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Südamerika Bezahlen mit Eiern statt mit Geldscheinen – Venezuela steht kurz vor der Hyperinflation

Wegen der Inflation wird in Venezuela mit Lebensmitteln bezahlt – auch weil die leichter zu transportieren sind als Schubkarren voller Bargeld.
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Aus einem der reichsten Länder Lateinamerikas ist das Armenhaus des Kontinents geworden. Quelle: dpa
Krankenpfleger und Ärzte protestieren in Venezuela

Aus einem der reichsten Länder Lateinamerikas ist das Armenhaus des Kontinents geworden.

(Foto: dpa)

SalvadorVenezuela wird bald eine Hyperinflation von einer Million Prozent Abwertung erreichen, prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF). „Die Situation ist ähnlich zu der in Deutschland 1923 oder Simbabwe in den späten 2000er-Jahren“, heißt es in einer Analyse des IWF. Der Vergleich Venezuelas mit der Weimarer Republik und Robert Mugabes Simbabwe lässt düstere Prognosen zu für Venezuelas Zukunft.

So sind die Gründe für die Hyperinflation in Deutschland wie in Venezuela ziemlich ähnlich: Wie die Regierung der Weimarer Republik damals zahlt auch das sozialistische Regime unter Nicolás Maduro seine Schulden und laufenden Ausgaben mit der Notenpresse. Der Staat nimmt kaum noch Steuern ein. Deutschland zahlte 99 Prozent der finanziellen Verpflichtungen mit neu gedrucktem Geld.

In Venezuela ist die Lage ähnlich. Die sozialistischen Regierungen unter Hugo Chávez und Nachfolger Maduro haben in fast zwei Jahrzehnten die Wirtschaft weitgehend verstaatlicht. Die Folge: Wegen Korruption, Fehlplanung und Missmanagement produzieren die wenigsten Unternehmen in staatlicher Hand noch etwas.

Die Wirtschaft ist in vier Jahren um 60 Prozent geschrumpft. Die Folge: Die Einnahmen des Staates hängen allein von den Ölexporten ab. Doch auch die schrumpfen: Das Ölland mit den höchsten Reserven der Welt produziert nur noch 1,5 Millionen Fass pro Tag – statt etwa drei Millionen, wie es früher einmal war.

Also bleibt der Zentralbank in Caracas nichts anderes übrig, als künstlich Geld zu schaffen, um Staatsangestellte und Militärs zu bezahlen und den Staatsapparat am Laufen zu halten. Dafür lässt die Zentralbank seit Jahren schon immer wieder Flugzeugladungen an druckfrischen Banknoten einfliegen.

Auf dem Schwarzmarkt wird ein US-Dollar für 3,5 Millionen Bolivar gehandelt. Ähnlich viele Mark musste man in Deutschland 1923 für einen Dollar zahlen. Auch der Inflationsalltag im Karibikland heute ähnelt dem der Weimarer Republik damals: Die größte Banknote Venezuelas, der 500.000-Bolivar-Schein, der am 20. August lanciert werden soll, ist heute bereits nur noch 15 Dollarcent wert, in drei Wochen vermutlich nur noch einen Bruchteil davon.

In der Weimarer Republik wurden Scheine mit dem Aufdruck „1 Milliarde Mark“ und später sogar als „500 Milliarden Mark“ ausgeliefert. In Venezuela wurde Geld bis vor Kurzem gewogen. Kleine Scheine wurden weggeworfen, weil sie niemand mehr annimmt. Inzwischen fehlt aber wieder Bargeld, weil Busfahrten oder Kaffee noch immer bar bezahlt werden.

Eier haben sich als eine Ersatzwährung etabliert. In einem Land, in dem die Bevölkerung wegen der Mangelwirtschaft Hunger leidet, ist ein Eierkarton beim Einkauf praktischer und liquider als eine Einkaufstüte voll übelriechender Geldnoten.

Um die Abwertung des Bolivars zu messen, veröffentlicht Bloomberg jetzt täglich einen „Café-con-Leche-Index“. Dafür nimmt die Agentur den täglich steigenden Preis für einen Milchkaffee in einer Bäckerei in Caracas als Basis.

Venezuelas Misere hat mit einer Dekade historisch hoher Ölpreise zu tun. Das Land konnte sich großzügige Sozialausgaben leisten. Die gewaltige Korruption und Ineffizienz im Staatsapparat schmerzten nicht allzu sehr.

Als die Ölpreise 2013 sanken, reagierte die Regierung hilflos. Immer neue Pläne und Reformen für die Wirtschaft stellte der Präsident vor. Viele waren kaum lanciert, da waren sie auch schon wieder vergessen. So wie etwa die Kryptowährung Petro im Mai dieses Jahres.

Despoten können auch Hyperinflationen überstehen

IWF-Direktor Alejandro Werner sieht keinerlei Anzeichen dafür, dass die Regierung eine Korrektur der Wirtschaftspolitik plant. Dafür weitet Maduro erfolgreich seine Macht weiter aus. Seit seiner ersten Wahl 2013 hat er sich zum Diktator gewandelt.

Womit er wiederum Robert Mugabe in Zimbabwe gleicht, der sein Land bis 2017 insgesamt 30 Jahre autoritär regierte. Als die Armut in der Bevölkerung zunahm und die Lebenserwartung deutlich sank, hielt Mugabe seine Bevölkerung mit in Nordkorea trainierten Militärs in Schach. Kaum anders macht es Maduro mit seinen von Kuba ausgebildeten Geheimdienstlern und Militärs.

In Venezuela sind ausgemerzte Krankheiten wieder aufgetaucht. Die Venezolaner leiden an Unterernährung. Sie sterben an einfachen Infektionen, weil Medikamente fehlen. Aus einem der reichsten Länder Lateinamerikas ist das Armenhaus des Kontinents geworden.

Die Hyperinflation in Simbabwe endete schließlich dadurch, dass der US-Dollar offizielle Leitwährung wurde. Doch obwohl die Wirtschaftsleistung um die Hälfte geschrumpft ist, konnte sich Diktator Mugabe noch weitere zehn Jahre an der Macht halten.

Das Land lebt von den Auslandsüberweisungen der geschätzt drei Millionen Simbabwer, die nach Südafrika oder Großbritannien geflohen sind – genauso ergeht es den Venezolanern. Entscheidend für das Überleben Mugabes war, dass China als Kreditgeber einsprang, nachdem westliche Geldgeber den Hahn zugedreht hatten.

Wie in Venezuela: Dort hat China 60 Milliarden Dollar Kredit gegeben. Der inzwischen größte Gläubiger des Landes hat gerade wieder einen Hilfskredit von stolzen fünf Milliarden Dollar überwiesen.

Für die Venezolaner müssen die Analogien mit Mugabe verstörend wirken. Sie zeigen, dass Despoten selbst eine Hyperinflation überstehen können.

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