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Syrien-Krieg Die Türkei gerät in Isolation – doch die Gesellschaft findet darin einen Kitt

Fast die ganze Welt kritisiert die Türkei wegen der Offensive in Syrien. Weite Teile der türkischen Gesellschaft aber reagieren mit ausuferndem Patriotismus.
15.10.2019 - 16:48 Uhr Kommentieren
Der Einsatz im Norden des Landes wird international stark kritisiert. Quelle: dpa
Von der Türkei unterstützte Rebellen in Syrien

Der Einsatz im Norden des Landes wird international stark kritisiert.

(Foto: dpa)

Istanbul Auch Fußballspiele sind politisch geworden. Zumindest, wenn die Türkei spielt. Beim Spiel Frankreich gegen die Türkei am Montagabend konnte man gut beobachten, wie sich die Intervention des türkischen Militärs und die anhaltende Kritik des Westens an diesem Einsatz auf die Gesellschaft des Landes auswirken. Nach Abpfiff stellten sich mehrere Spieler der türkischen Mannschaft vor den Gästeblock und salutierten.

Der Gruß galt dem türkischen Militär, das derzeit einen umstrittenen Kampfeinsatz in Nordsyrien unternimmt. Fast die ganze Welt kritisiert die türkische Führung wegen der Intervention. Kurz vor Abpfiff kündigten die USA Sanktionen gegen die Türkei an. Doch in weiten Teilen der türkischen Gesellschaft sorgt das nicht für Unmut – sondern für einen ausufernden Patriotismus.

Meral Aksener, Chefin der türkischen Oppositionspartei Iyi Parti, zeigte ein Foto der salutierenden Fußballspieler auf ihrem Twitter-Account, versehen mit den Worten: „Wie glücklich, wer sich Türke nennen darf.“ Über 10.000 Menschen gefiel dieser Beitrag, mehr als bei anderen Tweets der Politikerin. Der neue oppositionelle Bürgermeister Istanbuls, Ekrem Imamoglu, zeigte dasselbe Foto auf seinem Twitter-Account und wünschte der Nationalmannschaft damit viel Erfolg.

„Ihr seid der Stolz der schönsten Nation“, schrieb eine Nachrichtenmoderatorin auf Instagram. Die regierungsnahe Zeitung „Yeni Safak“ listet bereits die Waffen auf, auf die das türkische Militär im Falle eines erweiterten Exportverbots zurückgreifen könne. „Die Waffenembargos der Europäer treffen das türkische Militär nicht“, ist die Zeitung überzeugt.

Anlass ist ein türkischer Militäreinsatz in Nordsyrien. Die türkische Führung in Ankara will dort Milizen der YPG, die Ankara für ein Synonym de Terrorgruppe PKK hält, von der Grenze vertreiben. In der Region soll außerdem eine Sicherheitszone für bis zu zwei Millionen syrische Flüchtlinge aus der Türkei entstehen.

Was im eigenen Land auf große Unterstützung stößt, sorgt international für Streit. Die USA verhängten am Montagabend (Ortszeit) Sanktionen gegen die Türkei. So steigen die Zölle auf Stahl auf 50 Prozent, außerdem wurden zwei Ministerien und drei Minister mit Sanktionen belegt. Die türkische Lira reagierte bislang gelassen auf die Strafmaßnahmen.

VW zweifelt an der Türkei

Nicht nur politisch ist die Türkei zunehmend isoliert. Der Autobauer Volkswagen, der ein neues Werk in der Türkei bauen möchte, vertagte die offizielle Entscheidung auf unbestimmte Zeit. „Die gegenwärtige Lage beobachten wir sorgfältig und blicken mit Sorge auf die derzeitige Entwicklung“, erklärte ein Sprecher dem Handelsblatt.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat sich mit unerwartet klaren Worten gegen den Bau eines VW-Autowerks in der Türkei ausgesprochen. „Ich kann mir persönlich nicht vorstellen, dass unter diesen Bedingungen Volkswagen ein Milliardenengagement in der Türkei eingehen kann“, sagte der SPD-Politiker am Dienstag vor Journalisten.

Die Außenminister der EU-Staaten hatten die türkische Militäroffensive in Nordsyrien bei einem Treffen in Luxemburg zuvor scharf verurteilt. Die Intervention gefährde die Stabilität und Sicherheit in der ganzen Region und führe zu einem noch größeren Leiden von Zivilisten und zu weiteren Vertreibungen. Ein Waffenembargo oder Sanktionen wurden aber nicht beschlossen.

Der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jürgen Hardt, äußerte sich skeptisch zu möglichen Sanktionen. „Sanktionen gegen die Türkei, einen Nato-Partner, wären kontraproduktiv. Wir brauchen eine stabile und starke Türkei an der Süd-Ost-Flanke der Nato“, sagte der CDU-Politiker. „Den Einsatz zu kritisieren ist das eine, Maßnahmen, die die Türkei schwächen, wären etwas ganz anderes.“

Der CDU-Außenexperte und Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, Norbert Röttgen, hatte zuvor wegen der türkischen Offensive einen kompletten Rüstungsexportstopp für den Nato-Partner gefordert.

Assad profitiert vom Chaos

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan lässt sich beim Syrieneinsatz von politischen und militärischen Zielen leiten. Politisch ist er geschwächt, nachdem die Opposition bei den Kommunalwahlen Erfolge erzielt hat. Insbesondere die Wahlschlappe in Erdogans Heimatstadt Istanbul war eine Demütigung.

Hinzu kommen 3,6 Millionen syrische Flüchtlinge, die in der Bevölkerung für Unmut sorgen: In Gebieten mit hoher Flüchtlingsdichte stiegen die Mieten und Konsumpreise an, außerdem kam es zu sozialen Spannungen. Der oppositionelle Bürgermeister Istanbuls erklärte im Juli, die Syrer hätten die Demografie seiner Stadt zerstört.

Mit dem Einsatz will Erdogan endgültig einen Keil zwischen die Kurden in der Region treiben, von denen nur ein geringer Teil bisher mit der Terrorgruppe PKK oder ihrem Syrienableger YPG sympathisiert.

Sollte Erdogan in Syrien erfolgreich sein, würde das seiner Popularität nutzen. Scheitert er mit seiner Strategie der Unnachgiebigkeit, dürfte die Stimmung im Volk schnell kippen.

Militärisch zeichnet sich ein erfolgreicher türkischer Einsatz ab. Nachdem die YPG-Milizen unter Druck geraten waren, suchten sie Schutz bei Syriens Präsident Baschar al-Assad. Dessen Truppen fielen am Dienstag in die Stadt Manbidsch nahe Aleppo ein. Diese war bis vor Kurzem von YPG und US-Truppen gehalten worden.

Auf Bildern im Internet ist zu sehen, wie syrische und russische Soldaten sowie Söldner verlassene US-Wachposten übernehmen. Andere Videos zeigen, wie russische und amerikanische gepanzerte Fahrzeuge nahe Manbidsch in entgegengesetzte Richtungen aneinander vorbeifahren. Ein Syrienberater des russischen Präsidenten erklärte, Wladimir Putin werde eine Konfrontation mit türkischen Truppen nicht dulden.

Mehr: In einer Welt, die aus den Fugen gerät, müssen Unternehmen wie VW ihre Standortentscheidungen komplett überdenken. Das Werk in der Türkei ist daher ein Testfall für Volkswagen, meint Handelsblatt-Korrespondent Ozan Demircan.

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