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Spanien im Alarmzustand Ausgangssperre wegen Coronavirus – Gespräche von Fenster zu Fenster

Am ersten Tag der Ausgangssperre bleiben die Straßen von Madrid nahezu leer. Wer gegen die Sperre verstößt, dem droht bis zu einem Jahr Gefängnis.
15.03.2020 - 19:37 Uhr Kommentieren
In Madrid gilt eine Ausgangssperre, auf der Prachtstraße im Zentrum der Hauptstadt ist kaum etwas los. Quelle: AFP
Leere Gran Vía in Madrid

In Madrid gilt eine Ausgangssperre, auf der Prachtstraße im Zentrum der Hauptstadt ist kaum etwas los.

(Foto: AFP)

Wie eine riesige Versuchung strahlte die Frühlingssonne in Madrid am Sonntag vom Himmel. Genießen durften die Spanier sie allerdings nicht – weder in der Hauptstadt noch anderswo.

Am Abend zuvor hatte der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez im ganzen Land den Alarmzustand ausgerufen und eine Ausgangssperre verhängt, um die explosionsartige Ausbreitung der Corona-Infektionen im Land einzudämmen. Das Land hat nach Italien die meisten Infizierten.

Ebenso wie die Italiener dürfen seit Sonntag auch die Spanier ihre Wohnungen nur noch verlassen, um Lebensmittel oder Dinge des täglichen Bedarfs zu kaufen oder zur Arbeit zu gehen. Sämtliche Restaurants, Bars und sonstige Läden bleiben geschlossen – zunächst für zwei Wochen.

Erst im Laufe des Sonntags wurde bekannt, dass drastische Strafen drohen, wenn man sich der Sperre widersetzt: Sie reichen von 100 Euro Geldstrafe bis zu einem Jahr Gefängnis. Die spanische Polizei überwacht die Einhaltung der neuen Vorschriften. Zudem hat Sánchez auch 350 Militärs der Notfalleinheit mobilisiert. Am Sonntag war davon aber noch nichts zu sehen.

Harter Einschnitt für die Ausgehnation

An Tag eins des Ausgehverbots widerstanden die meisten Spanier der sonnigen Versuchung auch so: Das Zentrum der spanischen Hauptstadt war nahezu menschenleer. Die wenigen Passanten trugen meist Mundschutz und Plastikhandschuhe, viele hielten Supermarkt-Tüten in der Hand.

Mehrere Madrilenen lehnten in ihren geöffneten Fenstern, blickten ratlos oder vielleicht auch gelangweilt auf die Straße. Andere suchten Kontakt: An der sonst stark befahrenen Straße St. Engracia im Zentrum Madrid kommt ein junger Mann in Jeans und mit nacktem Oberkörper auf seinen kleinen Balkon, guckt sich kurz um und ruft dann quer über den vierspurigen Asphalt: „Hey du – na, wie geht es?“ Gemeint ist ein bärtiger Mittzwanziger, der in der Häuserzeile gegenüber am offenen Fenster lehnt. Er ruft nur achselzuckend zurück: „Schöner Mist.“

200 Meter weiter halten Kinder es genauso: „Hola! Hola!“ rufen sie aus dem Fenster freudig einer Familie zu, die im Haus gegenüber mit ihrem Nachwuchs auf dem Balkon steht.

Für die Spanier ist eine Ausgangssperre ein besonders harter Einschnitt  – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell. Kaum eine andere Nation ist so ausgehfreudig: Spanien gehört zu den Ländern, in denen es weltweit die meisten Bars pro Einwohner gibt. An den Tresen der Hauptstadt trifft man sich entweder morgens auf einen „cafecito“ oder abends zum aperitivo, zu Tapas oder zum kleinen Bier, der „caña“ – also eigentlich zu jeder Tageszeit.

Sánchez forderte von den Spaniern in einer Ansprache am Samstagabend Solidarität mit den Alten und Schwachen, die besonders unter dem Virus leiden. Jeder Einzelne müsse jetzt an die ganze Gesellschaft denken. „Zusammen werden wir das Virus besiegen“, beschwor er seine Landsleute.

Applaus für Mediziner und Pfleger

Einige Hauptstädter hatten in den Tagen zuvor die Warnungen vor der Pandemie nicht ernst genommen und waren in ihre Ferienhäuser am Meer gefahren, nachdem die Regionalregierung von Madrid am Mittwoch Kindergärten, Schulen und Universitäten geschlossen und Sánchez die Spanier zur Telearbeit aufgefordert hatte.

Die Region Murcia stellte daraufhin aus Angst vor einer Übertragung des Virus ihre Küstenorte unter Quarantäne – Madrid ist die Region, die am stärksten von dem Corona-Ausbruch betroffen ist. Rund die Hälfte aller Infizierten lebt dort.

In Spanien steigt die Zahl der Ansteckungen derzeit stärker als in den meisten anderen Ländern. In den vergangenen 48 Stunden haben sich die Infektionen fast verdoppelt und sind von 4231 auf 7753 Fälle hochgeschnellt, 288 Menschen sind bereits gestorben.

In einigen Klinken werden bereits jetzt Mundschutz, Beatmungsgeräte und Betten auf der Intensivstation knapp. Mediziner und Pfleger arbeiten unter enormem Druck, um den immer zahlreicheren Corona-Patienten zu helfen.

Um sie zumindest mental zu unterstützen, öffneten sich am Samstagabend um Punkt 22 Uhr Millionen von Fenstern und Balkontüren im ganzen Land. Minutenlang spendeten die Bewohner Applaus für die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger. Es war ein eindrucksvoller Beweis von Solidarität, jenseits von Polizei- und Militärkontrollen.

Mehr: Spanien braucht in der Coronakrise Hilfe aus Europa

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