Staatskrise Venezuela rückt näher an Russland heran

Venezuela steht kurz vor der Staatspleite. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die Inflation auf 700 Prozent steigen wird. Russland nutzt offenbar die Gunst der Stunde und sichert sich die Ölreserven.
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Blick auf die Öl-Raffinerie von Venezuelas staatlichem Erdölkonzern PDVSA in Puerto La Cruz. Mindestens seit Anfang des Jahres verhandelt der PDVSA scheinbar schon mit Rosneft über Beteiligungen an bis zu neun der produktivsten Ölfelder. Quelle: dpa
PDVSA

Blick auf die Öl-Raffinerie von Venezuelas staatlichem Erdölkonzern PDVSA in Puerto La Cruz. Mindestens seit Anfang des Jahres verhandelt der PDVSA scheinbar schon mit Rosneft über Beteiligungen an bis zu neun der produktivsten Ölfelder.

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Caracas/HoustonRussland sichert sich Insidern zufolge angesichts der schweren Krise in Venezuela Zugang zu den größten Ölreserven der Welt. Die Regierung in Moskau versorgt die venezolanische Führung mit dringend benötigtem Geld, um einen Staatsbankrott zu verhindern, wie mehrere mit dem Vorgang vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters sagen. Als Gegenleistung erhält sie Öl. Der russische Konzern Rosneft ist in diesem Zusammenhang zu einem wichtigen Mittelsmann geworden, um Erdöl des lateinamerikanischen Landes auf dem Weltmarkt zu verkaufen.

Mindestens seit Anfang des Jahres verhandelt der venezolanische Ölkonzern PDVSA schon hinter verschlossenen Türen mit Rosneft über Beteiligungen an bis zu neun der produktivsten Ölfelder, wie ein hochrangiger Regierungsvertreter aus Caracas und Brancheninsider sagen. Allein im April zahlte Rosneft mehr als eine Milliarde Dollar im Tausch für ein Versprechen auf spätere Öl-Lieferungen, so ein hochrangiger PDVSA-Mitarbeiter. Bei mindestens zwei Gelegenheiten sei russisches Geld verwendet worden, um einen Zahlungsausfall zu verhindern.

„Was in Venezuela geschieht, ist die Gründung einer Diktatur“

PDVSA und die venezolanische Regierung wollten sich nicht zu den Reuters-Informationen äußern. Auch die russische Regierung und Rosneft lehnten eine Stellungnahme ab.

Venezuela verfügt über die weltgrößten Ölreserven und erwirtschaftet nahezu seine gesamten Einnahmen aus dem Verkauf des Rohstoffs. Angesichts des Preisverfalls in den vergangenen Jahren ist Präsident Nicolas Maduro und seine Regierung aber in Geldnot geraten und kann die großzügigen Subventionen bei Lebensmitteln, Treibstoff oder Medizin, die Maduros Vorgänger Hugo Chavez eingeführt hatte, kaum noch zahlen. Die Währung des Landes ist inzwischen nahezu wertlos, die Inflation dürfte nach einer Prognose des Internationalen Währungsfonds in diesem Jahr auf 700 Prozent steigen. Auch die Investitionen in das Ölgeschäft gehen deutlich zurück, was die Förderung bremst: In der ersten Jahreshälfte war sie so gering wie seit 27 Jahren nicht mehr.

Bei der Opposition stößt die Annäherung an Russland auf Kritik. „Rosneft verschafft sich definitiv Vorteile aus dieser Situation“, sagt der Parlamentsabgeordnete Elias Matta. „Sie wissen, dass es eine schwache Regierung ist, dass sie verzweifelt nach Geld sucht – und sie sind Haie.“ Rosneft hat sich inzwischen als Mittelsmann für venezolanische Ölexporte positioniert, wie auch aus internen Dokumenten hervorgeht. Ein Großteil dieses Öls geht demnach trotz der geltenden Russland-Sanktionen in die USA. Möglich wird dies, weil Zwischenhändler eingeschaltet werden. Täglich setzt Rosneft nach Handelsdokumenten von PDVSA etwa 225.000 Barrel (je 159 Liter) venezolanisches Öl ab, das entspricht 13 Prozent der gesamten Ausfuhren und der Menge, die ein Land wie Peru täglich benötigt.

Die Regierung in Caracas bezeichnete die russischen Investitionen in seine Ölbranche zuletzt als Vertrauensbeweis. Insbesondere in den vergangenen beiden Jahren ist Maduro näher an Russland herangerückt, nachdem China seine Unterstützung nach Korruptionsfällen und Zahlungsproblemen zurückgefahren hat, wie Analysten und Vertreter der Ölbranche erklären. Auch westliche Firmen haben ihre Investitionen in Venezuelas Ölbranche gekürzt. „Die Russen kriegen Venezuela jetzt zum Tiefstpreis“, sagt ein westlicher Diplomat. Und während andere Unternehmen ihre Büros aufgeben, hat Rosneft erst kürzlich eine weitere Etage dazugemietet und neue Mitarbeiter eingestellt. Derzeit gehören Rosneft bereits größere Anteile an fünf venezolanischen Ölprojekten. Die neun neuen Projekte, die nun im Gespräch sind, sind Brancheninsidern zufolge fünf Vorkommen im ölreichen Orinoco-Becken, drei in der Maracaibo-See und eines im Golf von Paria.

Die Geldnot Venezuelas spielt dem hochrangigen Regierungsvertreter zufolge auch eine Rolle bei den gewalttätigen Protesten. In dem Land ist ein Machtkampf zwischen Präsident Maduro und der Opposition entbrannt. Bei den Massenprotesten sind seit Anfang April mehr als 120 Menschen getötet worden, mehrere Tausend wurden verhaftet. Maduro hat mit der Wahl einer Verfassungsversammlung das Parlament ausgehebelt, in dem die Opposition über die Mehrheit verfügt – und das mehrheitlich gegen neue Öl-Abkommen mit Russland ist. „Druck seitens Russland hat eine wichtige Rolle bei Maduros Entscheidungen gespielt“, so der Regierungsvertreter. Nach Reuters-Berechnungen haben Russland und Rosneft Venezuela seit 2006 mindestens 17 Milliarden Dollar an Krediten eingeräumt. Venezuela selbst legt keine Daten zu den russischen Darlehen vor.

Doch die russische Strategie ist risikobehaftet. Viele westliche Ölfirmen hatten einen Rückschlag erlitten, als Maduros Vorgänger Chavez die Branche im Land verstaatlichte. Sollte die Opposition an die Macht kommen, könnte es Rosneft ähnlich gehen.

  • rtr
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2 Kommentare zu "Staatskrise: Venezuela rückt näher an Russland heran"

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  • Ganz aktuell ist der Artikel aber nicht mehr! Inzwischen haben die Russen zumindest eine Tankerladung venezolanischen Rohöls beschlagnahmt, wegen "unbezahlter Rechnungen" und verkündet, daß es von russischer Seite aus keine weiteren Finanzspritzen oder Kredite an die venezolanische Regierung geben wird.

    Russland wird eingesehen haben, daß Venezuela nicht auf Dauer zu seiner direkten Einflusssphäre gehören kann. Und die über 100.000 kubanischen Besatzungssoldaten in Venezuela werden wohl dort ebenfalls keine große Zukunft mehr haben.

    Auch die Finanzwelt ist in Bezug auf Venezuela vorsichtiger geworden, seit klargestellt ist, daß Anleihen der PDVSA und der Chavez/Maduro Regierungen gerade von einer demokratischen Nachfolgeregierung nicht bezahlt werden, und Ankäufe oder Swaps von staatlichem Gold in der Vergangenheit de-jure Hehlerei von Diebesgut darstellt und als solche geahndet werden kann. Die immer notwendige Zustimmung der Nationalversammlung wurde niemals eingeholt. Das könnte den Vorstand so mancher Bank oder Goldschmelze ins Schwitzen bringen.

  • ...und sobald die Sozialisten Venezuelas wieder gut bei Kasse sind, werden die Ölquellen der Kapitalisten Russlands einfach enteignet.

    Da hat man ja schon Erfahrung...

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