Spaniens Kreditklemme „No tengo dinero“

Der 80er-Jahre-Hit „No Tengo Dinero“ – ich habe kein Geld – wird für Spaniens Mittelstand heute schmerzlich wahr. Unternehmer kommen kaum an Kredite. Für viele steht die Existenz auf dem Spiel. Ein Stimmungsbericht.
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Spanien ist noch immer ein Krisenland. Das merkt man auch an den Krediten, die die Banken fast gar nicht mehr vergeben. Quelle: dpa

Spanien ist noch immer ein Krisenland. Das merkt man auch an den Krediten, die die Banken fast gar nicht mehr vergeben.

(Foto: dpa)

MadridMiguel Angel Blanco hat resigniert. „Man gewöhnt sich daran, im Dschungel spazieren zu gehen und sich vor den Schlangen zu schützen“, sagt der Buchhändler und Präsident des spanischen Verbands der Selbstständigen, der wiederum zum Verband für kleine und mittelständische Unternehmen, „Copyme“, gehört.

Den Dschungel, damit meint er die Wirtschaftskrise, oder besser gesagt das dringendste Problem in dieser Krise für Kleinunternehmer: den Mangel an Finanzierung. Die Schlangen, das könnten nach dieser Lesart die Banken sein.

Miguel Angel erlebt seit Beginn der Krise am eigenen Leib, woran praktisch alle Kleinunternehmer des Landes leiden: Die Banken streichen Kreditlinien, geben nicht einmal mehr Kontokorrentkredite oder Revolving Kredite.

Das sind Darlehen, die die in jeder Firma auftauchenden Lücken zwischen einem Auftrag und dessen Bezahlung oder zwischen einer Anschaffung und dem nächsten Zahlungseingang überbrücken helfen. Diese Kredite sichern also die Liquidität. Aber auch die fehlen: „Wir reden hier nicht über Kredite für Neuinvestitionen, daran ist sowieso nicht zu denken, nein, die Banken garantieren nicht einmal mehr die Liquidität der Firmen“, sagt Miguel Angel.

Seine Familie hat schon seit den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen Buchladen und einen Schreibwarenladen in Madrid, die Miguel Angel heute zusammen mit zwei Familienmitgliedern – wie er selbstständig – sowie einem Angestellten führt. Vor der Krise hatte er eine Kreditlinie über 30.000 Euro bei der spanischen Banco Sabadell, die er bei Bedarf in Anspruch nehmen konnte. „Die wird mir nun Jahr für Jahr gekürzt, inzwischen sind es nur noch 15.000 Euro.“

Schlimmer noch, der Kredit ist um ein Vielfaches teurer geworden. Miguel Angel zahlt einmal einen fixen Zins für die Kreditlinie. Dieser Zins ist relativ niedrig – so niedrig, dass er die genaue Prozentzahl gerade nicht im Kopf hat. Sehr genau weiß er hingegen, was er jedes Mal zahlen muss, wenn er die Kreditlinie in Anspruch nimmt: exorbitante 11,2 Prozent Zins. Das ist rund das Dreifache dessen, was er vor der Krise zahlte. Damit geht es dem Buchhändler aber noch besser als den meisten seiner Kollegen bei Copyme.

Er hat immerhin überhaupt noch eine Kreditlinie, und er musste keine persönliche Garantie dafür beibringen. „Wenn ich die Bank wechseln würde, müsste ich persönliche Garantien leisten“, sagt er. „Ich bekomme nur so gute Konditionen bei der Sabadell, weil ich schon sehr lange bei der Bank bin und dort alles habe, meine Hypothek, mein Konto, alles, die kennen mich in und auswendig.“

„Die Furcht der Banken, dass die ohnehin in der Wirtschaftskrise schnell steigenden Kreditausfallraten noch weiter in die Höhe zu treiben, nimmt schon absurde Formen an“, berichtet der Buchhändler. „Als ich kürzlich einen Online-Verkauf eingerichtet habe und bei verschiedenen Banken wegen des TPVs (Anmerkung der Redaktion: Zahlungsmodul für sicheres Bezahlen im Internet) für die Zahlungsabwicklung mit Karte angefragt habe, da sagten mir doch tatsächlich zwei Banken, BBVA und Ibercaja, ich müsste im Gegenzug zur TPV eine Einlage hinterlegen. Weil die Angst vor Betrug hatten.“

„Zehn Milliarden Euro, um deiner Firma Impulse zu geben“

Schwer an Geld zu kommen: Die spanischen Banken vergeben deutlich weniger Kredite als im Vorjahr. Quelle: dapd

Schwer an Geld zu kommen: Die spanischen Banken vergeben deutlich weniger Kredite als im Vorjahr.

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Läuft man durch die Straßen von Madrid, so kommt man nicht auf die Idee, dass dieses Land unter Kreditmangel leidet. „Zehn Milliarden Euro, um deiner Firma Impulse zu geben“, so bewirbt etwa Spaniens größte Bank Banco Santander großflächig in ihren Filialen eine Kreditlinie, die speziell auf kleine und mittlere Unternehmen abzielt, auf die „Pymes“, wie sie in Spanien genannt werden. In anderen spanischen Kreditinstituten ziehen ähnlich verheißungsvolle Angebote für „Pymes“ die Blicke auf sich.

Nicht zuletzt werden über die spanischen Geschäftsbanken auch die Kredite der staatliche Förderungsbank ICO vergeben, an die wiederum auch die Mittel der Europäischen Investitionsbank EIB fließen. Doch an die ICO-Darlehen heranzukommen, ist gar nicht so einfach. „Auch diese Kredite bekommt nur, wer schon eine längere gemeinsame Geschichte mit der Bank hat, dessen Reputation also der Bank bekannt ist“, weiß José Antonio Maroto, Finanzexperte an der Madrider Universität Complutense.

Auch für die ICO-Kredite fordert die Bank zudem persönliche Garantien. Auch hier sind die Zinsen sehr hoch – und die Garantien bedeuten zusätzliche versteckte Kosten. „Wenn man mir einen Kredit über 100 gibt, ich aber 20 als Garantie halten muss, und trotzdem Zinsen auf 100 zahle, dann bedeutet das, dass mein tatsächlicher Zins viel höher ist“, rechnet Maroto vor.

Was vom ICO nicht angeboten wird, klagt zudem Miguel Angel Blanco, sind Mikrokredite von 30.000 Euro. Aber „das ist es was die Kleinunternehmen und Selbstständigen am meisten brauchen“. Kleinstunternehmen machen in Spanien einen sehr viel größeren Teil der Wirtschaft aus als etwa in Deutschland. Tatsache ist: Trotz der Kreditklemme, über die unisono alle Klein- und Mittelständischen Unternehmen des Landes klagen, wurden die von ICO bereit gestellten Kreditkontinente nie ausgeschöpft.

Der Mangel an Krediten zur Liquiditätssicherung hat in der spanischen Wirtschaft einen Teufelskreis in Gang gesetzt. Denn fehlt es einem Unternehmer an Liquidität, so zahlt er auch seinen Zulieferer spät, nämlich erst dann wenn er selbst irgendeinen Auftrag bezahlt bekommen hat und flüssig ist. Damit bringt er aber seinen Zulieferer in Schwierigkeiten, der vielleicht zusätzlich auch gerade Probleme mit seiner Bank hat – und wiederum seine Zulieferer schlecht zu bezahlen beginnt. Nicht wenige Firmen müssen wegen solcher Liquiditätsschwierigkeiten schließen.

Aus der volkswirtschaftlichen Vogelperspektive betrachtet stellt sich das Ganze so dar: Der Privatsektor macht Fortschritte dabei, vergangene exzessive Schulden abzubauen und sich gesundzuschrumpfen. „Der Rückgang des Kredits liegt an der schwierigen wirtschaftlichen Situation sowie an der Korrektur der exzessiven Verschuldung die über die Phase der wirtschaftlichen Expansion akkumuliert wurde“, schreibt die Banco de España in ihrem jüngsten Finanzstabilitätsbericht.

In diesem Bericht beziffert die spanische Notenbank den Rückgang des Kredits an den Privatsektor um elf Prozent im Juni 2013 gegenüber dem Vorjahr. Der Anteil des Kreditvolumens an den Privatsektor an der gesamten Bilanz fiel auf 56,1 Prozent, verglichen mit 58,8 Prozent ein Jahr zuvor. Die Kredite an den Staat auf den verschiedenen föderalen Ebenen steigerten ihr Gewicht in den Bilanzen hingegen auf 13,5 Prozent gegenüber 11,8 Prozent im Juni 2012.

„Irgendeinen Schwager gibt es immer, der dir was leiht“

Der starke Rückgang des Kreditvolumens an den Privatsektor war allerdings auch beeinflusst dadurch, dass acht Banken und Sparkassen Immobilienkredite an die Bad Bank Sareb übertragen haben. Dieser Effekt, so berichtet die Notenbank, mache 6,3 Prozentpunkte des elfprozentigen Falls der Kredite aus.

Doch selbst solche Kreditinstitute, die keine einzige Aktiva an Sareb übertragen und auch den Prozess des Gesundschrumpfens schon hinter sich haben, verzeichnen noch immer stetig sinkende Kreditvolumen. Banco Santander etwa hatte Ende September nur in Spanien insgesamt knapp 165 Milliarden Euro an Krediten ausstehend.

Das waren 8,7 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Dabei ist bei Spaniens Branchenprimus das Kreditvolumen mittlerweile sogar deutlich niedriger als die gesammelten Kundeneinlagen in der Spanien-Filiale: Knapp 189 Milliarden Euro hatten Kunden Ende September auf ihren Konten bei Banco Santander liegen, das waren 11,5 Prozent mehr als vor einem Jahr. Von Überschuldung kann also in diesem Fall wahrlich nicht mehr die Rede sein.

Im gesamten Bankensystem, so berichtet die Banco de España in ihrem Finanzstabilitätsbericht, war der Rückgang der Kredite an Nicht-Finanzunternehmen ausgeprägter als bei den Darlehen an juristische Personen. Selbst wenn man die noch immer sehr stark fallenden Kredite an den Bau- und Immobiliensektor herausrechnet, so schrumpften die Kredite an Unternehmen um 8,5 Prozent im Juni, verglichen mit dem Vorjahr. Die Kredite an Personen hingegen fielen um 5,6 Prozent im gleichen Zeitraum.

Für all diese Kategorien, so errechnete die Banco de España, war der Rückgang im Juni diesen Jahres höher als der im Juni 2012 gegenüber 2011. Eine gute Nachricht immerhin gab es von der Zentralbank: „Der Rückgang des Kredits ist in den letzten Monaten moderater gefallen als zuvor.“ Bevor die Kredite aber wieder wachsen, so unken Experten sowie die Bankern selbst unisono, wird es noch dauern. Das sei frühestens in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres zu erwarten, so prognostizierten etwa die Chefs der Großbanken BBVA und Santander bei der Präsentation der Quartalsergebnisse.

„Mich erinnert die Situation sehr an die 70er Jahre, als es auch keinen Kredit gab und man sich selbst finanzieren musste“, meint der Buchhändler Miguel Angel. Die rettende Lösung ist heute die gleiche wie damals: „Irgendeinen Schwager gibt es immer, der dir etwas leihen kann.“

Mehr über die Krisenländer Europas finden Sie in unserem 18-seitigem Dossier zum Download.

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