Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Soziale Faktoren als BIP-Ergänzung Mehr als nur Geldverdienen: Wie Ökonomen den Wohlstand neu berechnen wollen

Ökonomen wollen mit neuen Indizes Regierungen dazu bewegen, nicht nur auf das BIP und Umweltdaten zu achten. Zwei neue Indikatoren sollen diese ergänzen. Wie Deutschland abschneidet.
20.02.2020 - 00:01 Uhr Kommentieren
Auch die Umwelt hat einen Einfluss auf das Wohlbefinden. Quelle: Moment/Getty Images
Familie

Auch die Umwelt hat einen Einfluss auf das Wohlbefinden.

(Foto: Moment/Getty Images)

Berlin Abgehängt zu sein, ist nicht nur ein Gefühl. Es hat zumeist eine sehr reale Basis. Davon ist der Ökonom Dennis Snower überzeugt. „Nach der Finanzkrise sind die legitimen Bedürfnisse nach sozialer Einbindung und individueller Gestaltungsmacht von der Politik sträflich vernachlässigt worden“, sagte er dem Handelsblatt.

Snower, bis Ende Februar 2019 Präsident des IfW in Kiel und wissenschaftlicher Berater von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) für die G20- und G7-Gipfel, will Regierungen helfen, das zu ändern. Gemeinsam mit der IfW-Forscherin Katharina Lima de Miranda will er dafür Kategorien wie „individuelle Handlungsfähigkeit“ und „soziale Solidarität“ messbar machen. Diese Indikatoren seien genauso wichtig für die Wohlstandsentwicklung wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Umweltindikatoren, ist Snower überzeugt.

An diesem Donnerstag stellt die von Snower geleitete Forschergruppe „Global Solutions Initiative“ die neuen Indizes für „Handlungsfähigkeit“ und „Soziale Solidarität“ vor, als Ergänzung zum BIP und dem Umwelt-Index EPI. Einmal im Jahr sollen die beiden neuen Indizes künftig aktualisiert werden. „Gerade Ökonomen haben Wohlseins-Kategorien Handlungsfähigkeit und soziale Solidarität bisher viel zu wenig beachtet“, meint Snower.

Diese Blindheit habe Konsequenzen für die Wohlstandsentwicklung. „Wenn in einer Gesellschaft viele Menschen ängstlich sind und einen Kontrollverlust über ihr Leben fürchten, dann wird die Gesellschaft anfällig für Populisten“, sagt Snower. Denn Populisten setzten genau da an, „die Menschen darin zu bestärken, dass sie keine Stimme hätten, und von Eliten nicht beachtet würden.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Der Wahlsieg von Donald Trump, der besonders in abgestiegenen Industrieregionen gut abschnitt, und das Brexit-Votum der Briten im Jahr 2016 führt Snower auch darauf zurück, dass in beiden Staaten der Index für soziale Solidarität seit 2013 besonders stark zurückgegangen ist.

    In beiden Staaten war zudem der Index für „Befähigung“ seit der Finanzkrise gesunken und blieb auch, trotz leichter Erholung ab 2015, hinter der Wachstumsrate des BIP zurück. Obwohl in beiden Ländern der materielle Reichtum nach der Finanzkrisen-Rezession 2009 sehr stark zunahm, fühlten sich daher laut Snower viele Menschen in diesen beiden Ländern zurecht abgehängt vom Wohlstandswachstum.

    Die Gelbwesten-Proteste in Frankreich, ausgelöst durch eine CO2-Steuer, oder Proteste in Chile nach einer Preiserhöhung im öffentlichen Nahverkehr, hängen laut Snower ebenfalls mit der in beiden Ländern gewachsenen Sorge zusammen, keinen Einfluss mehr auf die eigene Lebensgestaltung zu haben.

    „Der Mensch braucht zusätzlich zu materiellem Wohlstand und einer intakten Umwelt auch die Befähigung, sein Leben selbst zu gestalten, und außerdem ein soziales Netz aus Familie und Freunden“, sagte Snower.  

    Ihre neuen Indizes formten die beiden Forscher aus vorhandenen internationalen Daten. Für „soziale Solidarität“ nutzten sie die Ergebnisse des „CAF“-Index: Dieser misst in verschiedenen Ländern die Bereitschaft, einem Fremden zu helfen, Geld zu spenden und gemeinnützige Arbeit zu verrichten. Hinzu nahmen sie den WVS-Vertrauens-Index sowie OECD-Daten über die Bedeutung von Familie und Freunden in einer Gesellschaft.

    Der Index „Handlungsfähigkeit“ wiederum setzt sich aus diversen internationalen Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Lebenserwartungs-Daten zusammen. Snower und Lima de Miranda haben ihre beiden Indizes für 35 Industriestaaten berechnet.

    Erfolg der AfD noch nicht geklärt

    „Deutschland schneidet gut ab bei der Befähigung der Menschen, ihr Leben zu gestalten, und auch in der sozialen Solidarität sind wir gar nicht schlecht“, sagte Snower. Wieso dann in Deutschland die rechtspopulistische AfD große Wahlerfolge feiert, kann er sich nicht erklären. „Wir haben noch nicht untersucht, ob es da Unterschiede in den alten und den neuen Bundesländern gibt“, sagte er. Dies sei einer der nächsten Schritte des Forschungsprojekts.   

    Indizes für 35 Industriestaaten berechnet. Quelle: Johannes Arlt/laif
    Dennis J. Snower

    Indizes für 35 Industriestaaten berechnet.

    (Foto: Johannes Arlt/laif)

    Zusammen mit dem BIP und dem Umweltindex EPI sollen die Indizes für Handlungsfähigkeit und Solidarität Regierungen als „Armaturenbrett“ für die Steuerung ihrer Wirtschaftspolitik dienen. „Wir setzen darauf, dass die G20-Staaten, die wir in der Global Solutions Initiative beraten, unsere beiden neuen Messgrößen in ihre Analysen aufnehmen“, so Snower.

    Die Forscher führen die vier Indizes bewusst nicht zu einem einzigen Index zusammen: Das führe nur zu Verzerrungen. Auch in Autos und Flugzeugen zeigten die Armaturenbretter schließlich verschiedene Indikatoren an, zum Beispiel Geschwindigkeit und Tankfüllung, bei denen ja auch niemand auf die Idee käme, sie zu vermischen. „Wer nur aufs BIP schaut, wird blind für andere Maße und übersieht, wo sich in der Gesellschaft Fehlentwicklungen abzeichnen“, so Snower.

    „Bisherige Initiativen, das BIP als Messgröße für den Wohlstand zu ergänzen, waren nicht sehr erfolgreich“; meint Snower. Den Versuch der Enquete-Kommission des Bundestages von 2013 etwa, das BIP zu erweitern, nennt er „irrsinnig langweilig“, weil man sich nicht traute, sich vom BIP zu lösen. Die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen wiederum würden Ziele und Instrumente vermischen. „Sie sind unübersichtlich und damit eine Einladung an Regierungen, sich nur die Ziele herauszupicken, in denen sie erfolgreich sind“, sagte Snower.

    Die beiden Forscher sind überzeugt, dass eine gleichmäßige Entwicklung in allen vier Kategorien am ehesten für eine nachhaltige Zunahme des Wohlstands und des Wohlbefindens führe. In den letzten Jahrzehnten hätten sich Wirtschaft und Soziales zu sehr entkoppelt; sie müssten wieder zusammengeführt werden. Für ihre Studie wählten die Forscher deshalb die englische Überschrift „Recoupling Economic and Social Progress“.

    Bisher weichen die Rangplätze der Industriestaaten in den vier Kategorien vor allem in den reichsten Ländern stark voneinander ab. Deutschland etwa liegt bei BIP auf Platz 15 der 35 Länder, bei Handlungsfähigkeit auf Platz zwei hinter der Schweiz, bei sozialer Solidarität auf Platz 12, und bei der Umwelt auf Platz 22. Die größte soziale Fairness herrscht demnach in Neuseeland; Umweltsieger wurde Finnland. Beim BIP pro Kopf führt Luxemburg.

    Mehr: Der neue Versuch, Wirtschaft und Soziales mit neuen Indizes zu versöhnen, könnte funktionieren – denn er nimmt dem BIP nicht seine Bedeutung. Ein Kommentar.

    Startseite
    Mehr zu: Soziale Faktoren als BIP-Ergänzung - Mehr als nur Geldverdienen: Wie Ökonomen den Wohlstand neu berechnen wollen
    0 Kommentare zu "Soziale Faktoren als BIP-Ergänzung: Mehr als nur Geldverdienen: Wie Ökonomen den Wohlstand neu berechnen wollen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%