Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Streit um die Kohle Warum der Klimawandel Australiens Regierung aus dem Amt fegen dürfte

Die regierenden Konservativen in Australien unter Premierminister Morrison stehen vor dem politischen Aus. Das liegt auch an seinem Kampf für die Kohle.
Kommentieren
Australien: Klimawandel könnte Regierung aus dem Amt fegen Quelle: Reuters
Bürgerprotest in Australiens Hauptstadt Canberra

Demonstranten protestieren gegen die Politik der konservativen Regierung von Scott Morrison (Puppe rechts) Er setzt weiter auf Kohle als Energieträger und ignoriert den Klimawandel. Viele Australier machen sich dagegen Sorgen wegen der Rekord-Hitzewellem, Buschfeuer und dem Absterben der Korallen am Great Barrier Reef.

(Foto: Reuters)

CanberraVor dem Parlamentsgebäude in Canberra haben sich 5.000 Menschen versammelt. Sie fordern von der Regierung, Pläne für den Bau einer der größten Kohleminen der Welt zu stoppen – und drohen mit Blockaden von Straßen, Bahnlinien und Verladehäfen. „Wenn es sein muss, gehe ich auch ins Gefängnis“, ruft der australische Bestsellerautor und Gewinner des Man-Booker-Preises Richard Flanagan, der vor der Menge steht, wütend in ein Mikrofon – und die Menschen jubeln. Der weitere Abbau des „Klimakillers“ Kohle in Australien müsse verhindert werden, sagt Flanagan im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Es geht um unser Überleben.“

Wirbelstürme und unkontrollierbare Waldbrände, jahrelange Dürreperioden und die Ausbleichung der Korallen am Great Barrier Reef: Die Australier spüren den Klimawandel längst. Der Kampf gegen die globale Erwärmung der Erdatmosphäre ist für sie deshalb das entscheidende Thema im Vorfeld der Parlamentswahlen am Samstag. Zwischen den Parteien führen sie zu harten Auseinandersetzungen.

Die konservative Regierung unter Premierminister Scott Morrison lehnt Klimawarnungen regelmäßig als „alarmistisch“ ab. Australien verfolge vielmehr eine „pragmatische“ Klimapolitik, so der ehemalige Werbefachmann. Zwar will Canberra trotz Drucks von rechts nicht aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen – ein solcher Schritt würde die laufenden Verhandlungen um einen Freihandelsvertrag mit der EU begraben. Mit einer Reduktion der Emissionen bis 2030 um 26 Prozent gegenüber dem Stand von 2005 will Australien aber nur mit einem Minimum zum globalen Klimaschutz beitragen. Und selbst dieses Ziel, prognostizieren Experten, könne die Regierung mit den bisher vorgeschlagenen Maßnahmen nicht erreichen.

Mit einem Klumpen Kohle in der Hand ins Parlament

Der wichtigste Grund: Morrison hält eisern an Kohle als wichtigster Stromquelle fest. 2017 marschierte er – damals noch Schatzkanzler - mit einem Klumpen Kohle in der Hand ins Parlament. Es gäbe von dem Rohstoff, von dem Australien 61 Prozent seines Stromes bezieht und der dem Land Milliarden an Exportdollars einbringt, „nichts zu befürchten“.

Kritiker wie Autor Flanagan sehen die klimaskeptischen Parlamentarier der Koalitionsregierung aus Morrisons Liberalen Partei Australiens und der Nationalpartei im Interesse der Kohleindustrie handeln. Zu den Verfechtern des Kohlekurses gehört Energieminister Angus Taylor. Australien sei „nur für 1,6 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Entsprechend minimal sei deshalb die Verpflichtung, sie zu reduzieren. Kohle werde noch Jahrzehnte lang als Energieträger von Bedeutung sein – weltweit.

Oppositionsführer Bill Shorten beantwortet die Ängste eines wachsenden Teils der Bevölkerung mit einem Wahlversprechen: Sollte die Laborpartei am Samstag nach fast sechs Jahren an die Macht zurückkehren, will er die Kohlendioxidemissionen stärker senken. Bis 2030 sollen dann 50 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. Derzeit sind es zwölf Prozent.

Dieses Ziel sei mit gutem politischem Willen leicht erreichbar, so der Wirtschaftsprofessor Ross Garnaut, mit Blick auf die in Australien endlosen Energie-Ressourcen Sonne und Wind. Trotz der Unsicherheit über die Richtung der australischen Energiepolitik haben in den vergangenen Jahren hunderte von Firmen und Millionen von Haushalten in Solar- und Windenergie investiert.

Angesichts der drohenden Wahlniederlage warnen die Konservativen indes vor einem wirtschaftlichen Armageddon, sollte die Labor-Opposition ihre Klimaziele verwirklichen. So behauptete Energieminister Taylor, eine Shorten-Regierung würde jeden Haushalt dazu verdammen, für tausende von Dollar Ladestationen zu installieren für Elektrofahrzeuge. Der bekannte Technologie-Entrepreneur und Milliardär Michael Cannon-Brookes antwortete Taylor auf Twitter ohne jegliche Schnörkel: „Das ist ganz einfach gelogen. Denn jedes Haus in Australien hat schon eine Steckdose.“

Hohe Häuserpreise und Jobunsicherheit

Neben dem Hauptwahlkampfthema Klimawandel beschäftigen die Australier, deren Volkswirtschaft fast 30 Jahre lang ungebremst gewachsen ist, die hohen Immobilienpreise im Land, Jobunsicherheit und steigende Lebenshaltungskosten. Premier Morrison will unter anderem damit punkten, dass er die Mindestgrenze für Eigenkapital bei einer Hausfinanzierung von 20 auf fünf Prozent senken will. Für den Rest garantiere der Staat bei der Bank.

Dass Morrison versucht, mit seinem Versprechen „Millennials“ und „Post-Millennials“ für sich zu gewinnen, ist kein Zufall. Zwischen 1981 und 1997 geborene Australier klagen zunehmend darüber, dass für sie von den Boomjahren zu wenig abgefallen sei. Und jetzt, wo die Jahren hohen Wachstums vorbei sind, erwarten sie keine Änderung. In diesem Jahr dürfte das Bruttoinlandsprodukt um 2,2 Prozent wachsen, schätzt Deloitte.

Im internationalen Vergleich hat sich Australien am Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren schlechter geschlagen als viele andere Industriestaaten.  „Als die konservative Regierung 2013 die Macht übernahm, lag die Arbeitslosenrate bei 5,71 Prozent“, sagt der Finanzkommentator Alan Austin. „Das entsprach der sechsttiefsten Rate unter den OECD-Staaten“. Heute finde sich Australien auf Platz 18. Mitte 2018 lag die Arbeitslosenrate bei 5,4 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen unter den 15- bis 19-Jährigen habe sich im selben Zeitraum von 16,4 Prozent auf 18,1 Prozent erhöht, so Austin. Auch dies sei eine signifikante Verschlechterung im internationalen Vergleich.

Wer einen Job hat, kann nicht mit einer Gehaltserhöhung rechnen: Seit Jahren stagnierende Löhne seien eines der größten Hindernisse für junge Menschen, um auf einen grünen Zweig zu kommen, schreibt die Denkfabrik Australia Institute. Noch größer aber sei das Problem der Unterbeschäftigung. Über eine Million Australier haben mindestens zwei Jobs, weil sie sonst ihre Lebenshaltungskosten nicht decken können.

Karitative Organisationen sind alarmiert, dass immer öfter Familien bedürftig werden, in denen beide Elternteile arbeiten. Auch ein doppelter Verdienst reicht bei Teilzeitjobs, die kurzfristig kündbar sind, oft nicht aus.  Diese Kombination von Einkommensunsicherheit, hohen Lebenshaltungskosten und trotz der jüngsten Abkühlung noch immer historisch hohen Preisen für Immobilien ist mit dafür verantwortlich, dass heute 30 Prozent aller Australier Mieter sind.  Immer weniger junge Australier können sich den Traum verwirklichen, der noch für ihre Eltern selbstverständlich gewesen war: ein Eigenheim.  

Brexit 2019
Startseite

0 Kommentare zu "Streit um die Kohle: Warum der Klimawandel Australiens Regierung aus dem Amt fegen dürfte "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.