Soziale Ungleichheit Weltbank warnt vor sozialer Zerreißprobe in Europa durch die digitale Arbeitswelt

Die Digitalisierung der Arbeitswelt führt dazu, dass Europäer sich oft nur unzureichend abgesichert fühlen. Forscher der Weltbank fordern zum Handeln auf.
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Weltbank fordert bessere soziale Absicherung in Europa Quelle: dpa
Weltbank

Die Organisation aus Washington warnt vor den Folgen der Digitalisierung.

(Foto: dpa)

BerlinDie Sozialpolitik in Europa ist unzureichend auf den digitalen Wandel der Arbeitswelt vorbereitet und muss den modernen Beschäftigungsverhältnissen angepasst werden. Das fordert die Weltbank in einer neuen Studie, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

„Die Arbeitsmarktpolitik, die Besteuerung und die soziale Absicherung in der EU müssen verbessert werden, um gefährdete Arbeitnehmer besser zu schützen und der steigenden Ungleichheit entgegenzuwirken“, heißt es in dem Report. Ausdrücklich wenden sich die Autoren gegen „populistische Schnellschüsse“ wie etwa die Blockade neuer Technologien oder eine protektionistische Handelspolitik.

Obwohl Europa zu den Weltregionen gehört, wo Einkommen am wenigsten ungleich verteilt sind, konstatieren die Weltbank-Ökonomen, dass immer mehr Bürger gegen die ihrer Meinung nach ungerechte Verteilung von Einkommen und Lebenschancen aufbegehren.
Die Studie erklärt diesen Widerspruch damit, dass traditionelle Maßstäbe für Ungleichheit die sozialen Verzerrungen nicht mehr ausreichend abbilden. Statt wie der sogenannte Gini-Koeffizient sein Augenmerk allein auf die Einkommensverteilung für Individuen und Haushalte zu richten, komme es auf die wachsenden sozialen Spannungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen an.

Ein Fahrer für die Mobilitätsplattform Uber erhalte zwar Einkommen, aber meist nicht die soziale Absicherung einer traditionellen Vollzeitbeschäftigung, schreiben die Autoren. Zudem hat die Weltbank festgestellt, dass insbesondere junge Arbeitnehmer zwischen 15 und 24 Jahren befristete, schlecht bezahlte Jobs haben. In den Niederlanden und Frankreich ist davon die Hälfte aller Arbeitnehmer dieser Altersgruppe betroffen. „Den Jungen geht es oft schlechter als ihren Eltern“, sagt Hans Timmer, Chefökonom der Weltbank für Europa und Zentralasien.

Zugleich seien die Lebenshaltungskosten derart gestiegen, dass immer mehr Arbeitnehmer an der Armutsgrenze leben müssten. „In einigen EU-Staaten hat sich das tägliche Mindesteinkommen, das notwendig ist, um oberhalb der Armutsgrenze zu leben, verdoppelt“, heißt es in dem Report.

Das führt nach Meinung der Autoren dazu, dass viele EU-Bürger sich in einer Armutsfalle gefangen fühlten, ohne Aussicht auf einen sozialen Aufstieg. Bestätigt werden die Weltbank-Ergebnisse durch eine neue Studie des Wissenschaftszentrums Berlin, über die „Spiegel Online“ berichtet. Demnach arbeiten hierzulande rund vier Millionen Menschen unter prekären Umständen.

Timmer sieht in Deutschland die gleichen Kräfte der digitalen Revolution am Werk wie anderswo: „Auch hier gibt es einen eindeutigen Trend zu Arbeitsverträgen, die vom bisherigen Standard abweichen. Und auch hier ist die Mittelschicht davon besonders bedroht“, sagt der Weltbank-Ökonom. Zudem kritisiert Timmer, dass die Besteuerung oft regressiv wirkt und somit die Ungleichheit noch verstärkt.

Die Armut in Europa geht meist mit einer schlechten Ausbildung einher und ist regional sehr ungleich verteilt. Das führt nach Angaben der Weltbank dazu, dass auch die Chancen und Früchte der Digitalisierung regional stark schwanken. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam kürzlich eine Untersuchung der OECD.

Die Autoren schlagen drei Maßnahmen vor, um die sozialen Spannungen durch die Digitalisierung der Arbeitswelt zu mindern: Die Flexibilität der Arbeitsmärkte müsse mit einer universellen Grundsicherung für alle Beschäftigungsverhältnisse Hand in Hand gehen. Mehr Chancengleichheit lasse sich nur erreichen, wenn jeder sich die digitalen Fertigkeiten für die Arbeitswelt aneignen könne. Zur Finanzierung fordern die Autoren, Kapitaleinkommen und Spitzenverdiener höher zu besteuern.

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