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Statistik des Gun Violence Archive Waffengewalt in den USA erreicht vor Joe Bidens Amtsübernahme Höchststand

Noch nie zuvor haben die US-Amerikaner so viele Waffen gekauft, noch nie starben so viele von ihnen durch Schüsse. Das liegt nicht nur am scheidenden Präsidenten Donald Trump.
20.01.2021 - 13:36 Uhr Kommentieren
Anhänger von Noch-Präsident Donald Trump protestierten Anfang Januar vor dem Kapitol in Olympia im Bundesstaat Washington, bevor die Polizei die Demonstration auflöste. Das offene Tragen einer Waffe ist in Washington erlaubt. Quelle: AP
Waffen und Rechte

Anhänger von Noch-Präsident Donald Trump protestierten Anfang Januar vor dem Kapitol in Olympia im Bundesstaat Washington, bevor die Polizei die Demonstration auflöste. Das offene Tragen einer Waffe ist in Washington erlaubt.

(Foto: AP)

Düsseldorf Ein 35-Jähriger in Buffalo war das Todesopfer Nummer 2263. So viele Menschen starben in den USA in diesem Jahr bereits durch Schusswaffen – und das allein in 19 Tagen.

1320 davon waren Suizide, 943 Morde, unbeabsichtigte Tötungen oder Fälle von Selbstverteidigung. So zählt und definiert es die Statistik des unabhängigen Gun Violence Archive, das die Daten aus dem ganzen Land sammelt. In den ersten zwei Wochen 2021 fanden 19 Massenschießereien statt, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum.

Die Zahlen zeigen, dass es vorerst so weitergeht, wie das Jahr 2020 endete – mit einem Teufelskreis: Die soziale und politische Unruhe, die Donald Trump mit der Missachtung demokratischer und präsidialer Grundsätze befeuerte und die vor zwei Wochen in dem Sturm auf das Kapitol gipfelte, erzeugt bei vielen Angst vor Gewalt und das diffuse Bedürfnis, sich zu schützen.

Das führt zu steigenden Waffenverkäufen, die allerdings nicht für mehr Sicherheit sorgen, wie die Waffenlobby behauptet, sondern für immer mehr tödliche Schüsse.

Die Waffengewalt in den Vereinigten Staaten hat in den Tagen des turbulenten Übergangs im Weißen Haus und inmitten der Pandemie einen Höhepunkt erreicht. Nie zuvor wurden in den USA so viele Menschen durch Waffengewalt getötet. 2020 waren es 19.300, fast ein Viertel mehr als im Jahr davor. Zählt man die Suizide dazu, waren es sogar mehr als 43.000 Opfer.

Die Gründe für den Anstieg sind vielschichtig. Sie haben mit Trump zu tun, aber auch mit Corona. Als Erstes nennt Sonali Rajan, Expertin für Gesundheitserziehung an der Columbia University, die zunehmende Zahl an Pistolen und Gewehren. Allein im März 2020, als im Land umfangreiche Corona-Schutzmaßnahmen beschlossen wurden, seien zwei Millionen Waffen verkauft worden, sagte Rajan dem Radiosender NRC.

Es geht nicht nur um bewaffnete Trump-Fans in Südstaaten

Ein weiterer Faktor sei, dass öffentliche Gelder, etwa für Sozialarbeiter und Hilfsangebote gegen Gewalt, wegen der Pandemie umgeleitet worden seien. In der Isolation seien Frauen häufiger häuslicher Gewalt ausgesetzt. Polizeigewalt und rassistische Übergriffe hätten zugenommen.

Die in manchen Städten umgesetzte Reduzierung der Polizeikräfte nutzen Waffenbefürworter indes als Argument, sich und ihre Nachbarschaft selbst schützen zu müssen, und bewaffnen sich.

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Und so kommen die Erklärungen für Waffenkäufe aus diversen Ecken. Die Fotos von schwer bewaffneten Trump-Fans in Südstaaten sind nur ein Teil des Gesamtbilds. Im vergangenen Jahr haben sich acht Millionen Bürger zum ersten Mal eine Waffe zugelegt, oft aus einem Gefühl der Unsicherheit heraus. 40 Prozent davon waren Frauen.

Es gibt zwar keine offiziellen Angaben über die Zahl der verkauften Waffen, aber Anhaltspunkte wie Backgroundchecks, also die Überprüfung von Käufern durch staatliche Behörden, und Aussagen der Hersteller. Die Zahl der Überprüfungen ist von 28 Millionen (2019) auf fast 40 Millionen (2020) gestiegen. Viele Waffenfirmen vermeldeten in den vergangenen Monaten ein konstantes Umsatzwachstum im dreistelligen Prozentbereich.

Der deutsche Ökonom David Schindler hat sich in einer Studie mit dem Zusammenhang zwischen Waffenbesitz und Morden beschäftigt. Er stellt klar, dass die hohe Zahl der Backgroundchecks nicht mit den tatsächlichen Waffenverkäufen gleichzusetzen ist. „Da ist viel Ungenauigkeit in den Daten. Aber es sagt schon etwas darüber aus, wie beispiellos das im Moment ist.“

Lieferengpässe nach dem Sturm auf das Kapitol

Die Opferrate gemessen an der Bevölkerungszahl und die Zahl der Morde lagen Mitte der 90er-Jahre noch höher. Beispiellos sind jedoch die absoluten Zahlen der Opfer von Waffengewalt, ob unbeabsichtigt, durch Selbstmord oder Notwehr. Seit Aufzeichnungsbeginn vor gut 50 Jahren kamen nie zuvor so viele Menschen um wie im vergangenen Jahr. Im Schnitt sind das zwölf Tote pro 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Deutschland stirbt statistisch gesehen einer von 100.000 durch Waffengewalt.

Profiteure der hohen Waffennachfrage sind die Waffenhersteller. Nach dem Sturm auf das Kapitol in der US-Hauptstadt Washington berichteten US-Medien in verschiedenen Bundesstaaten wie Vermont und Florida von Lieferengpässen. Die Firma Ammo steigerte ihren Börsenwert seit Januar 2020 um mehr als 360 Prozent. Für das abgelaufene Geschäftsjahr vermeldete sie einen Umsatzzuwachs von knapp 300 Prozent.

Ammo-CEO Fred Wagenhals erklärte in der Pressemitteilung ganz offen, warum er davon ausgehe, dass es so weitergehe. Die Nachfrage im Markt werde „angesichts des Ausgangs der Wahlen für den US-Senat in Georgia, der daraus resultierenden politischen Ungewissheit und des Einflusses auf die Waffenindustrie“ steigen.

Georgia hatte nicht nur erstmals seit fast 30 Jahren für den demokratischen Kandidaten bei der Präsidentschaftswahl gestimmt, sondern bei der Stichwahl Anfang Januar auch für die demokratischen Anwärter auf die beiden Sitze im US-Senat.

Wagenhals glaubt, dass diese Ergebnisse dazu führen könnten, dass die Angst vor schärferen Waffengesetzen zunimmt und die Bürger Waffen und Munition nachkaufen. Dieser Effekt trat nach fast jeder Präsidentschaftswahl auf, vor allem wenn ein Demokrat gewann. Im November und Dezember 2012 lösten die Wiederwahl Barack Obamas und der Amoklauf an einer Grundschule in Newtown, Connecticut, einen besonders großen Nachfrageschub aus.

Die Waffengesetze sind vor allem Sache der Bundesstaaten. Sie fallen sehr unterschiedlich aus. Die Eindringlinge im Washingtoner Kapitol hatten keine Waffen. Das District der Hauptstadt hat eine der strengsten Rechtsordnungen.

Kurz vor dem Jahreswechsel starben in Houston vier Menschen bei einer Schießerei. Die Polizei ging von einem Fall häuslicher Gewalt aus. Quelle: AP
Mehr Waffen, mehr Todesopfer

Kurz vor dem Jahreswechsel starben in Houston vier Menschen bei einer Schießerei. Die Polizei ging von einem Fall häuslicher Gewalt aus.

(Foto: AP)

Wissenschaftlerin Rajan will nicht „auf den politischen Willen von Amtsträgern angewiesen“ sein. Sie setzt in den lokalen Communities an, um die Lebenssituation weniger privilegierter Menschen zu verbessern, etwa die Wohnbedingungen und Gesundheitsprogramme. Sie hoffe aber, dass die neue Regierung in Washington die Prävention von Waffengewalt vorrangig behandele.

Joe Biden will den Verkauf bestimmter Waffen verbieten oder strenger regulieren. Zudem will der neue US-Präsident ein Gesetz von 2005 abschaffen, das Waffenunternehmen davor schützt, zivilrechtlich für Schäden belangt zu werden, die mit von ihnen produzierten Waffen entstehen. Dass die Demokraten nun in beiden Kongresskammern eine knappe Mehrheit haben, könnte dabei helfen.

Sicher wäre ihm die Zustimmung aber längst nicht. Die Interessen von Wählern in Bundesstaaten mit großer Waffentradition und der Einfluss der Waffenlobby NRA wirken sich auch auf das demokratische Lager aus.

Zwar beantragte die NRA, eine Non-Profit-Organisation, am vergangenen Freitag Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-Insolvenzrechts. Diesen Schritt begründete sie aber nicht mit Finanzsorgen, sondern damit, sich einem drohenden Auflösungsverfahren durch die Staatsanwaltschaft New York entziehen und in Texas neu aufstellen zu wollen. New Yorks Generalstaatsanwältin hatte im vergangenen August eine Klage gegen die NRA eingereicht mit dem Ziel, die Gruppe aufzulösen.

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Die Verbalattacken gegen Biden und die künftige Vizepräsidentin Kamala Harris dürften also weitergehen. In sozialen Netzwerken greifen Organisationen wie die NRA sie immer wieder an und werfen ihnen vor, den zweiten Verfassungszusatz abschaffen zu wollen. Dieser Artikel von 1971 verbietet es der Bundesregierung, das Recht der Bürger zu beschneiden, „Waffen zu besitzen und zu tragen“.

Dass eine Verfassungsänderung nicht notwendig ist, um Waffengewalt einzudämmen, zeigt eine Arbeit der Ökonomen Schindler und Christoph König. Impulsive Angriffe und Affekttaten könnten zeitliche Verzögerungen beim Waffenkauf („purchase delays“) relativ einfach verhindern, schreiben sie in einer Studie. Kauf und die Aushändigung der Waffe werden zeitlich getrennt.

Solche Fristen existieren längst in einigen Bundesstaaten. Sie reichen von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Mordrate im Vergleich zu Bundesstaaten ohne Verzögerungsgesetz um zwei Prozent niedriger war, wenn Käufer eine Handfeuerwaffe nicht sofort mitnehmen durften.

Eine obligatorische Kauflizenz ist laut den Wissenschaftlern von den Universitäten Bristol und Tilburg ein zweites effektives Mittel. Deren Beantragung kann ebenfalls lange dauern. Der Gesetzgeber könnte die Todeszahlen demnach signifikant reduzieren – ohne den zweiten Zusatzartikel anzutasten.

Mehr: Alle Entwicklungen vor der Amtseinführung von Joe Biden. Unser Liveblog aus den USA

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