Syrien Steinmeier warnt vor „humanitärer Katastrophe“ in Aleppo

In der umkämpften Stadt Aleppo haben Syrien und Russland die Einrichtung humanitärer Korridore angekündigt, damit Menschen die zerstörten Rebellenviertel verlassen können. Doch kaum jemand nimmt das Angebot an.
Der Krieg in Syrien hat deutliche Spuren hinterlassen: Aleppo liegt in weiten Teilen in Schutt und Asche. Quelle: AP
Zerstörte Gebäude

Der Krieg in Syrien hat deutliche Spuren hinterlassen: Aleppo liegt in weiten Teilen in Schutt und Asche.

(Foto: AP)

Damaskus/GenfTrotz der angekündigten Einrichtung humanitärer Korridore bombardiert die syrische Führung weiter Rebellenviertel in der umkämpften Stadt Aleppo. Luftangriffe und Artilleriebeschuss hätten von Rebellen gehaltene Viertel im Norden der Stadt getroffen, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Freitag. Zunächst gab es keine Informationen über Schäden oder Opfer. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier warnte vor einer „furchtbaren humanitären Katastrophe“ in Aleppo.

Am Donnerstag hatte die syrische Führung überraschend verkündet, dass sie gemeinsam mit ihren russischen Verbündeten mehrere humanitäre Korridore einrichten wolle, über die Menschen aus den belagerten Vierteln der früheren syrischen Metropole fliehen könnten. Nach Angaben der Beobachter haben aber bislang nur zwölf Menschen das Angebot angenommen. Rebellengruppen hätten Straßensperren errichtet und verhinderten, dass Menschen sich den Korridoren näherten. Die Routen in den von Rebellen kontrollierten Gebieten seien de facto geschlossen, teilte die Beobachtungsstelle mit.

Blutige Kämpfe um Aleppo
Untergangsstimmung in Aleppo
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Russische Luftangriffe auf die syrische Metropole Aleppo haben nach Angaben von Aktivisten eine Offensive der Rebellen deutlich geschwächt. Die ganze Nacht über hätten die „intensiven russischen Angriffe“ auf den Südwesten von Aleppo angehalten, erklärte die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Das habe die „Gegenoffensive verlangsamt“ und den Regierungstruppen die Rückeroberung von fünf Stellungen ermöglicht, die die Rebellen seit Sonntag unter ihre Kontrolle gebracht hätten.

Katastrophal
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Die in Syrien breit vernetzte Beobachtungsstelle erklärte zudem, seit dem Beginn der neuerlichen Offensive am Sonntag seien 50 Rebellen und mit ihnen verbündete Dschihadisten sowie dutzende Regierungssoldaten getötet worden. Außerdem starben zahlreiche Zivilisten durch den erneuten Rebellenangriff. Die Beobachtungsstelle teilte weiter mit, dass sich unter den 30 Toten auch elf Kinder und sieben Frauen befänden. Die syrischen Regierungstruppen haben die von Rebellen kontrollierten Viertel Aleppos seit Mitte Juli komplett umzingelt. Rund 30.000 Menschen sollen eingeschlossen sein.

Hält die Blockade des syrischen Regimes?
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Bis zum frühen Morgengrauen hätten Rebellengruppen den Südwesten der Metropole heftig unter Beschuss genommen. Wer die Granaten abgeschossen hatte, war zunächst unklar. Die Stadtviertel gelten jedoch als das Hauptziel einer Offensive verschiedener Rebellengruppen. Ziel ist es die Blockade durch das syrische Regime zu brechen. Die Offensive wird von radikalislamistischen Milizen angeführt, die auf die belagerten Stadtviertel vorrücken.

Zivilisten bringen sich in Sicherheit
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Auf der Flucht vor Kämpfen in Aleppo haben sich nach russischer Darstellung mehr als 320 Zivilisten über sogenannte humanitäre Korridore in Sicherheit gebracht, sagte der russische Generalleutnant Sergej Rudskoj. Inzwischen seien in der Stadt sieben solcher Korridore für humanitäre Hilfe eingerichtet worden. Der Uno-Sondergesandte Staffan de Mistura sagte, die Lage in Aleppo sei extrem ernst. Die Versorgung der Menschen reiche nur noch zwei bis drei Wochen.

Auf der Flucht
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Weiterhin haben sich laut dem russischen Generalleutnant Sergej Rudskoj 82 Kämpfer ergeben. Sie erwarten nun einen Straferlass durch die syrische Regierung. Rudskoj führte zudem an, die syrische Armee hab mit russischer Unterstützung einen Angriff von 5.000 Kämpfern abgewehrt. Dabei seien rund 800 Extremisten getötet worden. Für die Zahlen lag zunächst keine Bestätigung vor.

Völlige Zerstörung
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Russland hatte am vergangenen Donnerstag die Einrichtung von Fluchtkorridoren aus Aleppo verkündet. Die Routen sollten den eingeschlossenen Zivilisten sowie den Rebellen, die ihre Waffen niederlegen wollten, einen Weg aus der belagerten Großstadt ermöglichen, erklärte Verteidigungsminister Sergej Schoigu. Russland habe die syrische Regierung dazu gedrängt, diese zu begnadigen, sofern sie keine ernsten Verbrechen begangen hätten. In der Region ist unter anderem der Al-Kaida-Ableger Nusra Front aktiv.

Uno nicht informiert
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De Mistura sagte damals, die Vereinten Nationen seien über die geplanten Korridore nicht informiert worden. Es sei daher zu früh, um eine Einschätzung abzugeben. Er rief Russland und die USA zur Zusammenarbeit auf, um die Kämpfe zu verringern. Die beiden Großmächte unterstützen unterschiedliche Konfliktparteien in Syrien. Beide beteiligen sich aber auch an der Bekämpfung besonders radikaler Gruppen wie der IS-Miliz oder der Nusra Front.

Die Vereinten Nationen riefen Russland auf, UN-Experten die Verwaltung der Fluchtkorridore zu überlassen. Wenn es um humanitäre Hilfe für die notleidende Bevölkerung von Aleppo gehe, seien UN-Organisationen aufgrund ihrer Expertise am besten geeignet, erklärte der UN-Sonderbeauftragte für Syrien, Staffan de Mistura, vor Reportern in Genf. Aktivisten in Aleppo hatten zuvor berichtet, dass die Bewohner der Stadt zögerlich seien und fürchteten, vom syrischen Regime festgenommen zu werden.

Steinmeier sagte in Berlin: „Wer wie das syrische Regime mit Flächenbombardements die Krise auslöst und gleichzeitig unabgesicherte Fluchtwege anbietet, treibt ein zynisches Spiel, stellt die Menschen vor eine erbarmungslose Wahl und versperrt letztlich auch jegliche Aussicht auf eine Wiederaufnahme der Genfer Gespräche.“

Auch Frankreich kritisierte die angekündigten humanitären Korridore als nicht „glaubwürdige Antwort“. „Das humanitäre Völkerrecht verlangt, dass Hilfe schnellstens dorthin gebracht werden kann“, teilte der Sprecher des Pariser Außenministeriums mit.

Die syrische Armee und ihre Verbündeten hatten vor gut zwei Wochen die letzte Versorgungsroute in die Rebellenviertel von Aleppo gekappt. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind zwischen 200.000 und 300.000 Menschen von der Außenwelt abgeschlossen. Internationale Hilfsorganisationen befürchten eine Katastrophe, weil es an Lebensmitteln und medizinischer Versorgung fehle.

  • dpa
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