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Spieltheoretiker Marcus Schreiber im Interview Warum May in den Verhandlungen mit Brüssel kaum eine Chance hat

Marcus Schreiber ist Chef der Beratungsfirma TWS Partners. Im Interview erklärt der Spieltheoretiker, warum es für die Premierministerin schwer wird, ihren Deal durchs Parlament zu bekommen.
2 Kommentare
Proeuropäische Demonstranten versammeln sich in London. Quelle: AFP
Proteste in London

Proeuropäische Demonstranten versammeln sich in London.

(Foto: AFP)

An diesem Dienstag stimmt das britische Parlament über den Vertrag ab, den die britische Premierministerin Theresa May mit der EU zum Austritt des Landes aus der europäischen Staatengemeinschaft abgeschlossen hat. Dass May mit ihrem Brexit-Deal durchkommt, wird immer unwahrscheinlicher – zu groß ist der Widerstand.

Spieltheoretiker Marcus Schreiber meint, dass May gravierende Fehler gemacht hat: „Sie hätte besser dagestanden, wenn sie ihren Brexit-Minister hätte machen lassen. Aber sie hat sich immer wieder eingemischt und selbst mit Barnier verhandelt“, sagt der Chef der Beratungsfirma TWS Partners.

Lesen Sie hier das gesamte Interview.

Herr Schreiber, welches Modell der Spieltheorie passt am besten auf den Brexit?
In der ersten Phase der Brexit-Verhandlungen hat die EU das Delegationsspiel gespielt: Die entscheidungsberechtigte Premierministerin Theresa May verhandelt mit Michel Barnier, dem die EU-Regierungschefs die Hände gebunden haben.

In Verhandlungen, wo beide zu einem Deal kommen wollen, gewinnt der, der glaubwürdiger Nein sagen kann. Das war Barnier, weil er nicht einfach Ja sagen konnte. Das Spiel ist das berühmte „Chicken Game“: Die Europäer haben Barnier auf die Schiene gesetzt, dieser Zug ist auf die Briten zugefahren, und May saß im Auto und musste immer ausweichen.

Der Ökonom versucht, die Wirklichkeit mithilfe der Spieltheorie zu erklären. Quelle: TWS Partner
Marcus Schreiber

Der Ökonom versucht, die Wirklichkeit mithilfe der Spieltheorie zu erklären.

(Foto: TWS Partner)

Was hätte May anders machen müssen?
May hätte auch ein Delegationsspiel aufbauen sollen. Sie hätte besser dagestanden, wenn sie ihren Brexit-Minister hätte machen lassen. Aber sie hat sich immer wieder eingemischt und selbst mit Barnier verhandelt.

Nun muss May die Folgen ausbaden: Es sieht so aus, als werde der Ausstiegsvertrag im Unterhaus durchfallen.
Mays Problem ist: Kein Abgeordneter glaubt, dass die Abstimmung am Dienstag das Endspiel ist. Wenn der Ausstiegsvertrag jetzt durchfällt, gibt es noch mal eine Runde. Dann wird noch mal verhandelt, oder der Brexit wird verschoben.

Sie muss es schaffen, die Abgeordneten dazu zu bringen, nicht mehr zu taktieren, sondern wirklich zu sagen, jetzt entscheide ich über die Zukunft des Landes. Solange noch eine weitere Runde möglich ist, kriegt sie die Härte nicht hin.

Wie kann sie den Ausstiegsvertrag doch noch durchsetzen?
May müsste das Parlament dahin bringen zu sagen: Wenn uns die EU noch genau das gibt, dann stimmen wir für den Ausstiegsvertrag. Wenn nicht, dann ziehen wir das mit dem ungeordneten Brexit durch. Dann würden Sie erleben, wie die Fronten in der EU brechen, und sehen, ob die Prinzipien wirklich so stark sind. So aber schwächt das Parlament May, weil es sie nicht mit einem solchen Mandat ausstattet.

May hat aber doch eine klare Forderung: Sie will rechtlich verbindliche Zusicherungen von der EU, dass der „Backstop“ zeitlich begrenzt ist. Das würden die Tories dann mittragen.
Es reicht aber nicht, wenn das nur eine Mehrheit ihrer Fraktion sagt. Sie braucht ja alle Abgeordneten plus die DUP. Und ich habe noch nicht vernommen, dass die Brexit-Hardliner ihre Unterstützung zugesagt haben. Wenn May die EU noch mal zum Springen bringen will, dann ist die einzige Methode, eine klare Forderung mit der Garantie zu verbinden, damit habt ihr die Mehrheit im Unterhaus. Immer nur Nachbesserungen zu fordern, ohne dass der Deckel drauf ist, führt nur zu kosmetischen Veränderungen.

Den Europäern fehlt der Anreiz, May zu helfen?
Als Verhandlungsführer in der EU denken sie im Moment, die Hardliner bei den Konservativen werden nie zufrieden sein. Die Labour-Fraktion sieht im Moment die wunderbare Gelegenheit, May zu stürzen. Als Europäer würde ich nicht glauben, dass sich fundamental an Mays Problem irgendwas ändern würde, wenn ich jetzt nachgebe.

Der ungeordnete Brexit ist weder im Interesse der Briten noch der Europäer. Und doch könnte er passieren. Warum?
Es gibt ein Koordinierungsproblem. Auf der britischen Seite gibt es viele Gruppen, die ihre persönlichen und Gruppeninteressen mit den britischen Interessen in einen Topf werfen.

Brexit 2019
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2 Kommentare zu "Spieltheoretiker Marcus Schreiber im Interview: Warum May in den Verhandlungen mit Brüssel kaum eine Chance hat"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Ganz so einfach ist es nicht: eigentlich besteht doch nur das Problem auf der irischen Insel; die Republik Irland würde keinen Vertrag abnicken, der sehr wahrscheinlich zu einer geschlossenen Grenze zu Nordirland führt, und das auch zu recht. Ich erinnere mich noch mit Schauer an die frühere Situation in Nordirland. An dieser Entwicklung waren auch die Engländermaßgeblich beteiligt.
    Darüber hinaus gibt es Typen wie Boris Johnson, die für den Brexit sind, aber keinen fundierten Plan haben, was danach kommt.

  • Gute Analyse.

    Genau richtig die EU Kommissin wollte immer nur Nein sagen und England bestrafen. Ds begann schon damit dass die EU Herrn Barnier als Chefunterhaendler waehlte, der vor Jahren, die City of London hart reglementieren wollte um ihren Geschaeftsvorteil zu schmaelern und Geschaeft auf den Kontinent, insbesondere Paris, zu ziehen. Ein fairer Kompromiss konnte so nie heraus kommen. Die EU hat in gut Franzoesische Manier eine "Versailles Einstellung" gezeit und May war eine sehr schlechte Verhandlerin.

    Aber so ist das nun Mal wenn der eine den anderen zu sehr ueber den Tisch ziehen will, dann macht der andere nicht mit und zwar mit Recht. Jetzt verlieren beide Seiten und die EU sollte schleunigst von Ihrem hohen Ross herunterkommen und ein akzeptables Freihandelsabkommen unterzeichnen, dass beiden Seiten dient. Herr Scholz sollte sich offen dafuer aussprechen, da die Deutsch-Englische Wirtschaft so eng verknuepft ist, dass es Ihn auch eine Menge Steuern und Deutschland eine Menge Wohlstand kosten wird.

    Man kann niemanden dazu zwingen Mitglied in einem Klub zu sein, aber man kann auch mit Nicht-Klubmitgliedern, sofern beide Seiten fair und ehrlich sind, gute Geschaefte zu beiderseitigem Vorteil machen.

    Wie heisst es so schoen in Bayern: "Leben und leben lassen!"