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Tag der Pressefreiheit Diese drei Journalisten werden nie in ihre Heimat zurückkehren

Weltweit werden Journalisten bedroht, weil sie kritisch über Regierungen berichten. Das Handelsblatt hat drei nach Deutschland Geflohene getroffen.
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Weltweit werden Journalisten bedroht, weil sie kritisch über Regierungen berichten. Quelle: Corbis/Getty Images
Pressefreiheit

Weltweit werden Journalisten bedroht, weil sie kritisch über Regierungen berichten.

(Foto: Corbis/Getty Images)

Aserbaidschan

Er hörte sein Herz so laut pochen, dass er das Geflüster der Männer kaum verstand. Wegen der Tuchtasche über seinem Kopf konnte er auch nichts sehen. Fremde Männer hatten ihn in einen schwarzen SUV gedrängt. Dann war einige Zeit vergangen. Der Wagen stoppte und die Männer zerrten Afgan Mukhtarli in ein anderes Fahrzeug.

Zuvor war er in Georgien gewesen, nun lief ein aserbaidschanischer Sender im Radio. Der Wechsel musste an der georgisch-aserbaidschanischen Grenze stattgefunden haben. Afgan Mukhtarli überkam die Gewissheit: Er würde demnächst in Aserbaidschan hinter Gitter kommen. In seiner Heimat, aus der er nach Georgien geflohen war.

Eineinhalb Jahre später erzählt Mukhtarlis Frau Leyla Mustafayeva diese Geschichte, die ihrem Ehemann Ende 2017 wiederfahren ist. Mukhtarli und Mustafayeva sind beide Journalisten aus Aserbaidschan, sie lernten sich in ihrer ehemaligen Zeitungsredaktion in der Hauptstadt Baku kennen. Mustafayeva berichtete über Menschenrechtsverletzungen, ihr Mann konzentrierte sich auf Korruptionsfälle in der aserbaidschanischen Regierung.

Die Polizei lud beide Journalisten mehrfach vor. Als Mukhtarli im Januar 2015 erfuhr, dass die Polizei ihn verhaften will, entschied er sich für die Flucht ins Nachbarland Georgien.

Als Mustafayeva am nächsten Morgen aufwachte, wunderte sie sich, dass ihr Ehemann über Nacht nicht nach Hause gekommen war. Bei seinem Handy ging nur die Mailbox ran. Auf einmal schrie ihre Tochter: „Mama, Papa ist im Fernsehen!“ Aserbaidschanische Nachrichtensender thematisierten Mukhtarlis Festnahme.

Die aserbaidschanische Journalistin kämpft seit Jahren für ihren Ehemann, der wegen regierungskritischer Artikel im Gefängnis sitzt. Quelle: Reuters
Leyla Mustafayeva

Die aserbaidschanische Journalistin kämpft seit Jahren für ihren Ehemann, der wegen regierungskritischer Artikel im Gefängnis sitzt.

(Foto: Reuters)

„Wie kommt Papa ins Fernsehen?“, fragte ihre damals vierjährige Tochter. Mustafayeva wusste es nicht. Damit die Ereignisse ihre Tochter nicht verstörten, schaltete sie den Fernseher aus.

2016 wechselte die Regierung in Georgien und die Familie kam in Schwierigkeiten. Das Innenministerium wollte die Aufenthalte von Mustafayeva und Mukhtarli nicht verlängern. Plötzlich wurden sie verfolgt, beobachtet. Viele ihrer Kollegen wurden auf offener Straße attackiert.

Die georgische Polizei war keine Hilfe. Also demonstrierten die Eheleute regelmäßig vor der aserbaidschanischen Botschaft. So wollten sie Mustafayeva zufolge zeigen, dass sie sich nicht von der aserbaidschanischen Regierung im Ausland beeinflussen lassen.

Dann erfuhr Mukhtarli von seinen Quellen, dass der aserbaidschanische Geheimdienst ihn festnehmen will. Mukhtarli glaubte nicht daran, dass sie ihn auf georgischem Boden anfassen würden. Georgien würde gegenüber dem Westen keinen Imageverlust riskieren. Er hatte sich geirrt.

Einige Tage nach der Festnahme ihres Ehemannes beobachtete Mustafayeva, wie fremde Männer ihre Wohnung observierten. Daraufhin beschloss sie zu flüchten.

In Deutschland fühlt sich Mustafayeva jetzt sicherer. Um ihre Tochter muss sie sich auch nicht mehr fürchten, aber professionelle Hilfe ist nötig. „Ich muss meine Tochter von der Kita abholen, danach haben wir einen Termin bei der Kinderpsychologin“, sagt sie und verabschiedet sich.

Usbekistan

„Als Schwulenrechtsaktivistin ist sie in Polen in Gefahr, ich muss ihr helfen! Verstehst du das?“, fragt Ali Feruz in gebrochenem Englisch den Mitarbeiter von Amnesty International Deutschland, den er angerufen hatte. Feruz hat einen russischen Akzent. Seine Hände zittern, während er weiter telefoniert.

Der gebürtige Usbeke wurde mit 21 Jahren tagelang gefoltert, weil er homosexuell und regierungskritisch ist. Quelle: imago/ITAR-TASS
Ali Feruz

Der gebürtige Usbeke wurde mit 21 Jahren tagelang gefoltert, weil er homosexuell und regierungskritisch ist.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Er wischt sich den Schweiß mit dem Handrücken von der Stirn und legt dann auf. Gerade als er sein Smartphone in die Hosentasche stecken will, ploppt eine neue Nachricht auf dem Bildschirm auf, dann noch eine: Es sind Dissidenten-Freunde, die um Rat fragen. Feruz eilt zur Haltestelle, weil er noch einen Termin hat. Als er sich auf einen Sitz des klimatisierten Busses fallen lässt, atmet er kurz auf.

Der 32-Jährige ist ein usbekisch-russischer Journalist und Schwulenrechtsaktivist, den der usbekische Geheimdienst im September 2008 festnahm. Der Grund: seine regierungskritischen Artikel und dass er sich als Homosexueller geoutet hatte. Usbekistan bestraft homosexuelle Männer mit bis zu drei Jahren Freiheitsentzug.

Die usbekischen Polizisten folterten den damals 21-Jährigen zwei Tage lang, dann kam er ins Gefängnis. Erst als er ihnen versicherte, dass er keine kritischen Artikel mehr über die Regierung und Homophobie veröffentlichen würde, ließen sie ihn frei. Diese Gelegenheit nutze Feruz, um nach Kirgisistan zu flüchten.

Als er dort von entführten usbekischen Exilanten hörte, ging es für ihn weiter nach Kasachstan. Dort begann Feruz, sich aktiv für Homosexuelle einzusetzen und arbeitete für den Radiosender „Kazakh Service of Radio Free Europe“. Dann reiste er über Russland weiter nach Deutschland.

Feruz will nun eine Online-Plattform aufbauen, auf der Aktivisten und Journalisten sich austauschen sollen. Dafür braucht er Geldgeber, die er über Crowdfunding anwerben will. „Ich will Menschen unterstützen, die, wie ich früher, auf Hilfe angewiesen sind“, sagt er. Die deutsche Sprache, die neue Kultur und die Bürokratie überfordern Feruz allerdings oft.

Meist verliert er sich in seinem Stress, vergisst sogar über Stunden zu essen. In Deutschland ein eigenständiges Leben zu führen, lässt ihn sich „wie ein unbeholfenes Kind fühlen“. Sein Leben in Usbekistan vermisst er allerdings „kein Bisschen“.

China

Hastig läuft Chang Ping über die Straße, als ihm auf der anderen Straßenseite ein etwa 1,90 Meter großer Mann zuwinkt. „Ni hao“, grüßt er ihn auf Chinesisch. Er und Ping haben zusammen mit zwei Frauen 2016 einen privaten Buchclub gegründet und treffen sich einmal pro Woche.

Ping tauscht sich mit den drei Deutschen nicht nur literarisch aus. Immer, wenn der gebürtige Chinese Fragen zur deutschen Kultur hat, wendet er sich an seine Freunde. Mit regimenahen Chinesen, die in Deutschland leben, möchte Ping nicht zusammenkommen.

Der 51-Jährige floh mit seiner Familie über Kambodscha nach Deutschland, weil er in China hinter Gittern gekommen wäre. Quelle: imago stock&people
Chang Ping

Der 51-Jährige floh mit seiner Familie über Kambodscha nach Deutschland, weil er in China hinter Gittern gekommen wäre.

(Foto: imago stock&people)

Der Grund: Ping und seine Familie mussten aus China flüchten. In seiner Heimat gehörte Ping zu den bekanntesten Redakteuren. Aber mit seinen regierungskritischen Veröffentlichungen geriet er immer weiter ins Blickfeld des chinesischen Staates.

Ping schrieb über die Nachteile einer diktatorischen Regierung, kritisierte die Unterdrückung der Frauen und machte seine Leser darauf aufmerksam, wie sehr sich der Staat in die Erziehung der Kinder einmischt. Auch schrieb er Artikel zum Tibet-Konflikt.

Als es in China zu gefährlich wurde, zog Ping erst nach Hongkong, um dort eine Wochenzeitung herauszubringen. Aber im Frühling 2011 verweigerten ihm die Behörden in der Sonderverwaltungszone plötzlich, sein Arbeitsvisum zu verlängern. Zur gleichen Zeit luden Polizeibeamte Pings Frau und Eltern in China vor. Eine Rückkehr nach China kam für ihn seitdem nicht mehr in Frage.

„In den darauffolgenden Monaten musste ich mir einen Plan überlegen, wie ich mit meiner Familie zusammenkomme und wo wir in Sicherheit leben können“, erinnert sich Ping. Der Weg nach Deutschland führte über Kambodscha.

Nachdem seine Frau und seine zweijährige Tochter endlich bei ihm waren, verhalfen ihnen Beamte der deutschen Botschaft zur Ausreise. Das ist jetzt etwa sieben Jahre her.

Heute ist Pings Tochter neun Jahre alt und fühlt sich in Deutschland zugehörig. Er selbst arbeitet bei der Deutschen Welle. „Meine Frau lebt völlig isoliert. Es tut mir so leid, dass sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie und ihren Freunden in China haben kann“, sagt Ping.

Noch immer würden die chinesischen Behörden seine Familie erpressen, auf Ping einzuwirken, damit er die Kommunistische Partei nicht länger kritisiere. Daher steht sein Entschluss fest, den Kontakt zu China endgültig zu kappen.

Den 51-Jährigen beschäftigt auch, dass seine Tochter häufig nach dem Grund fragt, warum sie nie nach China reisen: „Bisher hatte ich nicht den Mut, ihr die Wahrheit zu sagen“, erzählt er. Er habe Angst, dass seine Tochter die chinesische Kultur ablehne, wenn sie alle Hintergründe wüsste. Sie hätte ihn schon belehrt, nicht nur Chinesin, sondern auch Deutsche zu sein.

„Sie hat wirklich eine starke Persönlichkeit und ist ein Sturkopf“, gesteht er. „Von wem hat sie das bloß?“, fragen ihn seine deutschen Freunde mit unüberhörbarem Unterton.

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