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Syrien-Konflikt Offener Krieg in Idlib droht – Erdogan lässt Flüchtlinge nach Europa

Bei einem Angriff syrischer Truppen sterben Dutzende türkische Soldaten. Es droht ein offener Krieg – und eine neue Flüchtlingswelle.
28.02.2020 - 00:37 Uhr 2 Kommentare

Fast eine Million Menschen auf der Flucht wegen Gefechte in Idlib

Istanbul Im syrischen Idlib kündigt sich ein offener Krieg zwischen der Türkei und dem Assad-Regime an. In der Nacht zum Freitag haben mutmaßlich syrische Militäreinheiten bei einem Luftschlag Dutzende türkische Soldaten getötet. Präsident Recep Tayyip Erdogan reagiert unter anderem mit Gegenschlägen auf syrische und russische Stellungen – und will Flüchtlinge im Land nicht mehr an einer Weiterreise nach Europa hindern.

Der Gouverneur der türkischen Grenzprovinz Hatay, Rahmi Dogan, gab am Abend bekannt, dass bei einem Luftangriff auf türkische Soldaten in Idlib neun Soldaten getötet und mehrere schwer verletzt worden seien. Später korrigierte er die Angaben auf 29 getötete Soldaten, 36 wurden verletzt. Das sind jedoch nur die offiziellen Zahlen.

Quellen aus dem Präsidialamt sowie im türkischen Geheimdienst berichten jedoch dem Handelsblatt, dass weit über 60 Soldaten getötet worden sein könnten. Diese Zahlen scheinen bisher auf Berechnungen zu beruhen, wonach zwei militärische Züge und ein Bataillon angegriffen worden seien.

Noch in der Nacht meldeten türkische Medien, das Militär habe Raketen auf die syrische Stadt Hama, die Dörfer Nubl und Zahraa und einen Militärstützpunkt nahe der Hafenstadt Latakia gefeuert. Dieser Stützpunkt wird von Russland unterhalten. Am frühen Freitagmorgen (Ortszeit) gab der türkische Kommunikationsminister Fahrettin Altun bekannt, dass das türkische Militär alle bekannten Stellungen des syrischen Militärs unter Beschuss genommen habe. Ob sich die Angaben auf die Grenzregion beziehen oder auf das gesamte Land, ist nicht bekannt.

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    „Mit unseren Luft- und Bodenraketen wurden alle bekannten Ziele des Regimes unter Beschuss genommen“, sagte Altun in der Nacht. „Wir fordern alle Beteiligten des Astana-Prozesses auf, ihrer Verantwortung nachzukommen.“ Damit sind vor allem Russland und Iran gemeint, die in dem gemeinsamen Format mit der Türkei eine Befriedung verschiedener Regionen in Syrien beschlossen hatten.

    Die jüngsten Angriffe des syrischen Regimes auf türkische Soldaten haben diese Abmachung vorerst nichtig gemacht. Es droht damit ein offener Krieg zwischen dem Nato-Mitglied Türkei und Syrien – und damit auch Russland. Die Situation in der letzten umkämpften syrischen Rebellenhochburg hatte sich zuletzt immer weiter zugespitzt, nachdem syrische Regimetruppen immer häufiger türkische Beobachtungsposten angegriffen hatten.

    Türkei erhöht den Druck auf Nato und EU

    Die Türkei wird syrische Flüchtlinge nach Angaben von Regierungsbeamten nicht länger von der Flucht über Land oder See nach Europa abhalten. Die türkische Polizei, Küstenwache und Grenzschützer seien angewiesen worden, sich zurückzuhalten. Das melden mehrere türkische Medien sowie die Nachrichtenagentur Reuters.

    Damit wolle die Türkei den Druck auf Nato und EU aufbauen, Ankara in Syrien zu unterstützen, heißt es aus dem Präsidialamt. EU-Beamte haben sich zu den mutmaßlichen Vorgängen noch nicht geäußert.

    Hintergrund ist eine Offensive des staatlichen syrischen Militärs, die letzte Rebellenhochburg Idlib mit militärischen Mitteln einzunehmen. Die Türkei hat dort nach dem sogenannten Sotschi-Abkommen hunderte Soldaten stationiert. Sie fahren Patrouille und unterhalten rund ein Dutzend Sicherheitsposten.

    Zuletzt waren Assads Truppen immer weiter in die Provinz vorgedrungen. Erst waren die syrischen Soldaten an den türkischen Beobachtungsposten vorbeigefahren. Doch mit der Einnahme strategischer Dörfer sowie einer wichtigen Autobahn zwischen Aleppo und Damaskus Anfang Februar spitzte sich die Lage immer weiter zu. Die Türkei hatte vor dem mutmaßlichen Luftschlag vom Donnerstagabend alleine in diesem Monat 17 gefallene türkische Soldaten in der Region zu beklagen.

    Präsident Erdogan berief noch am späten Donnerstagabend (Ortszeit) eine Dringlichkeitssitzung des Nationalen Sicherheitsrates ein. Erdogan leitet das laufende Treffen mit Verteidigungsminister Hulusi Akar und hochrangigen Sicherheitsbeamten des Militär- und Geheimdienstes. Auch die Parteichefin der oppositionellen Iyi-Partei, Meral Aksener, wurde ins Präsidialamt berufen. Das Treffen soll rund zwei Stunden gedauert haben.

    Der Chef der größten Oppositionspartei CHP, Kemal Kilicdaroglu, berief ein Krisentreffen in der Parteizentrale ein. Außenminister Mevlüt Cavusoglu hat laut dem türkischen Staatssender TRT noch am Abend mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg telefoniert.

    Der Angriff erfolgte auf den türkischen Beobachtungsposten in Al Bara, südlich der Stadt Idlib in der gleichnamigen Provinz. Tagsüber hatten syrische Einheiten eine türkische Nachschubeinheit auf dem Weg zu dem Posten angegriffen und mehrere Soldaten getötet, abends dann griffen Regimeeinheiten den Posten selbst an.

    Auf mehreren Videoaufnahmen, die dem Handelsblatt am Donnerstagabend (Ortszeit) zugespielt wurden, sind neben den kauernden türkischen Soldaten auch Szenen eines nahe gelegenen türkischen Krankenhauses zu sehen. Im Sekundentakt treffen Notarztwagen ein und bringen vermutlich verletzte Soldaten in die Notaufnahme.

    US-Senator fordert Flugverbotszone

    Der US-amerikanische Senator Lindsey Graham forderte in Washington noch am Donnerstag (Ortszeit) eine Flugverbotszone über Idlib, „um das Leben tausender unschuldiger Männer, Frauen und Kinder vor einem grausamen Tod zu schützen“. Bereits in dieser Woche hatte es Meldungen gegeben, wonach die USA Flugabwehrraketen an die türkisch-syrische Grenze schicken könnte.

    Türkische Behörden haben soziale Medien wie Twitter und Instagram noch in der Nacht Stück für Stück gesperrt, vermutlich, um Spekulationen zu unterbinden und um über Nacht die Meinungshoheit über die Vorgänge nicht abzugeben.

    Das Video ist kurz, und es zeigt möglicherweise die letzten Sekunden im Leben Dutzender türkischer Soldaten. Sie sitzen gebückt in einem halb zerstörten Gebäude, die Kamera ist auf dem Helm einer der Soldaten montiert, das Bild wackelt. Die jungen Männer sind nervös. Dann endet das Video, nach neun Sekunden, abrupt.

    Mehr: Lesen Sie hier über das riskante Kräftemessen zwischen Putin und Erdogan.

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    2 Kommentare zu "Syrien-Konflikt: Offener Krieg in Idlib droht – Erdogan lässt Flüchtlinge nach Europa"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • "Im syrischen Idlib kündigt sich ein offener Krieg zwischen der Türkei und dem Assad-Regime an."

      Obacht: "Im >syrischen< Idlib".
      Was macht türkisches Militär denn überhaupt dort?

    • "syrische Militäreinheiten". Interessant. Ich behaupte eher, es waren russische Kampfflieger, aber ok. Schwammige Berichterstattung ist von Ihnen ja nichts Neues.

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