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Stimmung am Wahltag „Boris Johnson ist eine Witzfigur“ – „Halte die Labour-Politik für falsch“

Die Wahl in Großbritannien ist ein Referendum über den Brexit – und ein Eignungstest für die Spitzenkandidaten. Ein Besuch in ihren Wahlkreisen zeigt, wie umstritten Boris Johnson und Jeremy Corbyn sind.
12.12.2019 - 12:58 Uhr 2 Kommentare

Prognose: Johnson vorne, aber ohne absolute Mehrheit

London Vor dem Wahllokal in der St. Andrews Church im Londoner Wahlkreis Uxbridge bildet sich um kurz vor sieben Uhr schon eine kleine Schlange. „Es ist viel los für die Uhrzeit“, sagt die Leiterin des Wahllokals.

Die Briten wählen an diesem Donnerstag ein neues Parlament, und im Wahlkreis des Premierministers Boris Johnson ist die Spannung besonders groß. Denn Labour-Aktivisten haben alles dafür getan, hier die Wähler zu mobilisieren, um dem konservativen Spitzenkandidaten seinen Wahlkreis abzunehmen. Laut Umfragen ist dies unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

„Ich glaube, es wird sehr eng“, sagt der TV-Produktionsmitarbeiter Thomas Darby, 25, vor dem Wahllokal. Mehr junge Briten würden wählen gehen, das helfe der Labour-Partei. Die Wahlbeteiligung insgesamt werde höher ausfallen, weil das Land polarisiert sei. Seine Freundin Dannett Mayers stimmt zu. „Schon meine Grundschulkinder haben eine Meinung zur Wahl“, sagt die Lehrerin. Darby und Mayers haben beide nicht für Johnson gestimmt.

Die Wahl ist aus mehreren Gründen besonders. Zum einen müssen die Briten entscheiden, ob Großbritannien Ende Januar tatsächlich aus der EU austritt. Zum anderen müssen sie zwischen zwei Spitzenkandidaten entscheiden, die beide höchst unbeliebt sind. Labour-Chef Jeremy Corbyn ist laut Umfragen der unbeliebteste Spitzenkandidat seit den Achtzigerjahren. Und auch an Johnson scheiden sich die Geister.

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    „Wenn ich zwischen zwei Übeln wählen muss, würde ich nicht für Johnson stimmen“, sagt ein junger Mann mit osteuropäischem Akzent vor dem Wahllokal in Uxbridge. „Es geht mir nicht um den Brexit“, sagt er. „Es geht darum, wie Boris sich benimmt.“

    Brexit-Wahlversprechen: Bei diesen Aussagen hat Johnson gelogen

    Die Wahl wird so nicht nur zum Referendum über den Brexit, sondern auch zu einem Eignungstest für den Premierminister. „Es ist eine besondere Wahl“, sagt die pensionierte Krankenschwester Marie. Sie hat wie immer die Tories gewählt. Sie hatte beim Referendum 2016 für den Brexit gestimmt und findet, dass er endlich passieren muss. „Boris hat meine Stimme“, sagt sie.

    „Corbyn würde das Land ins Chaos stürzen“

    Auch der 22-jährige Jacob Lloyd hat das Kreuz bei Johnson gemacht. „Es ist wichtig, Jeremy Corbyn zu verhindern“, sagt der Sales-Manager einer Softwarefirma. Der Labour-Chef, der mehrere Schlüsselbranchen verstaatlichen will, würde das Land ins wirtschaftliche Chaos stürzen, fürchtet er.

    Der Wahlkampf war für Lloyds Geschmack zu Brexit-fokussiert, aber er glaubt, die Strategie der Tories, die Brexit-Wähler in den nordenglischen Arbeiterstädten zu überzeugen, wird aufgehen. Den Süden habe Johnson ein bisschen vernachlässigt, aber das sei nicht weiter schlimm. „Die Leute im Süden tendieren eh dazu, konservativ zu wählen“, sagt das ehemalige Tory-Parteimitglied.

    Der Labour-Cchef spricht vor dem Wahllokal in Islington mit einem Unterstützer. Quelle: AP
    Jeremy Corbyn

    Der Labour-Cchef spricht vor dem Wahllokal in Islington mit einem Unterstützer.

    (Foto: AP)

    Die Wahl ist die letzte Gelegenheit für die Briten, den Austritt aus der EU noch zu stoppen. Wenn die Konservativen eine absolute Mehrheit gewinnen, wird Großbritannien die EU Ende Januar verlassen. Nur wenn Johnson die Mehrheit verfehlt, gäbe es die Chance auf ein zweites Referendum. Dafür müsste eine Labour-Minderheitsregierung mit den anderen Oppositionsparteien zusammenarbeiten.

    Trotz dieser historischen Dimension der Wahl sagen etliche Wähler, der Brexit spiele bei ihrer Entscheidung keine Rolle. „Bei dieser Wahl scheint es um den Brexit zu gehen“, sagt der Rentner David. „Aber das interessiert mich nicht. Ich habe grün gewählt, weil der Klimawandel das einzige Thema ist, was zählt.“

    In den nationalen Umfragen liegen die Konservativen vorn, nahezu alle Beobachter sagen eine Mehrheit für Johnson voraus. Doch in der Hauptstadt London haben die Tories einen schweren Stand. In Corbyns Wahlkreis im Stadtteil Islington schlägt dem Premierminister – und ehemaligen Londoner Bürgermeister – Verachtung entgegen. „Ich traue Boris Johnson nicht über den Weg“, schnaubt ein älterer Herr, der mit seinen zwei Terriern zum Wahllokal gekommen ist.

    „Boris Johnson ist doch kein Politiker“

    Seit 1937 hat Labour den Wahlkreis im Norden Londons stets gewonnen – und auch in diesem Jahr muss sich Corbyn keine großen Sorgen machen. Vor den Wahllokalen bilden sich am Morgen trotz kalter Temperaturen und leichten Nieselregens lange Schlangen.

    Auch vor der Stadthalle Islington ist viel los. Ein Mann baut eine Fernsehkamera auf, eine Frau mit neonfarbener Schutzweste scheucht einen Lieferanten weg, der Blumen für die Stadthalle liefern wollte. „Hier dürfen Sie nicht stehen“, fährt sie den Fahrer des weißen Lieferwagens an, „hier wird doch heute gewählt“.

    Wenige Meter daneben schließt der 52-jährige Graham sein Fahrrad auf und rückt seinen Fahrradhelm zurecht. Er ist vor seiner Arbeit zum Wahllokal gegangen, hat bereits seine Stimme abgegeben. „Natürlich habe ich Labour gewählt“, sagt er. „Ich mag Jeremy Corbyn. Ihm sind die Menschen wichtig, nicht seine Karriere“. Für Johnson hingegen hat Graham kein gutes Wort übrig – und zwar nicht nur, weil er partout gegen den Brexit ist. „Boris Johnson ist doch kein Politiker, der ist eine Witzfigur“, sagt er.

    Auch die 19-jährige Freja hat ihr Kreuz bei Corbyn gemacht. „Meine Freunde haben mir gesagt, das ist am besten“, gibt sie zu. Sie durfte zum ersten Mal wählen. „Ich komme eigentlich aus einer Gegend im Norden, und meine Familie wählt die Tories. Aber das kann ich nicht tun. Ich kann auch gar nicht glauben, dass Boris Johnson tatsächlich unser Premierminister ist, so fremdenfeindlich wie der ist. Jeremy Corbyn ist da anders, der ist integer. Ihm kann man vertrauen“.

    Die 47-jährige Susanne hingegen hat für die Liberaldemokraten gestimmt. „Eigentlich müsste ich die Konservativen wählen“, erzählt sie. „Die Politik der Labour-Partei halte ich für falsch. Ich arbeite in der Finanzbranche, da kann ich das nicht unterstützen. Aber ich kann einfach nicht für Boris Johnson stimmen.“ Sie sei auch „hundertprozentig“ gegen den Brexit, deswegen habe sie die pro-europäischen Liberaldemokraten gewählt.

    Gegen Corbyn dürften die Liberaldemokraten in Islington allerdings keine Chance haben. Immerhin werden sie wohl besser abschneiden als „Nick The Incredible Flying Brick“ (Nick, der unglaubliche fliegende Backstein), der für die Official Monster Raving Loony Party auf dem Wahlzettel steht. Im Gegensatz zu den anderen Kandidaten hält er sich nicht mit so irdischen Themen wie dem Brexit auf: Nick the Brick hat vor, im Wahlbezirk einen Weltraum-Bahnhof einzurichten.

    Mehr: Das sind die wichtigsten Fakten zur Wahl heute in Großbritannien



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    2 Kommentare zu "Stimmung am Wahltag: „Boris Johnson ist eine Witzfigur“ – „Halte die Labour-Politik für falsch“"

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    • Boris Johnson for Bundeskanzler?
      Funktioniert der britische Pumuckel-Populismus auch in Deutschland?

      Wir haben im letzten halben Jahr rund 15.000 Beiträge von digitalen Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Rund 14.000 Aussagen über (oder von) Johnson flossen in die Analyse ein. Diese Aussagen wurden zu 350 Synonymen, 42 Markenwerten und im Ergebnis 6 emotionalen Grundmotiven verdichtet. Insbesondere mit den Grundmotiven Balance (3.782 Aussagen) und Dominanz (3.453 Aussagen) taucht Johnson in den digitalen Medien auf. Drittstärkstes Grundmotiv ist die Stimulanz.

      Das Ergebnis: Gemessen an der emotionalen Wirkung, hat Johnson in den letzten 6 Monaten ein starkes Markenpersönlichkeitsprofil in den deutschen digitalen Medien aufgebaut. Damit erreicht er nahezu alle Wählergruppen.

      Mit Balance, Dominanz und Stimulanz erreicht Johnson alle Wählergruppen

      Sicherheit und Stabilität sind klassische Grundmotive für die Christdemokraten. In Richtung Dominanz kommuniziert vor allem die AFD in Deutschland, früher auch mal die FDP. Stimulanz ist für die Politik in Deutschland derzeit eine nahezu brachliegende Grundemotion. Auf Stimulanz reagieren vor allem jüngere Wähler. Demnach hat Johnson theoretische das Potenzial, nahezu alle Wähler in Deutschland zu erreichen. Allerdings ist die Berichterstattung in ihrer Tonalität bei allen drei Grundmotiven zu gleichen Teilen negativ oder neutral. Positive Berichte tauchen nur geringfügig auf.

      Markenexperte und Initiator der Studie, Ulrich Baumert: „Fraglich ist, ob die mitgelieferte Tonalität der Online-Medien bei den Wählern greift. Denn - neben dem unmittelbaren Freundeskreis - spielt für die politische Meinungsbildung Social Media eine immer größere Rolle. Und gerade hier geht es vorwiegend um emotionale Positionierung.“

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    • Der blutarme Altkommunist Corbyn hat gegen den charismatischen Johnson keine Chance. Na klar, jeder weiß, daß Johnson häufig lügt. Na und, er macht das aber sehr unterhaltsam und er amüsiert mich. Das allein wäre ein Grund ihn zu wählen. Es ist völlig unwichtig ob eine Geschichte wahr ist, sie darf nur nicht langweilig sein. Männer wie Johnson und Trump haben das begriffen. Es ist doch wirklich ein Riesenspaß wie es Fakten Fakten Fakten regnet, und diese beiden Superentertainer sagen einfach "Nein" dazu und kommen damit durch. Aus der Loge des Wohlstands heraus betrachtet, ist das natürlich eine tolle Show. die Welt gleitet dabei aber wohl ins Chaos. Das wird dann sicher auch witzig.

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