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„Sultan Erdogan“ „Was fällt Euch ein, meine Polizei anzugreifen?“

„Lumpen", „Gesindel“, „Anarchisten“, „Plünderer“ – so bezeichnet der türkische Premier Tayyip Erdogan die Protestierer im eigenen Land. Er verspricht sich politischen Gewinn davon. Doch sein Spiel ist brandgefährlich.
11.06.2013 - 12:19 Uhr 50 Kommentare

Polizei stürmt Taksim Platz

Istanbul Eigentlich wollte Tayyip Erdogan am Mittwoch Vertreter der Demonstranten vom Taksim-Platz empfangen, doch zuvor demonstriert der türkische Ministerpräsident noch einmal unerbittliche Härte: Am Dienstagmorgen ließ er starke Polizeikräfte mit Wasserwerfern, gepanzerten Fahrzeugen, Tränengas und Reizspray auf den Platz vorstoßen, der seit Tagen von Demonstranten besetzt ist. Vom Stadtteil Besiktas aus rückte die Polizei vor. Von Demonstranten wurde sie mit Molotowcocktails empfangen. Es soll zahlreiche Verletzte gegeben haben. Die Massenproteste nannte Erdogan in einer Rede am Dienstag eine Episode, die nun vorbei sei. „Wir werden keine Toleranz mehr zeigen.“

Tausende Anhänger der neuen türkischen Protestbewegung sind am Dienstagabend zum Taksim-Platz im Zentrum von Istanbul marschiert. Die Polizei, die kurz zuvor noch mit Wasserwerfern und Tränengas-Granaten gegen die Regierungsgegner vorgegangen war, wich zurück. Die Beamten zogen sich nach Angaben eines dpa-Reporters mit Wasserwerfern auf eine Seite des Platzes zurück. Die Demonstranten folgten einem Aufruf der Taksim-Plattform, die scharfe Kritik am gewaltsamen Vorgehen der Polizei übte.

Die Protestwelle hat inzwischen auch andere Städte erfasst. Sie begann mit der brutalen Räumung eines Protestlagers im Gezi-Park am Rande des Taksim-Platzes. Inzwischen richten sich die Demonstrationen aber auch gegen den als autoritär empfundenen Kurs von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und seiner islamisch-konservativen Partei.

Istanbuls Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu erklärte, mit dem Einsatz sollten lediglich Plakate und Spruchbänder auf dem Platz entfernt werden. Ob auch das Camp der friedlichen Protestbewegung im angrenzenden Gezi-Park geräumt werden soll, war zunächst unklar. Dort harren Tausende seit zehn Tagen in Zelten aus. Sie wollen Erdogans Pläne durchkreuzen, die Bäume des Parks abzuholzen und dort die Replika einer Militärkaserne aus der osmanischen Zeit zu errichten. Erdogan selbst verteidigte in seiner Rede vor Abgeordneten seiner islamisch-konservativen Regierungspartei AKP in Ankara das Vorgehen der Polizei und dankte der Polizeiführung.

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    Mit dem massiven Polizeieinsatz vom Dienstagmorgen ging eine Phase vermeintlicher Entspannung zu Ende. Sie war von kurzer Dauer. Staatspräsident Abdullah Gül traf sich zwar mit dem Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu; er mahnte die Regierung, „abweichende Meinungen mit gegenseitigem Respekt anzuhören“. Und Vizepremier Bülent Arinc entschuldigte sich gar bei den Opfern des brutalen Polizeieinsatzes am 31. Mai im Istanbuler Gezi-Park, von wo die Protestwelle vor zehn Tagen auf Dutzende türkische Städte übergegriffen hatte.

    Aber seit Ministerpräsident Erdogan am vergangenen Wochenende von einer Reise durch Nordafrika in die Türkei zurückkehrte, wird wieder geholzt. „Lumpen" und „Gesindel“, „Anarchisten“ und „Plünderer“ sind die Demonstranten für Erdogan, er rückt sie in die Nähe von „Terroristen“. Bisher habe er Geduld gezeigt, aber „die Geduld hat ihre Grenzen“, droht Erdogan. Wenn die Proteste nicht sofort beendet würden, müsse man den Demonstranten „in einer Sprache antworten, die sie verstehen“, warnte der Premier am Sonntag in Ankara vor johlenden Anhängern.


    Es ist eine Sprache, mit der man sich auf den Straßen des Istanbuler Hafenviertels Kasimpasa behaupten kann, wo Erdogan aufwuchs. Als Ministerpräsident hat er diese brutale Diktion in den politischen Diskurs eingebracht. „Was fällt Euch ein, meine Polizei anzugreifen?“, herrscht er Kritiker der brutalen Polizeieinsätze an, die auch im Ausland Unverständnis und Besorgnis auslösen.

    Angst vor den Militärs, die sich früher als Wächter über die weltliche Verfassungsordnung sahen und noch 2007 ein (gescheitertes) Verbotsverfahren gegen seine islamisch-konservative Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) in Gang setzten, hat Erdogan offensichtlich nicht mehr. Noch vor einigen Jahren hätten ihm die Generäle wohl mit einem Staatsstreich Einhalt geboten. Inzwischen aber ist das Militär entmachtet. Hunderte Offiziere, darunter 72 Ex-Generäle, sitzen wegen Putschvorwürfen im Gefängnis.

    Er werde Börsenspekulanten „die Kehle zudrücken“
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    50 Kommentare zu "„Sultan Erdogan“: „Was fällt Euch ein, meine Polizei anzugreifen?“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • maro12
      ein hervorragender Beitrag. Danke
      Genau so ist es.
      Die hier lebenden Türken, die sich mehr und mehr von DitiB aufhetze lassen und sich jeder Integration verweigern, machen doch genau das, was Erdogan will
      Erdogan ist ein Islamist und er will die Türkei zurück führen in einer strengen islamischen Staat
      Sie könnten Recht behalten, dass es auch hier noch zu Verwerfungen kommt.
      Komisch, dass unsere Grünlinge, die Multikulti so hochhalten auffallend still sind
      Und das Gefasel über einen EU-Beitritt dürfte sich wohl nun erledigt haben

    • Der STAAT bekämpft den Bürger.

      Heute in der Türkei, gestern in Griechenland, morgen in Berlin.

      Wachen die Leute denn erst auf, wenn ihnen der Gummiknüppel den Kopf zerschmettert?

      Die STAATSAPPARATE werden zu Monstern!

    • Blödsinn! Assad ist kein Schlächter sondern die vom Mossad und der CIA unterstützten Rebellen sind es!

    • Die Medien gehören den Bilderbergern!

    • Erdogan der Bilderberger Mafiosi!

    • Mir war von vornherein klar,das Erdogan seine Ziele mit
      aller List und Tücke durchsetzen wird.Mein Mann(Türke)und
      ich waren von Anfang an skeptisch ihm gegenüber.Wer seine
      Frau so demonstrativ mit einem Kopftuch präsentiert,will
      irgendwann seine Macht präsentieren.Die Beleidigungen
      gegenüber den Demonstranten sprechen doch nur die eine
      Sprache,keinerlei Toleranz für Andersdenkende.Bloss gut,
      das die Kanzlerin keine EU-Mitgliedschaft wollte.Erdogan
      ist ein Diktator,wie Assad in Syrien.Ich hoffe,er lenkt
      noch ein.Denn sonst könnte es sein,das auch in Deutsch-
      land noch unangenehme Demonstrationen folgen werden.Wie
      schon oft festgestellt,geht die 3.Generation mit Ihrer
      Religion ihre eigenen Wege.Integration ist kaum gewollt,
      und dazu hat ein gewisser Erdogan eine sehr grosse
      Mitschuld.Soll er doch seine Landsleute zurücknehmen,
      aber das will er nicht,so hat er mehr Kontrolle.Von ihm
      werden wir noch viel hören,aber nichts Gutes.

    • „Können wir unsere Plätze Anarchisten überlassen?“

      Ich sehe keine Anarchisten, denen es nur um Zerstörung geht.

      Ich sehe unter den Demonstranten und ihren Unterstützern viele gebildete, geistreiche Menschen die auf den Netztwerken einen frischen Esprit versprühen, dass es mir die Sprache verschlägt und die sich von der drögen Klassenkampfrhetorik bundesdeutscher Berufsdemonstranten wohltuend unterscheidet.

      Weiter so!

    • Erdogan ist nichts anderes als Assad,der Schlächter von Syrien.

    • Sehr geehrter "crazy". Seien Sie versichert: Alles, was Sie uns vorwerfen, liegt nicht in unserem Interesse. Mehr zu den Leitlinien des Unternehmens finden Sie hier:
      ( http://www.vhb.de/VHBContent/Unternehmen/Unternehmensleitlinien/default_319.aspx )

    • Einerseits: wo liegt der Unterschied zwischen der Kopie einer osmanischen Militätkaserne und einem preußischen Stadtschloss - in Zeiten der Krise versuchen alle Orientierung in der Vergangenheit zu finden. Andererseits: Wem dient die verschärfte Lagerbildung entlang religiös definierter Identitätsmerkmale? Letztlich sind sie Ausdruck der Konzentration von Geld und Macht in den Händen Weniger, die damit dann gerne Geschichte schreiben wollen - auch wenn die Geschichte mit Blut geschrieben wird.

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