Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Terroranschlag in Christchurch Sechs Minuten lang Schüsse – „Das ist einer der finstersten Tage Neuseelands“

Nach den Angriffen auf Moscheen mit mindestens 49 Toten in Neuseeland hat die Polizei unter anderem einen rechtsextremen Australier verhaftet. Er hat seine Tat im Internet dokumentiert. Das Land diskutiert über Waffenbesitz und Fremdenhass.
Kommentieren

Locator: Al Noor Moschee in Christchurch, Neuseeland

CanberraEs ist ein sonniger Nachmittag, als in der Masjid-al-Noor-Moschee in Christchurch die ersten Schüsse fallen. Ein mit einem Schnellfeuergewehr ausgerüsteter Mann in schutzsicherer Weste, Helm und einer Art Uniform tötet 30 der rund 300 Menschen, die eben mit dem Freitagsgebet begonnen haben. Unter den Toten sind auch Kinder.

Kurze Zeit danach kommt die Meldung, in der fünf Kilometer entfernten Moschee im Stadtteil Linwood seien ebenfalls Schüsse gefallen. Dort sterben zehn Menschen. Doch bald erhöht sich die Zahl der Opfer. Inzwischen sind es mindestens 49 Tote. Viele der Verletzten schweben auch am Abend noch in Lebensgefahr, so das Krankenhaus in Christchurch.

Farid Ahmed beschreibt gegenüber dem neuseeländischen Fernsehen die Szene in der ersten Moschee: „Es war sehr friedlich und ruhig, als das Gebet begann. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.“ Dann seien plötzlich Schüsse gefallen. „Ich war in einem Seitenraum“, berichtet der Mann, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

Dann habe er Menschen rennen gesehen. „Einige hatten Blut am Körper, einige hinkten.“ Es sei ihm dann klar geworden, dass es sich um einen ernsthaften Vorfall handle. Mit seinem Rollstuhl fährt er schnell zu seinem Auto. Dort habe er weitere Schüsse gehört, „sechs Minuten lang“. 

Andere haben Glück: Mitglieder des pakistanischen Cricket-Teams entkommen dem Terror knapp. Ihr Mannschaftsbus ist gerade an der Moschee angekommen, als die ersten Schüsse fallen.

Die Polizei ruft nach den Vorfällen Muslime in ganz Neuseeland dazu auf, keine Moschee zu betreten. Die Lokalregierung bittet die Bevölkerung, zuhause zu bleiben. Schulen werden angewiesen, Kinder in den Klassenzimmern festzuhalten. Das Zentrum von Christchurch wird abgesperrt. Am Abend löst die Polizei die Abriegelung wieder auf.

„Das ist einer der finstersten Tage Neuseelands“, meint Premierministerin Jacinda Ardern in einer ersten Reaktion. Und spricht bald von einem „Terroranschlag“. Es sei offensichtlich, dass der Angriff „gut geplant“ gewesen sei.

Nach kurzen Fahndungen verhaftet die Polizei vier Verdächtige – drei Männer und eine Frau. Ein Fahrzeug war offenbar von Beamten gerammt und der Insasse festgenommen worden. Zwei Autos seien mit Sprengladungen versehen gewesen. Diese seien durch die Armee entschärft worden. Ein Mann wird noch am Abend des Mordes angeklagt.

Neuseelands Premierministerin: „Einer der dunkelsten Tage in der Geschichte Neuseelands“

Wie der australische Premierminister Scott Morrison erklärt, handelt es sich bei einem der Täter um einen 28-jährigen australischen Rechtsextremisten, der seit einiger Zeit in Neuseeland lebe. Der Mann hat im Internet offenbar nicht nur ein Video seiner Taten hinterlassen, sondern auch ein Manifest, in dem er seine politische Haltung klar macht. Die Polizei warnt im Kurznachrichtendienst Twitter vor „extrem erschreckenden Bildern“ aus einer der angegriffenen Moscheen.

Im Video ist ein weißer, kurzhaariger Mann zu sehen, der bei einer der Moscheen vorfährt. Auf seinem Beifahrersitz liegen Waffen, aus dem Lautsprecher dröhnt ein nationalistisches serbisches Lied. Als er aussteigt, ist das Gesicht des Mannes zu sehen: Er blickt bewusst in die Kamera.

Dann betritt er die Moschee und beginnt den Amoklauf. Er zielt auf einzelne Personen und auf Gruppen von Menschen. Betreiber sozialer Netzwerke bemühten sich am Abend, das Video aus dem Internet zu entfernen.

Wie kamen die mutmaßlichen Täter an Waffen?

Wie australische Medien in der Nacht auf Samstag berichten, soll es sich beim Hauptverdächtigen um den Fitnesstrainer Brenton T. aus der Stadt Grafton nördlich von Sydney handeln. „Er war ein sehr engagierter Trainer“, zitiert der australische Fernsehsender ABC eine ehemalige Arbeitskollegin. T. habe Kindern sogar kostenlos Unterricht gegeben.

Der Mann sei durch Europa und Asien gereist und auch in Nordkorea gewesen. Der mutmaßliche Attentäter beschreibe sich selbst als „regulärer weißer Mann, der aus einer normalen Arbeiterfamilie mit niedrigem Einkommen stammt“, berichtet ABC.

Ermittlungen von Polizei, Gerichten und Geheimdiensten werden in den kommenden Wochen und Monaten zutage bringen, wie es zum folgenschwersten Massaker in der jüngeren Geschichte Neuseelands kommen konnte. Der oder die Täter waren offenbar mit Hochleistungswaffen ausgerüstet. Eine mögliche Erklärung: Neuseeländer sind begeisterte Jäger – Waffen haben einen Kultstatus.

Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Quelle: dpa
Polizei vor einer Moschee im Zentrum von Christchurch

Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren.

(Foto: dpa)

Trotzdem ist der Erwerb nicht so einfach wie etwa in den Vereinigten Staaten. „Wie war es möglich, dass ein Mann, der nur ein paar Wochen im Land war, eine solches Gewehr erwerben konnte?“, fragte am Freitag der australische Terrorismus-Experte Greg Barton. Neuseeland hat kein Waffenregister. In dem Land mit 4,8 Millionen Einwohnern befinden sich schätzungsweise eine Million Waffen.

Gegenstand der Untersuchungen wird auch sein, welche Rolle neuseeländische Nachrichtendienste und die Polizei gespielt haben. Obwohl die terroristische Bedrohungslage von Experten generell als gering eingeschätzt worden war, hätte die Vorbereitung der Attentate von den Behörden aufgedeckt werden sollen, kritisieren mehrere Kritiker in den Medien. Scheinbar gab es aber keinen Hinweis auf die Existenz ultrarechter Gruppierungen von substanzieller Größe.

Nur rund 50.000 Muslime leben in Neuseeland, etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Die größte Religionsgruppe ist das Christentum. Wie die große Mehrheit der Einwanderer, sind Muslime gut eingegliedert. Neuseeland gilt als vorbildliche multikulturelle Gesellschaft. Größere Konflikte zwischen Ethnien gibt es selten.

In den vergangenen Jahren richtete sich die Opposition aus gewissen Kreisen der Bevölkerung jedoch gegen asiatische Einwanderer, die Immobilien kaufen und damit die Preise für Wohneigentum und Mieten dramatisch in die Höhe hätten steigen lassen, sagen Kritiker. Die Regierung Ardern schränkte jüngst die Möglichkeiten ein, wie Ausländer Immobilen kaufen können.

Im Verlauf des Tages kondolierten Staats- und Regierungschefs auf der ganzen Welt den Neuseeländern. Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ über Twitter verlauten, sie „trauere mit den Neuseeländern um ihre Mitbürger, die friedlich betend in ihren Moscheen überfallen und aus  rassistischem Hass ermordet wurden“. Auch Papst Franziskus und die britische Königin Elisabeth II, das Staatsoberhaupt auch von Neuseeland, sprachen ihr Beileid aus.

Aufregung in Australien

Die Folgen der Anschläge zogen sich in der Nacht bis nach Australien. Dass es sich beim mutmaßlichen Haupttäter um einen Australier handeln könnte, sorgte für Aufruhr in den Medien und in der Bevölkerung. Ein Kritiker meinte, er habe die „gegen Einwanderer gerichtete Polemik der konservativen Regierung umgesetzt“.

Der ultrarechte Politiker Fraser Anning reagierte auf die Nachricht mit der Frage, ob „irgendjemand noch den Zusammenhang zwischen muslimischer Immigration und Gewalt“ in Frage stelle. Er wurde sowohl von Premierminister Scott Morrison als auch anderen Politikern für die Bemerkung verurteilt.

Die aus Pakistan stammende Grünen-Abgeordnete im australischen Parlament, Mehreen Faruqi, hingegen meinte, der Angriff sei „kein isolierter Vorfall mit mysteriösem Hintergrund. Das ist eine Folge des islamophoben, rassistischen Hasses“, der in Australien durch gewisse Politiker und Medien „normalisiert und legitimiert“ werde.

Brexit 2019
Startseite

Mehr zu: Terroranschlag in Christchurch - Sechs Minuten lang Schüsse – „Das ist einer der finstersten Tage Neuseelands“

0 Kommentare zu "Terroranschlag in Christchurch: Sechs Minuten lang Schüsse – „Das ist einer der finstersten Tage Neuseelands“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.