Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Terror in Nigeria Auf dem Weg zum gefährlichsten Land der Welt

Nigeria gilt als Afrikas wirtschaftlicher Hoffnungsträger. Doch das Land versinkt im Terror. Wieder massakrierte die Sekte „Boko Hama“ Dutzende Menschen, trotzdem hat die Organisation Zulauf – aus einem einfachen Grund.
1 Kommentar
Nigeria entwickelt sich immer mehr zum Staat der Angst, weil Terror-Sekten immer mehr Macht haben. Quelle: dpa

Nigeria entwickelt sich immer mehr zum Staat der Angst, weil Terror-Sekten immer mehr Macht haben.

(Foto: dpa)

KapstadtRiesige Autoschlangen gehören in Nigeria seit langem zum Alltag des Landes. Vor allem in der Wirtschaftsmetropole Lagos ist der Verkehr derart monströs, dass selbst der geduldigste Besucher am Ende oft verzweifelt.

Selbst auf sechs Spuren herrscht hier zumeist völliger Stillstand – und sogar neben der Autobahn ist für gewöhnlich alles verstopft, weil nigerianische Verkehrsteilnehmer in solchen Fällen nicht lange fackeln sondern sofort parallel zur Teerstraße durch die Botanik pflügen. Es ist der automobile Irrsinn – und irgendwie bezeichnend für die Entwicklung des bevölkerungsreichsten Staates in Afrika mit seinen rund 175 Millionen Menschen.

In der im Landeszentrum gelegenen Hauptstadt Abuja ging es bislang friedlicher zu: Aber selbst hier ist es in den vergangenen Monaten auf den Hauptverkehrsstraßen immer wieder zu großen Staus gekommen. Grund dafür war allerdings weniger die verheerende Infrastruktur als die vielen Straßensperren, an denen die Sicherheitskräfte emsig nach Sprengstoff, Maschinengewehren, Macheten und anderen Waffen suchten, die Nigerias islamistische Sekte Boko Haram im Zuge ihres blindwütigen Terrorkampfes für einen muslimischen Gottesstaat im Norden des Landes verwendet.

Symptomatisch für die Brutalität der Terrorbande waren ihre beiden jüngsten Überfalle auf die kleinen Saheldörfer Izghe und Mafa, bei denen zusammen fast 250 Bewohner grauenvoll massakriert wurden. Wie bereits zuvor waren dabei auch diesmal Dutzende islamistischer Milizen auf Trucks und Motorrädern in die im äußersten Nordosten des Landes gelegenen Dörfer gekommen und hatten dort grauenvoll gewütet, ohne dabei von der nigerianischen Armee gestört zu werden.

Beobachter sehen in dem jüngsten Massaker am Wochenende ein neuerliches Beispiel dafür, dass weite Teile Nigerias, darunter vor allem der verarmte muslimische Norden des Landes, der Kontrolle des Staates inzwischen fast völlig entglitten sind.

Dabei ist „Boko Haram“, was so viel heißt wie „Bildung ist Sünde“, eigentlich weniger mobil als andere Zellen des islamistischen Terrors in der Region – und müsste dementsprechend auch leichter zu bekämpfen sein. Die Gruppe besteht angeblich fast nur aus Nigerianern und hat bis vor kurzem überwiegend Vertreter der nigerianischen Regierung und Einrichtungen der katholischen Kirche angegriffen, die nach Ansicht der Islamisten die „Verwestlichung“ der Muslime in der Region vorantreiben. Seit einiger Zeit werden nun aber auch immer öfter Dörfer mit Muslimen wahllos angegriffen und fast völlig zerstört.

Nigerias Armut entspringt fehlender Bildung

Wieder 31 Tote nach Überfällen in Nigeria

Dabei entspringt die tiefe Armut im Norden Nigerias nicht etwa zu viel moderner Bildung wie „Boko Haram“ behauptet, sondern gerade einem eklatanten Mangel daran: Die Gliedstaaten Borno und Yobe im Nordosten sind die beiden mit der größten Zahl an Analphabeten und der gleichzeitig höchsten religiösen Gewalt.

Daneben hat das extrem brutale Vorgehen der Islamisten viele Investoren und Händler aus der Region vertrieben, so dass nun noch weniger Geld für Soziales zur Verfügung steht, was viele Jugendliche direkt in die Arme islamistischer Fanatiker treibt. So entsteht ein Teufelskreis.

Der christliche Präsident Goodluck Jonathan hat in dem Kampf der nigerianischen Regierung gegen den Terrorismus bislang keine gute Figur gemacht. Frustriert über das Unvermögen der Armee, die Rebellion im Norden erfolgreich zu bekämpfen, hatte er erst zu Jahresbeginn die Militärführung neu besetzt.

Jonathan geht wohl zu Recht davon aus, dass die islamistische Sekte politische Rückendeckung hat, womöglich in seinem eigenen Kabinett. Es ist jedenfalls auffällig, dass sein muslimischer Widersacher Muhammadu Bahari den seit 2009 wütenden Terror von „Boko Haram“ seitdem kein einziges Mal verurteilt hat. Statt dessen wirft Bahari der Regierung fehlende Kompromiss- und Gesprächsbereitschaft vor, obwohl Jonathan den Terroristen verschiedene Verhandlungsangebote unterbreitet hat, darunter eine Amnestie.

Der wohl wichtigste Grund für diese Radikalisierung der muslimischen Jugend ist wohl der völlig aus dem Ruder gelaufenen Bevölkerungszuwachs, der alle noch so kleinen Fortschritte sofort wieder auffrisst: Mit rund 175 Millionen Menschen ist der westafrikanische Ölstaat der mit Abstand bevölkerungsreichste in Afrika und rangiert weltweit bereits heute auf Platz sieben.

Spätestens im Jahr 2100, vermutlich aber noch viel früher, könnte Nigeria mit dann mindestens 900 Millionen Menschen gleich hinter China und Indien weltweit auf Rang drei vorrücken. Jedes Jahr werden in dem kaum entwickelten und fast völlig vom Ölexport abhängigen Land sieben Millionen Kinder geboren – mehr als zehnmal so viel wie in Deutschland.

Dennoch geht das Wachstum fast ungebremst weiter schreibt Reiner Klingholz vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Anders als in vielen Ländern Asiens und Lateinamerikas habe sich die Fruchtbarkeitsrate in Nigeria seit der Unabhängigkeit vor 54 Jahren nur minimal verringert – von damals 6,6 auf nun 5,7 Kinder pro Frau.

Zwei Drittel aller Nigerianer leben in bitterster Armut

Dass schon jetzt mehr als zwei Drittel aller Nigerianer in bitterster Armut leben und ein enormes Konfliktpotenzial bilden, scheint die vielen westlichen Unternehmensberatungen, die Nigeria noch immer als den großen Hoffnungsträger Afrikas verkaufen, nicht weiter zu stören.

Die meisten glauben – wie Roland Berger oder McKinsey – stattdessen noch immer an die oft beschworene „demographische Dividende“, also die Vorstellung, dass das Wirtschaftswachstum eines Landes in enger Verbindung zur Zunahme seiner Bevölkerung im berufstätigen Alter steht, wie das zwischen 1960 und 2000 in Asien der Fall war. Dass die kulturellen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen in Afrika und auch in Nigeria ganz andere sein könnten, wird geflissentlich übersehen.

Dabei hat gerade erst David Bloom von der School of Public Health an der Harvard Universität in einer Studie davor gewarnt, dass eine ganze Reihe von Faktoren es der nigerianischen Wirtschaft sehr schwierig machen, von eben dieser demografischen Dividende zu profitieren. Bereits jetzt gelingt es Nigeria nicht einmal ansatzweise, größere Teile seiner Jugend in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Vor allem unter jungen Männern im Norden dürfte die Arbeitslosigkeit inzwischen weit über 60 Prozent liegen. Für Reiner Klingholz vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist der enorme Überhang an jungen Menschen eine „Garantie für gewaltsame Konflikte“.

Nigeria sei künftig nicht nur eines der jüngsten, sondern auch gefährlichsten Länder der Welt, resümiert er. Die jüngsten Anschläge von „Boko Haram“ und die verlorengegangene Kontrolle der Regierung über den Nordosten des Landes belegen dies in erschreckender Weise.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

1 Kommentar zu "Terror in Nigeria: Auf dem Weg zum gefährlichsten Land der Welt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die Situation in dem Land wird täglich schlimmer. Alle Insider gehen davon aus, das nach den Wahlen im nächsten Jahr ein wirtschaftlicher Zusammenbruch und erhebliche blutige Unruhen kommen werden. Allein in 2013 wurde mehr als die Hälfte (ca 20 Mrd US-$) der Staatseinnahmen von den Eliten (Bundes- und Landespolitikern sowie Wirtschaftsmagnaten) in die eigene Tasche gesteckt (in diesem Jahr wird es noch mehr sein). Der Chef der Zentralbank machte diese Zahl öffentlich und wurde daraufhin von dem korrupten Präsidenten umgehend gefeuert. Die Gelder werden von den Kleptomanen übrigens umgehend in Immobilien, Unternehmen, Banken in Europa und den USA angelegt und die deutschen Premiumhersteller freuen sich über prächtige Verkaufszahlen in Westafrika.
    Als Folge der fehlenden Mittel stehen an Zahlungen der Zentralregierung an die Bundesländern sowie an Staatsbedienstete (Polizei, Militär, Verwaltung, etc) mehrere Monate aus. Ganz zu schweigen von den vielen Projekten in der Infrastruktur, die dringend verbessert werden muss um mit der wachsenden Bevölkerung Schritt zu halten. Viele ausländische Unternehmen, die dort bisher tätig waren haben schon die Segel gestrichen. Zum Einen wegen fehlender Zahlungen (trotz vertraglicher Verpflichtungen der Regierung) zum Anderen wegen der Sicherheitslage.
    Die Nigerianer selbst sagen mir, dass ihr Land keine Zukunft hat (Viele wollen einfach nur weg) - dies erklärt auch das Handeln der Führung bis hinunter zum einfachen Bürger. Die Devise lautet dort:Es gibt kein Gestern, es gibt kein Morgen, es gibt nur das Hier und Heute. God bless Nigeria!