kommentar zu "Sonderweg beim Klimaschutz: Warum Japan ausgerechnet auf Wasserstoff aus Braunkohle setzt"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Wie war das gleich? Deutschland nimmt seine Kohlekraftwerke außer Betrieb.CCS wird ideologisch begründet abgelehnt. Norwegen hat sich wiederholt angeboten. Grüner Wasserstoff wird auf unabsehbare Zeit sehr teuer und subventionsbedürftig bleiben. Das Land der Weltverbesserer und Klimaträumer...Langsam werden meine Zweifel größer, ob wir uns nicht schon bald alle in einem Museum des ehemalig deutschen Wohlstandes wieder finden...

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