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Gare du Nord in Paris

Passagiere in Frankreich müssen bis Juni mit leeren Bahnhöfen und vollen Straßen rechnen.

(Foto: AP)

Streik Ab Dienstag stehen Frankreichs Züge still

Gewerkschaften wollen mit einem dreimonatigen Streik den geplanten Umbau der französischen Staatsbahn verhindern – und gefährden damit auch Macrons Reformkurs.
Update: 02.04.2018 - 15:34 Uhr 2 Kommentare

Paris Frankreichs Bahnen stehen ab Dienstag still. Im Fernsehen, mit Mails und in den sozialen Netzwerken warnt die nationale Bahngesellschaft SNCF davor, dass am Dienstag und Mittwoch der regionale, nationale und internationale Bahnverkehr sehr stark gestört sein wird. Ein Bündnis von vier Gewerkschaften ruft zum Streik gegen die Reform der SNCF auf, die Staatspräsident Emmanuel Macron angestoßen hat. Mit Unterbrechungen soll der Arbeitskampf bis Ende Juni andauern.

Auch die Angestellten bei der Fluggesellschaft Air France streiken. Dort soll der Gewerkschaftsforderung nach einer Erhöhung der Gehälter um sechs Prozent Nachdruck verliehen werden.

Anders als in der Vergangenheit haben sich diesmal nicht nur Arbeiter, sondern auch viele Angestellte als Streikende gemeldet. Die SNCF erwartet deshalb, dass im Großraum Paris lediglich acht Prozent der Nahverkehrszüge fahren werden.

Auf ganz Frankreich gesehen rechnet sie damit, dass nur einer von acht Hochgeschwindigkeitszügen TGV und einer von fünf Regionalzügen verkehren werden. Bei Air France gehen sie davon aus, dass etwa ein Drittel der Langstreckenflüge vom zentralen Flughafen Paris „Charles de Gaulles“ ausfällt.

Zwei Drittel der Mittelstreckenverbindungen und etwa 85 Prozent der Kurzstreckenflüge würden jedoch voraussichtlich stattfinden. Das Verkehrschaos dürfte damit programmiert sein.

Um ihre Fahrgäste nicht einfach stehen zu lassen, hat die SNCF eine Kooperation mit Carsharing- und Mitfahrdiensten gestartet. Jeder Fahrgast, der auf eine Mitfahrgelegenheit zugreift, kann das kostenlos tun. Doch kilometerlange Staus vor allem auf den Zugangsstraßen zu den Großstädten lassen sich auch so nicht vermeiden.

„Niemand hat Verständnis für diesen Streik. Der beginnt, während die Konsultationen mit den Gewerkschaften noch laufen und bevor die Beratung des Gesetzes in der Nationalversammlung begonnen hat“, schimpfte Bahnchef Guillaume Pepyi im Fernsehen.

Mit einer Streikwelle reagieren die Gewerkschaften auf die Reformpläne von Präsident Macron. Am Dienstag sollen fast 90 Prozent der Verbindungen ausfallen. Quelle: Reuters
Frankreichs Staatsbahn

Mit einer Streikwelle reagieren die Gewerkschaften auf die Reformpläne von Präsident Macron. Am Dienstag sollen fast 90 Prozent der Verbindungen ausfallen.

(Foto: Reuters)

Es geht in diesen Tagen um sehr viel mehr als nur die Reform der Bahngesellschaft. Gewerkschaften wie Regierung wissen: Wenn diese Reform scheitert, dann ist auch das Ansehen der Regierung und des Staatschefs selbst angekratzt.

Dann wird Macron nicht mehr der strahlende Held sein, als den ihn viele Franzosen derzeit noch sehen und verehren. Die Gewerkschaften wittern die Chance einer Revanche für die verlorene Auseinandersetzung um die Arbeitsreform im vergangenen Jahr. Und mehr noch: Sie hoffen, dass eine entschärfte oder gar ganz gestoppte Reform der Bahn auch das Ende weiterer Projekte von Macron, wie etwa die tiefgreifende Rentenreform, einläuten wird.

Sollte der Streik dagegen nach ein paar Tagen zusammenbrechen, öffnet sich vor Macron ein Boulevard für die Modernisierung Frankreichs.

Strippenzieher hinter dem Streik ist der Chef der radikalen Gewerkschaft CGT, Philippe Martinez. Die erste Runde der Auseinandersetzung mit Marcon im vergangenen Jahr hat er verloren, nur wenige 10.000 Arbeitnehmer konnte er gegen die Neugestaltung des Arbeitsgesetzes auf die Straße bringen.

Aktuell sieht es besser für ihn aus: Zum einen, weil auch die gemäßigte, reformerische Gewerkschaft CFDT mit dabei ist sowie auch Force Ouvrière, die im vergangenen Jahr beide nicht zum Streik aufgerufen hatten.

Zum anderen zeichnen sich neben der Auseinandersetzung bei der Bahn weitere Herde der Unzufriedenheit ab: Bei der Fluggesellschaft Air France läuft ein Arbeitskampf um höhere Löhne. In mehreren Städten streiken die Müllarbeiter, der nationale Stromversorger EDF steht dank des Wirkens der CGT vor einem Arbeitskampf, und auch an den Universitäten rumort es, weil Macron die Zugangsbedingungen zum Studium neu gestaltet.

Das Schlüsselwort für Martinez lautet „Konvergenz der Kämpfe“. Gemeint ist damit, dass sich alle irgendwie Unzufriedenen zu einer machtvollen Bewegung gegen die Regierung zusammenschließen sollen.

Es ist absolut nicht sicher, ob diese Hoffnung in Erfüllung geht. Doch die Chancen stehen diesmal etwas besser als im vergangenen Jahr.

Ende der Beamten-Bahn

Über Erfolg oder Misserfolg des Streiks bei der Bahn entscheidet letzten Endes die Reaktion der Franzosen: Halten Sie die Auseinandersetzung für gerechtfertigt, oder sehen sie darin die Verteidigung überholter Privilegien der „cheminots“, der SNCF-Mitarbeiter.

Bislang ist die öffentliche Meinung gespalten: Eine knappe Mehrheit ist für die Reform und gegen den Streik, eine knappe Minderheit sieht es genau andersherum. Aufschlussreich ist allerdings die Tatsache, dass fast drei Viertel der Franzosen davon überzeugt sind, dass die Reform am Ende durchkommen wird.

Die Regierung nimmt die Auseinandersetzung sehr ernst. Sie versucht, die Front der Gewerkschaften zu spalten, indem sie ihnen teilweise entgegenkommt. So ist sie davon abgerückt, die Abschaffung des Statuts der Eisenbahner und die Öffnung für den Wettbewerb mithilfe von Verordnungen schnell durch das Parlament zu bringen.

„Zu Verordnungen werden wir nur greifen, wenn es eine Blockade geben sollte“, sagte Verkehrsministerin Elisabeth Borne am vergangenen Wochenende. Auch ein inhaltliches Zugeständnis hat die Regierung bereits gemacht. Sie hat den Eisenbahnern zugesichert, das auch diejenigen, die künftig für einen privaten Wettbewerber der SNCF arbeiten, ihre bisherigen Vorteile wie Unkündbarkeit, eine vorteilhafte Rente und ein eigenes Gesundheitssystem behalten werden. Das war anfangs anders geplant.

Zumindest für alle aktuell Beschäftigten ist der Streik damit im Grunde genommen gegenstandslos geworden. Denn die Abschaffung des Statuts mit seinen Privilegien wie lebenslange Beschäftigung gilt jetzt nur noch für die neu Eingestellten.

Doch die radikalen Gewerkschaften machen geltend, das auch so noch der „Service public“ zerschlagen werde, die Beamten-Bahn also der Vergangenheit angehöre. Mit Letzterem haben sie recht.

Drei Monate soll der am Montagabend begonnene Streik andauern. Der Ausstand wird nicht die ganze Zeit andauern, auf jeweils zwei Streiktage folgen drei Arbeitstage. Auf diese Art wollen die Gewerkschaften die Einkommen der Streikenden schonen.

Denn an den Tagen, an denen sie nicht arbeiten, erhalten sie natürlich auch keinen Lohn. Gleichzeitig sind die Gewerkschaften finanziell so schwach, dass sie keine eigene Streikkasse haben.

Der letzte größere Eisenbahnerstreik noch unter Staatspräsident François Hollande war nach zwei Wochen zusammengebrochen, weil sich immer weniger SNCF-Mitarbeiter beteiligten. Frankreich steht vor Wochen einer zermürbenden Auseinandersetzung.

Der Handelsblatt Expertencall
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2 Kommentare zu "Streik: Ab Dienstag stehen Frankreichs Züge still"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Drei Monate Streik? Dann muß dass verboten werden. Wenn man von Gewerkschaften nur noch erpresst wird, dann muß man so rigeros vorgehen, wie seinerzeit Frau Thatcher.

  • Das war zu erwarten, und da muss Macron jetzt durch. Solche Streiks hat in Frankreich immer gegeben, und wer etwas aendern will, muss damit fertig werden.